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Ein bemerkenswerter Trauerzug

Eine Serie von undatierten Bildern lässt sich mit einem Unfall im Mai 1958 in Verbindung bringen.

Der Trauerzug mit den beiden Särgen auf den Lkw's führte vom Hoyerswerdaer Markt aus vermutlich zum Friedhof im Bereich des heutigen Parks am Martin-Luther-King-Haus.
Der Trauerzug mit den beiden Särgen auf den Lkw's führte vom Hoyerswerdaer Markt aus vermutlich zum Friedhof im Bereich des heutigen Parks am Martin-Luther-King-Haus. © Foto: privat

Hoyerswerda. Bei einer Sondersitzung des Rates der Stadt Hoyerswerda am 22. Mai 1958 ging es um die Umsetzung eines Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung bezüglich der Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges, nämlich dass „noch in diesem Jahr sämtliche Ruinen in Hoyerswerda verschwinden müssen, ganz besonders am Platz der Roten Armee“. So steht das in einem Sitzungsprotokoll, das im Stadtarchiv einzusehen ist.

Jene Ruinen spielen auch eine Rolle auf Fotos, die TAGEBLATT-Leser Rudolf Kolar Anfang Mai an die Zeitung schickte. Die Bilder sind auf beziehungsweise in der Nähe des besagten Platzes der Roten Armee aufgenommen, der seit Anfang der 1990er wieder als Markt bekannt ist. Sie dokumentieren einen Trauerzug, die Begleitung von augenscheinlich zwei Toten auf ihrem letzten Weg – das Ganze recht staatstragend mit Fahrzeugkolonne, Fahnen und Uniformen. Die Frage, die Kolar bewegt: Wer ist da wohl beerdigt worden? Einen ersten Hinweis lieferte ein Spruchband, das am Rathaus zu sehen war. Aufschrift: „«Ja» zum Volksentscheid für atomwaffenfreie Zone“. Eine solche Abstimmung war Anfang 1958 im Gespräch. Das wiederum brachte Museumschefin Kerstin Noack auf eine Spur. Sie fand in Ausgaben der Lausitzer Rundschau aus dem Frühling jenes Jahres zwei Hinweise, die passen könnten. Zum einen ist da die Meldung über einen tödlichen Zwischenfall am 21. Mai: „Am Mittwoch gegen 7.15 Uhr ereignete sich auf der Fernverkehrsstraße 97 (Hoyerswerda - Spremberg) in Höhe der Abzweigung nach Burg ein Unfall, bei dem zwei Personen getötet wurden.“

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Der Artikel vom 24. Mai schildert, dass ein Lkw die Vorfahrt missachtet habe, sodass ein Motorrad aufgefahren sei. Der Fahrer, heißt es, verstarb sofort, der Sozius schwer verletzt im Krankenhaus. Ferner fand Kerstin Noack eine von der Aufbauleitung des Kombinates Schwarze Pumpe beauftragte Todesannonce für Heinz Dufeldt und Heinz Zimmermann. Darin ist von einem „tragischen Unglücksfall am Morgen des 21. Mai“ die Rede. Und es finden sich auch Hinweise auf die Bedeutung der verunfallten Männer. Zimmermann, so heißt es da, sei der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung im VEB Ingenieur- und Tiefbau gewesen, außerdem auch Mitglied des Kreisvorstandes sowie des Sekretariats der Industriegewerkschaft Bau / Holz im werdenden Gaskombinat.

Heinz Dufeldt wird als SED-Sekretär im besagten Tiefbaubetrieb benannt. Er war aber nicht nur das. Am 29. Mai erschien eine weitere Annonce der Stadtverordnetenversammlung Hoyerswerda sowie des Rates der Stadt: „Durch einen tragischen Unfall wurde am 21. Mai 1958 der Stadtrat und Stadtverordnete Heinz Dufeldt plötzlich und unerwartet aus unserer Mitte gerissen.“ Die Stadtverordnetenversammlung war dazumal das, was heute in etwa der Stadtrat ist. Der Rat der Stadt wiederum war die Stadtregierung, damals geführt von Bürgermeister Arno Pinkau. Mitglieder waren Sekretär Herbert Krauß sowie die Räte Temmert, Rindfleisch, Krahl, Kujau, Göbbels, Klammer und Sinapius.

Heinz Dufeld, so geht aus Sitzungsprotokollen hervor, war erst im April in das Gremium gewählt worden. Und nur Tage vor dem Unfall gab es die Entscheidung, dass er sich vor allem um Bau- und Wohnungswesen kümmern sollte. Es lässt sich vermuten, dass die eingangs erwähnte Sitzung zur Trümmerbeseitigung einen Tag nach seinem Tod für ihn nicht ganz unwichtig gewesen wäre. Stattdessen aber findet sich im Protokoll der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 30. Juni im Saal des Schlosses der Satz: „Die Anwesenden erhoben sich zu Ehren des Verstorbenen von den Plätzen“. Auch die Nachfolge wurde geregelt. In der Stadtverordnetenversammlung nahm Berta Hiller den Platz von Heinz Dufeldt ein, im Rat der Stadt Heinz Büttner. Letzterer hatte zuvor die Kommission „Verschönerung der Stadt“ geleitet. Eine weitere Zeitungsannonce verrät, Dufeldt habe seine Ehefrau Gertrud sowie den Sohn Petro hinterlassen.

Ob der Trauerzug auf den Fotos aus der Sammlung von Rudolf Kolar tatsächlich Dufeldt und Zimmermanns letzten Weg begleitete, lässt sich aus den Akten und Zeitungen im Stadtarchiv nicht ganz gewiss sagen. Die Vermutung, dass es so war, liegt jedoch durchaus nahe.

Einer der Toten wurde auf seinem letzten Weg von Uniformierten begleitet, der andere von Zimmerleuten.
Einer der Toten wurde auf seinem letzten Weg von Uniformierten begleitet, der andere von Zimmerleuten. © Foto: privat

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