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Die Chance liegt in der Zusammenarbeit

Hoyerswerdas Landrat i. R. Wolfgang Schmitz sprach im Martin-Luther-King-Haus zu Perspektiven der Region.

Hoyerswerdas Landrat i. R. Wolfgang Schmitz bei seinem Vortrag im Martin-Luther-King-Haus an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße.
Hoyerswerdas Landrat i. R. Wolfgang Schmitz bei seinem Vortrag im Martin-Luther-King-Haus an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Miteinander Reden“ heißt eine Gesprächsreihe der evangelischen Neustadtgemeinde von Hoyerswerda, die während der Interkulturellen Woche des Landkreises Bautzen Menschen im Hoyerswerdaer Martin-Luther-King-Haus an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße zusammenführt. Wolfgang Schmitz, ehemaliger Landrat des Kreises Hoyerswerda, sprach bei dem jüngsten Abend dieser Reihe über den Strukturwandel in der Lausitz im Zuge des Ausstieges aus der Kohleverstromung.

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Irrweg Erdöl statt Braunkohle

Solche Veränderungen machen einerseits vielen Menschen Angst, während sich andere auf Möglichkeiten freuen, diese Prozesse mitzugestalten, eröffnet Pfarrer Jörg Michel die Veranstaltung.

„Es gab in der Lausitz schon drei Kohlekrisen“, sagt Wolfgang Schmitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Sowjetunion im Rahmen der Reparationszahlungen Braunkohleverarbeitungstechnik abtransportieren. Unter anderem nahmen sie die Brikettfabrik Welzow mit, die damals modernste in Europa. 1969 entschied der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, dass Erdöl Vorrang vor der heimischen Kohle bekäme. „Diese Phase hielt aber nicht lange an“, so Schmitz, denn Erdöl wurde rasch rasant teurer und war auf dem Weltmarkt bald nur noch für Devisen zu haben (die die DDR nicht hatte, und auf die Lieferungen des „Großen Bruders“, der UdSSR -Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Vorgänger des heutigen Russland-, war nicht immer Verlass, wenn russisches Öl für „hartes Geld“ in den Westen geliefert werden konnte).

Hoffnung in Schwarze Pumpe

Nach 1990 war Braunkohle auf dem Weltmarkt nicht mehr gefragt. Die maroden Brikettfabriken verschwanden und Tagebaulandschaften wurden rekultiviert. Viele nun arbeitslos gewordene Menschen verließen die Region. Wolfgang Schmitz musste als Landrat von 1990 bis 1995 mit den entstehenden Verwerfungen in der Gesellschaft umgehen. Der Landkreis errichtete damals das Berufliche Schulzentrum „Konrad Zuse“, damit die Jugend hier eine Berufsausbildung absolvieren kann. Um wenigstens einige hoch qualifizierte Fachkräfte aus dem Gaskombinat Schwarze Pumpe (GSP) in der Region zu halten, gründete Wolfgang Schmitz mit Prof. Dr. Peter Biegel und anderen die Lautech (Lausitzer Technologiezentrum) GmbH. Auf dieser Basis entstanden Betriebe wie die Bergener Pewo Energietechnik GmbH und deren spätere Abspaltung, die heute im Hoyerswerdaer Gewerbegebiet Nardt ansässige Yados GmbH. Die Vitrinen- und Glasbau Reier GmbH Lauta ist heute Weltmarktführer und auf dem Gelände des GSP (nunmehr „Industriepark Schwarze Pumpe“) arbeiten nach anfänglichem Fast-Total-Niedergang wieder circa 4.500 Menschen, weiß Wolfgang Schmitz (zu Kombinats-Hochzeiten waren es 17.000, d. Red.). Um diese positive Entwicklung trotz der Corona-Pandemie bis zur Abschaltung der Kohlkraftwerke im Jahr 2038 fortzuführen und dann ehemaligen Kumpeln hochwertige Arbeitsplätze anbieten zu können, fließen Bundeshilfen auch in die Lausitz.

Kupfer-Chance und Zuse-Campus

Besonders wichtig ist der Ausbau der Straßen- und Schienenwege, damit sich größere Firmen ansiedeln, sagte der Vortragende und fand die Zustimmung seiner Zuhörer. Südlich von Berlin, bei Grünheide, wird jetzt das Tesla-Werk (für Elektro-Automobile) gebaut, und in Cottbus soll ein großes Eisenbahnreparaturwerk entstehen. Der Abbau der Kupferschiefer-Lagerstätte Spremberg-Weißwasser, die schon die DDR erkundet hat (und deren Ausbeutung jetzt auf Grund des Verfalls der Weltmarktpreise vorerst zurückgestellt worden ist, d. Red.), würde in der mittleren Lausitz Arbeitsplätze schaffen. Die Verarbeitung des gewonnenen Rohstoffs soll ebenfalls hier geschehen, damit die Region von dem Bodenschatz maximal profitiert. Unterschiedliche Gesetze in den Bereichen Bergbau sowie Wassernutzung in Brandenburg und Sachsen erschweren aber die Zusammenarbeit, findet Schmitz. Er fordert, „übertriebenen Föderalismus zu entschlacken“. Die Kohleländer Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sollen insgesamt gegenüber der Bundesregierung am gleichen Strang ziehen – und vor allem am selben Ende dieses Stranges.

Fotovoltaik- und Windkraftanlagen zur Stromerzeugung aus alternativen Energien sieht Schmitz auf rekultivierten Tagebauflächen. Das Lausitzer Seenland, ein schönes Hoyerswerda mit Kitas, Schulen, Kulturangeboten und einer guten medizinischen Versorgung sollte Familien herlocken, die Schrumpfung der Stadt aufhalten. Um den Menschen Hoffnung auf einen erfolgreichen Wandel zu machen, muss die Politik gerade in der Anfangsphase Zeichen setzen, sagt der Landrat a. D. Er findet, der Zuse-Campus wäre das richtige Projekt, denn eine Technische Hochschule wollte er schon in den 1990er-Jahren hier errichten.

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