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Die Verbundenheit zu Heimat bewahren

Die Dichterin Andra Schwarz nähert sich immer wieder ihren Wurzeln.

Andra Schwarz lebt heute in Leipzig und lässt Eindrücke aus der Lausitzer Heimat in ihre Texte einfließen.
Andra Schwarz lebt heute in Leipzig und lässt Eindrücke aus der Lausitzer Heimat in ihre Texte einfließen. © Foto: Ildiko Sebestyen

Michalken/Leipzig. Liegen an grenzen das dubringer moor hinterm acker geteiltes land aufgeschürfte gegend am rand die verschwisterten linien einer sprache die viel zu weit vorn liegt an der spitze der zunge ich schleife sie ab“ So beginnt das Gedicht „Liegen an Grenzen“ der Schriftstellerin Andra Schwarz (38). Sie kommt aus Michalken bei Hoyerswerda und lebt heute in Leipzig.

Am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte sie Literarisches Schreiben. Heute arbeitet sie freiberuflich als Autorin und Dozentin. 2017 legte Andra Schwarz mit dem Band „Am morgen sind wir aus glas“ ihr lyrisches Debüt vor. Für ihre Gedichte erhielt sie 2015 den Lyrikpreis beim 23. open mike, der neben dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis der wichtigste Wettbewerb für literarische Neuentdeckungen ist, und 2017 den Leonce-und-Lena-Preis (Literaturpreis der Stadt Darmstadt für Nachwuchs-Lyriker).

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Über ihre Verbundenheit zur Lausitzer Heimat, ihren Zugang zu den Sorben und ihr Schreiben sprach TAGEBLATT mit der Dichterin und Schriftstellerin.

Frau Schwarz, am 4. Oktober lasen Sie auf Einladung des Hoyerswerdaer Kunstvereins zusammen mit der sorbischen Dichterin Róža Domašcyna aus Bautzen und Uwe Salzbrenner aus Dresden zur Buchpremiere aus der Anthologie „Weltbetrachter“. Wie erlebten Sie diese Lesung in Hoyerswerda?

Ich habe mich über die Einladung sehr gefreut, da es meine erste Lesung in Hoyerswerda war und ich damit an dem Ort lesen konnte, an dem mein Schreiben begann. Ich war besonders beeindruckt von dem Interesse an Lyrik und die konzentrierte Atmosphäre im Rahmen der Veranstaltung.

Wie bereichernd sind gerade solche Lesungen in Ihrer Heimat? Ist das wie eine Rückkehr für Sie?

In gewisser Weise ja, da die Gegend der Lausitz Ursprung und Quelle für mein Schreiben ist und ich den Ort meiner Kindheit gern aufsuche, um wieder zu mir zu kommen.

Sie stammen aus Michalken bei Hoyerswerda. Wie wuchsen Sie dort auf?

Unsere Familie besitzt einen der traditionellen Vierseithöfe im Dorf mit Nähe zum Wald, zur Teichwirtschaft Zelder und zum Dubringer Moor. Ich bin gemeinsam mit meiner Schwester auf dem Hof meiner Eltern und Großeltern aufgewachsen und habe dort in unmittelbarer Berührung mit der Land- und Viehwirtschaft meiner Großeltern meine Kindheit verbracht.

Haben Sie noch sorbische Wurzeln in der Familie? Wer sprach / spricht noch aktiv die Sprache in der Familie?

Meine Groß- und Urgroßeltern mütterlicherseits sind Sorben und ihr sorbischer Name geht auf die „Elster“ zurück. Allerdings wurde das Sorbische in der Zeit des Nationalsozialismus an den Schulen verboten, so dass meine Großeltern nur zu Hause und mit den sorbischen Nachbarn ihre Sprache ausüben konnten. In der Zeit der DDR wurde die sorbische Tradition zwar wieder gepflegt, aber die Sprache durch die progressive Stadtentwicklung von Hoyerswerda mit dem Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe und der Zerstörung sorbischer Siedlungen immer weiter zurückgedrängt.

Wie erlebten Sie als Kind und als Jugendliche die sorbischen Traditionen und Bräuche im Ort mit?

Vor allem das Osterfest mit dem traditionellen Eier-Verzieren ist mir außer anderen Anlässen wie das Feiern der Vogelhochzeit oder das Zampern aus der Kinderzeit in Erinnerung. Das ganze Haus meiner Großeltern beherbergte Erinnerungsstücke wie sorbische Trachten und Tücher, sorbische Bücher, einen Webstuhl und Fotos sorbischer Hochzeiten. Mein Uropa pflegte bis zu seinem Tod das Weidenflechten und ich erinnere mich gern daran, wie er im Hof in der Sonne saß und ein weiterer Korb oder Besen in seinen Händen entstand.

Wie pflegte die Familie zu Hause die Traditionen und Bräuche? Wie waren Sie selbst darin eingebunden?

Ich glaube, als Kind ist man unbewusst Teil von Ritualen, die erst später wieder Gewicht und Bedeutung bekommen, wenn sie bereits den Zauber des Vergangenen in sich tragen und man sich durch einen Zufall an ein Wort, einen Geruch oder eine Begebenheit an sie erinnert. Jetzt in diesem Moment zum Beispiel habe ich die Elstern aus Ton vor Augen, die ich als Kind zur Vogelhochzeit gestaltet habe und die noch heute in der Küche meines Elternhauses stehen. Oder ich denke an die Fotoalben meiner Groß- und Urgroßeltern, die auf eindrückliche Weise, den Wandel der sorbischen Sprache und Kultur im letzten Jahrhundert sichtbar machen. Das berührt mich, weil ich merke, wie entfernt wir heute von diesen Traditionen leben, die ja auch immer etwas mit Gemeinschaft, Familie und Kultur zu tun haben.

