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Dopingopfer, Herzinfarkt – und Mut

Der Hoyerswerdaer Steffen Täuber erlitt Schicksalsschläge. Mit viel Willen und Hilfe des Sportclubs steht er wieder im Leben.

Probesitzen beim Ergometer-Training. Steffen Täuber (links) und SC-Trainer Tom Sebastian hoffen darauf, dass die Herzsportgruppe und alle anderen Reha-Teilnehmer bald wieder gemeinsam etwas für Ihre Gesundheit tun können.
Probesitzen beim Ergometer-Training. Steffen Täuber (links) und SC-Trainer Tom Sebastian hoffen darauf, dass die Herzsportgruppe und alle anderen Reha-Teilnehmer bald wieder gemeinsam etwas für Ihre Gesundheit tun können. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Hoyerswerda. Sein Entschluss steht fest. Steffen Täuber will springen. Ein Bein steht bereits auf der Brüstung eines Hochhauses, während im Hintergrund rockige Discomusik läuft. Glücklicherweise kann ihn seine Freundin und spätere Ehefrau in letzter Minute von dem Suizidversuch abhalten. Genau erklären kann sich Steffen Täuber die Sinnesverwirrung zum damaligen Zeitpunkt nicht. Der Student steht in der Blüte seines Lebens und ist ein sehr erfolgreicher DDR-Judoka.

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Keiner in seinem Umfeld nimmt das Wort „Depression“ in den Mund. Freilich wusste der 67-Jährige damals auch (noch) nicht, dass er einige Zeit heimlich gedopt wurde. Und das nahezu tagtäglich. Die kleinen, bunten, vermeintlich harmlosen „Vitaminpillen“ gibt es für den jungen Leistungssportler zum Frühstück dazu.

Fatale Spätwirkungen

Die Tragik des jahrelangen heimlichen Dopings bekommt eine neue Reichweite, als der Olympiakader später zudem erkennen muss, dass er unter chronischen, nicht heilbaren Muskelverspannungen leidet, die ihn bis heute begleiten. Lange Zeit kann er auch keine Kinder zeugen. Irgendwann klappt es glücklicherweise mit dem Nachwuchs. Die Freude der Eltern ist sehr groß. Doch die Spuren des Dopings hat der Familienvater vermutlich auch an seine Kinder vererbt, wie sich später herausstellen soll.

Steffen Täuber ist eines von 1.633 anerkannten Dopingopfern der DDR. Die gezahlte Entschädigung ist für den ehemaligen Leistungssportler freilich keine wirkliche Wiedergutmachung für die Lügen, die ihm erzählt wurden, und den erlittenen körperlichen und seelischen Missbrauch. Auch die geplante, aber bisher vom Staat noch nicht beschlossene Rentenzahlung für Dopingopfer kann keine Genugtuung sein. Dafür ist zu viel passiert. „Wenn ich nicht so eine Kämpfernatur wäre, hätte sich vieles wohl noch negativer in meinem Leben entwickelt“, ist sich der ehemalige Berufsschullehrer sicher.

„Dann werden Sie jetzt sterben“

Vor drei Jahren ereilte Steffen Täuber der nächste Schicksalsschlag: Es geschah an einem Nachmittag. Der durchtrainierte Mittsechziger war gerade auf dem Weg zum Einkauf, als er plötzlich und völlig unerwartet massive Schmerzen im Brustkorb mit Engegefühl, Atemnot und Schweißausbrüchen spürte. Seine Lederjacke war binnen kürzester Zeit triefend nass. Mit aschfahler Gesichtsfarbe suchte er Halt auf einer Bank im Treff-8-Center. Keiner aus der nahestehenden, fröhlich Bier trinkenden Gruppe von Menschen wollte oder konnte die Dramatik der Lage erkennen. Mit taumelndem Gang und völlig erschöpft schleppte sich Steffen Täuber in das unweit gelegene Klinikum. Die kurze Entfernung sollte sich als Glücksfall erweisen. Kaum in der Notaufnahme angekommen, schrillten bei den Ärzten die Alarmglocken: Verdacht auf Herzinfarkt. Eine ihm sofort und dringlich angetragene Operation kam für Steffen Täuber aber zunächst nicht infrage. Doch den Satz des behandelnden Arztes: „Dann werden Sie jetzt sterben“ wird der heute 67-Jährige wohl nie vergessen. Der fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, der ihn aufwachen und die bittere Realität erkennen ließ. In letzter Minute willigte er in die Not-OP ein. Den geplanten anschließenden Kuraufenthalt in Bad Gottleuba wollte Steffen Täuber anfangs jedoch nicht antreten, weil seiner Frau zeitgleich eine Meniskus-Operation bevorstand. Heute ist der Hoyerswerdaer froh, auf seinen Hausarzt gehört zu haben, der ihm dringend zur Reha-Kur geraten hatte. Das allein reicht aber bei solch einer schweren Herzerkrankung nicht aus. Steffen Täubers behandelnde Fachärztin verordnete ihm deshalb regelmäßigen Rehabilitations-Sport. Steffen Täuber ist sehr froh darüber, beim Sportclub (SC) Hoyerswerda professionell fundierte Begleitung durch ausgebildete Trainer und Sportwissenschaftler zu bekommen.

Nur Regelmäßigkeit verbürgt Erfolg

Dank des gezielten, ärztlich betreuten Herzsportes unter Anleitung von Tom Sebastian konnte der 67-Jährige seine körperliche und psychische Gesundheit sowie frühere Fitness stabilisieren und wieder neu aufbauen. Ein Prozess, der Regelmäßigkeit erfordert, um nachhaltige und langfristige Ergebnisse erzielen zu können. Mit viel Ehrgeiz und etwas mehr Anstrengungen als gefordert hat Steffen Täuber durch die Herzsportgruppe erreicht, dass laut kardiologischem Befund sein Herz fast die vorherige Leistungsfähigkeit wieder erlangt hat. Nur der eingesetzte Stent, ein Implantat, welches das versorgende Herzkranzgefäß offen hält, erinnert an den schweren Herzinfarkt.

Corona stoppte Gesundheitssport

Seit Beginn der Corona-Pandemie müssen jedoch viele Patienten auf den so wichtigen Gesundheitssport verzichten. Ein Aspekt, den Steffen Täuber nicht nachvollziehen kann. „Dieser Sport ist nicht einfach nur Bewegung oder ein Hobby. Das Herztraining ist für die Patienten so wichtig, um nicht erneut zu erkranken und seine Fitness wieder herstellen beziehungsweise halten zu können“, ist der Hoyerswerdaer überzeugt. Das Team des Sportclubs hätte jedenfalls auch auf Grund eines erarbeiteten Hygiene-Konzeptes und dank der vorhandenen großflächigen Trainingsstätte alle Regeln einhalten und damit den Rehasport stattfinden lassen können, beteuert die Presseverantwortliche des Sportclubs, Sandra Weller.

So, wie es aktuell aussieht, könnte der Sport bald wieder wie gewohnt an den Start gehen. „Höchste Zeit“, finden Steffen Täuber und die Geschäftsführung des Sportclubs. Die Vorbereitungen für einen Neustart laufen jedenfalls auf Hochtouren. „Was zurück bleibt, sind verunsicherte Patienten und viele ungeklärte Fragen: Warum durfte beispielsweise Profifußball, aber kein Herzsport stattfinden? Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Da kann man nur hoffen, dass der Staat bei einer erneuten Ausnahmesituation aus den bisherigen Erfahrungswerten gelernt hat“, hofft Steffen Täuber.

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