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Die Zeit bewahren

Die 10 a des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums lieferte für ein Stück der Landesbühnen Sachsen Radebeul die Vorlage.

Bei der Premiere bei den Landesbühnen Sachsen (LBS) in Radebeul.
Bei der Premiere bei den Landesbühnen Sachsen (LBS) in Radebeul. © Foto: Jürn Lehnig

Hoyerswerda/Radebeul. Geschichte(n) geschrieben hat die jetzige Klasse 10 a des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums: Die SchülerInnen haben für ein Theaterstück der Landesbühnen Sachsen Radebeul (LBS) die Vorlage geliefert. Es heißt „Zwischen Pitti und Stern Meissen – Kindheit in Sachsen“. Diese Collage von Esther Undisz verarbeitete Erinnerungen an die DDR, genauer gesagt, an die Kindheit und Jugend derer, die es wissen müssen, weil sie diese Zeit selbst erlebt haben. 

Als die Idee dazu geboren war, blieb ein Problem: Wie an diese Erinnerungen, in möglichst authentischer Form, kommen? Lösungs-Ansatz der Radebeuler; 2019, als das Stück geplant wurde: Lassen wir doch Schüler in ihrer Familie, in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis fragen, wie es damals wirklich war!

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Neben dem Lößnitzgymnasium Radebeul und der Oberschule Schmiedeberg wurde das Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasium ausgewählt, Partner dieses Projekts zu werden – und hier war es konkret die damalige Klasse 9 a (jetzt 10a) von Antje Lehnig, die als Projektarbeit die Recherche für die Theaterleute betreiben sollte.

Am 3. Oktober hatte das Stück in Radebeul Premiere – vor den Schülern und den Zeitzeugen. Da lag es für TAGEBLATT nahe, im Nachgang die Interviewer vom Herbst 2019 die Seite wechseln zu lassen und selbst zu Interviewten zu werden; Auskunft zu geben, wie das Projekt entstand, Gestalt annahm, und was künftig daraus werden könnte.

Wie lief das Projektim Herbst 2019 an?

Ganz unkompliziert; weiß Sophie Emmrich. „Zwei Leute von den LBS waren an der Schule, haben uns ihr Vorhaben erläutert, unter anderem mit Rollenspielen; und dann haben sie uns anheim gestellt, die Interviews alleine oder in Partner-Arbeit zu führen – so authentisch wie möglich.“ Celina Lehmann ergänzt: „Vier Bereiche waren «vorgegeben»: Kindheit, Schulzeit, Freizeit und Erinnerungen. Dazu sollten insgesamt zehn Fragen gestellt werden.“ Bei deren Themen waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt, und so wurde neben Ernsthaftem auch Originelles erfragt, beispielsweise von Jennifer Gemsa, die von ihrer Oma nicht nur wissen wollte, was die Jugendlichen heute von denen damals unterscheidet, sondern auch, ganz persönlich, was etwa in ihrer Zuckertüte war.

Nach einem zweiten Treffen mit den Theaterleuten nach den Herbstferien 2019 wurden die Früchte zusammengetragen – und weitergereicht. Zum einen wurden Mappen und Audiodateien mit den Antworten nach Radebeul gegeben, und, ganz wichtig, das Einverständnis der befragten Zeitzeugen, dass ihre Aussagen für das Theaterstück verwendet werden dürfen. Nicht minder wichtig: ein dreiminütiger Pitch (also eine kurze verbale Präsentation) des jeweiligen Interviewer(team(s), was denn die Quintessenz der gesammelten Auskünfte sei – und was die jungen Fragesteller selbst am meisten bewegt hatte.

Was hat sich davon im Theaterstück wiedergefunden?