Wie fanden Sie Zugang zur Sprache? Haben Sie Sorbisch im Kindergarten und in der Schule gelernt?

Durch meinen Urgroßvater und meine Großeltern kam ich schon als Kind in Berührung mit der sorbischen Sprache, obwohl sie von meiner Mutter nicht gesprochen wurde. Erst in der Grundschule gab es Sorbisch für kurze Zeit als fakultatives Unterrichtsangebot. Rückblickend finde ich es schade, dass ich Sorbisch nie gelernt habe, da mir so die Möglichkeit genommen wurde, einen wesentlichen Teil meiner Wurzeln kennenzulernen oder zu begreifen. Eine andere Sprache eröffnet dem Einzelnen den Zugang zu einer ganz neuen Perspektive auf die Welt und bietet so gesehen die Möglichkeit, zwischen den Welten zu wandern und verschiedene Blickwinkel einzunehmen.

Wie entdeckten Sie ihre Freude am Schreiben und Dichten?

Einerseits durch entsprechende Lektüre-Erfahrungen wie Rilke, Celan oder Goethe und anderseits durch die Musik, da gerade die Poesie eine literarische Gattung ist, die sehr eng mit musikalischen Parametern wie Metrum, Rhythmik, Melodik verwoben ist.

Welche Inhalte thematisiert ihr Lyrik-Debüt „Am morgen sind wir aus glas“?

Die Gedichte bewegen sich über die Ländergrenzen hinweg durch verschiedene landschaftliche Räume, sie konservieren Erinnerungen an bestimmte Orte, Menschen oder Momente und tasten sich mitunter an die Orte meiner Kindheit heran.

Wie weit nimmt das Lyrik-Debüt Bezug zur Lausitzer Heimat?

Es gibt Kapitel, die sich explizit der Lausitz nähern und den verschiedenen Problemen in der Region zuwenden – wie der Abwanderung nach der Wende, dem Braunkohleabbau und dem damit einhergehenden Verschwinden der sorbischen Lebensräume sowie dem Sprach- und Identitätsverlust der Sorben.

Was bewegt und inspiriert Sie zum Schreiben und Dichten?

Der Impuls für das Schreiben entsteht aus Beobachtungen, die ich mache und die mir dann später wieder ins Bewusstsein kommen. Häufig ist dabei ein Vers Ausgangspunkt.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Momentan arbeite ich an dem Manuskript des zweiten Gedichtbandes, der sich von dem eigenen Herkunftsort wegbewegt und sich verschiedenen Gegenden Osteuropas zuwendet.

Wie stark fühlen Sie sich noch mit der Heimat verbunden?

Die Lausitz ist und bleibt ein wichtiger Impulsgeber für mein literarisches Schaffen und meine persönliche Entwicklung, da die Herkunft immer auch die Frage nach der eigenen Identität berührt.

Wie bereichernd ist die Zusammenarbeit mit Róža Domašcyna und mit weiteren sorbischen Dichtern?

Ich bin froh, dass es Dichterinnen wie Róža Domašcyna gibt, die sich vor Ort durch ihre Dichtung für das Erleben und Leben der sorbischen Sprache auf eindrucksvolle und überzeugende Weise einsetzen. Róža verdanke ich die Veröffentlichung des Gedichtes in der kürzlich erschienenen sächsischen Lyrik-Anthologie „Weltbetrachter“ beim Poetenladen und die Einladung zur Lesung im Schloss Hoyerswerda. Ich bin dankbar, dass sie mich als Nachwuchslyrikerin unterstützt und hoffe, mit dem Schreiben von Gedichten meinen Dank zurückgeben zu können.

Haben Sie schon auf Sorbisch gedichtet?

Nein, bisher nicht, allerdings beziehe ich manchmal das Sorbische in die Gedichte mit ein und versuche auf diese Weise in Berührung mit der Sprache zu kommen.

Wollen Sie Sorbisch lernen?

Ich habe zwei Jahre Polnisch gelernt, was dem Sorbischen sehr nah ist und wodurch ich mein sprachliches Defizit im Sorbischen ausgleichen kann, aber folgerichtig wäre es schon. Vielleicht etwas für später?

Was wollen Sie von den Sorben und über die Sorben unbedingt noch kennenlernen?

Tatsächlich spüre ich immer deutlicher, wie das sorbische Leben in unserer Familie mit dem Leben meiner 87-jährigen Großmutter verbunden ist und die gemeinsame Zeit immer weniger wird. Wenn ich könnte, würde ich gerne die Zeit anhalten, um sie genauer kennenzulernen – die Geschichte von ihr und unserer sorbischen Familie.

Weihnachten 2020 wird stiller und innerlicher als sonst. Wie verbringen Sie das Christfest in diesem Jahr?

In der Natur. Die Natur bietet einen besonderen Rahmen, in sich zu gehen und sich zu begegnen. Ich wünsche mir, dass wir Menschen die Gesellschaft wieder als einen Ort der Gemeinschaft verstehen, dass wir aufeinander zugehen, uns gegenseitig unterstützen, abseits von Ressentiments und Vorurteilen gegenüber Minderheiten.

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