Nun weiß jeder Literatur-, Film- und Theaterfreund, dass bei der Bearbeitung einer literarischen Vorlage für die Leinwand oder die Bühne mitunter etwas ganz anderes herauskommt, als das, was man im Buch fand. Bei Belletristik ist das die Regel, aber bei biographischen Fakten und Sätzen sollte es „werksgetreu“ zugehen. Genau das haben die Landesbühnen beherzigt. Luise Nuck, die mit Sophie Emmrich ein Interview-Team gebildet hatte, war bei der Premiere ein bisschen überrascht und des Lobes voll: „Es wurde echt viel von dem, was wir «geliefert» hatten, verwendet. Auch für die Zeitzeugen war das bewegend – einerseits ihre Jugend nochmal zu erleben, andererseits zu sehen, was aus den Interviews geworden ist, die ja nun auch schon wieder ein Weilchen zurücklagen.“ Tara Nowotnik saß im Publikum neben ihrer Mutter, die sie befragt hatte. „Sie hat oft gelächelt, als sie das gesehen hat. Es war schön, wie das ’rüberkam.“ Sophie Emmrich glaubt, und damit hat sie sicher recht, dass das auch eine Art großes Geschenk an die Eltern und die Befragten überhaupt war, dass sich jemand wirklich für ihre Geschichte interessiert und sie künstlerisch umgesetzt hat. Aber auch für die Schülerinnen sei das alles ein absoluter Gewinn gewesen, „denn wir wissen ja nicht, wie es in der DDR war; das sind Erfahrungen, die uns vieles besser verstehen; ja, überhaupt erst verstehen lassen, was die Generation «vor uns» geprägt hat.“

Würden Lessings heute noch einmal bei einem ähnlichen Projekt mitmachen ...

... vielleicht einem, das sich mit der direkten Wendezeit befasst? „Auf jeden Fall“, ist Luise Nuck sicher. „Ich kann das jedem empfehlen. Man erfährt so viel über die Familie, was man ohne dieses Projekt nie gewusst hätte. Es ist wichtig, Erinnerungen aufzubewahren und weiterzugeben.“

Wie wäre es mit einem Rollentausch,15 oder 20 Jahre später?

Nun, für TAGEBLATT sind aus den Interviewern ja schon einmal Interviewte geworden – aber wie wäre es mit einem kompletten Szenenwechsel? Wenn aus den Fragestellern von heute Eltern geworden sind, deren Kinder mit ähnlichen Fragen zur heutigen Zeit aufwarten: „Wie war denn das damals, 2020 ...?“ – würden die Lessings dann mitspielen? Diese Frage beantworten alle mit einem klaren „Ja“. „Ich würde es machen. Ich lebe auf einem Landwirtschaftshof. Da gibt es so viel, was es zu erzählen gäbe, von schönen Sachen, aber auch davon, was schief gegangen ist. Das sind vielleicht Dinge, von denen dann keiner mehr etwas weiß, von denen es aber sehr schade wäre, wenn sie in Vergessenheit gerieten“; hat Michele Poethe schon Vorstellungen, wovon sie berichten würde. Celina Lehmann meint zwar, dass sie jetzt noch nicht so viel parat hätte, „aber ich würde’s mitmachen, denn in den nächsten Jahren wird sich gewiss so viel ereignen, dass es sich lohnt, darüber zu reden.“ Das sieht Victoria Florian ähnlich. Sie wüsste schon, dass lustige Erlebnisse, vor allem bei Urlaubsreisen, einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte(n) ausmachen würden. Ganz konkrete Vorstellungen hat Sydney Dittrich: „Ich würde den Kindern erzählen, wie Corona das Leben total verändert hat und wie wir damit umgegangen sind.“ Ähnlich würde es Raja Rademacher halten: „Es ist unbedingt wichtig, die Erinnerung zu behalten und mit den «Späteren» zu besprechen; wie die Menschen auf die Pandemie reagiert haben.“ Sophie Emmrich findet ein treffendes Schlusswort: „Es ist immer schön, an Dinge zu erinnern, die ansonsten verloren wären – und das wäre doch absolut schade.“

Auch Lehrerin Antje Lehnig glaubt das und erinnert an den letzten Satz auf der Bühne: „Es ist gut, dass wir darüber gesprochen haben. Gut, dass wir miteinander gesprochen haben.“ Sie hofft, dass das Stück in absehbarer Zeit in der KulturFabrik Hoyerswerda zu sehen sein wird, damit die Hoyerswerdaer sich ein Bild machen können, wie viele lebendige Geschichten es in ihrer Mitte gibt – als Ermunterung, mit den eigenen Enkeln und Kindern zu sprechen; die eigene Geschichte weiterzugeben.

Wer nicht so lange warten mag: „Zwischen Pitti und Stern Meissen“ läuft an den Landesbühnen Sachsen Radebeul (Meißner Straße 152 / Tel. 0351 89540) nochmals am 18. Oktober (ein Sonntag / 18 Uhr) und am 30. Oktober (ein Freitag / 18 Uhr) jeweils auf der Studiobühne.www.landesbuehnen-sachsen.de

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