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Bislang im Geschichtsbuch vergessenes Kapitel

Hoyerswerdaer Film „Sprachlos? – Sorben im Nationalsozialismus“ gewinnt einen Sonderpreis beim Cottbuser Filmfestival.

Angela Schuster,
Filmemacherin,
Leitung für „Sprachlos? –
Sorben im Natio-
nalsozialismus“.
Angela Schuster, Filmemacherin, Leitung für „Sprachlos? – Sorben im Natio- nalsozialismus“. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Ein Streifen aus Hoyerswerda erhielt bei der 18. „Lausitzer FilmSchau“, dem Vorprogramm des 30. Filmfestivals Cottbus im Dezember 2020, den Sonderpreis der Stiftung für das sorbische Volk. „Sprachlos? – Sorben im Nationalsozialismus“, ein 20-minütiger Film, der vor allem an Schulen zum Einsatz kommen soll, beleuchtet ein Kapitel deutsch-sorbischer Geschichte, zu dem in den Schulbüchern bislang fast nichts zu lesen ist. Das, befanden die Filme-Macher, müsse sich unbedingt ändern.

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Hoyerswerda, vor Bautzen einst „Hauptstadt der Sorben“ (nicht zuletzt auf Grund der zentralen Lage zwischen Ober- und Niederlausitz); Hoyerswerda, Gründungsort der sorbischen Dachorganisation „Domowina“ am 13. Oktober 1912, hatte dabei bis in die Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Rolle als Identifikations-Ort der Sorben inne – und auch als Ort besonders subtiler Restriktionen. Das macht der besagte Film deutlich, den Hoyerswerdaer Schüler unter der Gesamtleitung von Ina Züchner und Angela Schuster „gedreht“ haben. Fixpunkt des Film-Entstehens ist die KulturFabrik in der Braugasse 1 – dem Haus, in dem 1912 die Domowina gegründet worden war.

Suche nach Spuren und Ursachen

So schließen sich Kreise – und so öffnen sie sich; denn der Film soll ja zum Beschäftigen mit der eigenen Geschichte anregen. Auch wenn im Hoyerswerdaer Alltag heute kaum noch Sorbisch gesprochen wird (eine Spätwirkung des Nationalsozialismus, aber auch des massiven „nichtsorbischen“ Zuzugs in die Region aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern im Zuge der Errichtung des Kombinates Schwarze Pumpe ab 1955) – trotz all dieser massiven Zäsuren haben doch auch heute noch viele Familien in und um Hoyerswerda sorbische Wurzeln oder doch zumindest Würzelchen; Adern, die sie mit der sorbischen Geschichte verbinden. Aber: Was ist davon noch übrig; noch spür- und fühlbar? Was sind die Ursachen dafür, dass hier offenbar ein Gang Geschichte verschüttet worden ist? Dem gingen die Filmer nach.

Nicht Phrasen, sondern Schicksale

Der Streifen eröffnet mit einem Gedicht von Mina Witkoj aus ihren „Erfurter Erinnerungen“ – die Frage, wie es hatte kommen können, dass das (sorbische) Alltagsgespräch, und nicht nur das sorbische, nach 1933 vom Geschrei der Nationalsozialisten hatte erstickt werden können. Dass fest geschlossene Reihen marschierender halbmilitärischer Bünde den Gang des normalen Lebens hatten überstiefeln können. Antworten sucht der Film nicht in Phrasen, sondern in Erklärungen, etwa der wirtschaftlichen Nöte. Antworten sucht der Film (und da ist er am stärksten) in Einzelschicksalen, deren Summe aber eben doch Geschichte ausmacht – wie der Geschichte einer Jüdin, die von Sorben adoptiert wurde und auf Grund dieses doppelten „Makels“ sterben musste. Wie anhand des Lebens der Cottbuser sorbischen Trachtenschneiderin Pauline Krautz, die es wagte, im Olympischen Dorf 1936 in Berlin ebenjene sorbischen Trachten zum Verkauf anzubieten, wozu im Film ironisierend der „Badenweiler Marsch“ erklingt, Hitlers Lieblingsstück. Antworten sucht der Film auch in Ereignissen, die heute vergessen sind. Völlig unbekannt war dem Autor dieser Zeilen, dass es nach der „Machtergreifung“ (Hitlers) 1933 im Raum Hoyerswerda eine rassische Untersuchung an 309 Sorbinnen/Sorben gegeben hat, die anhand körperlicher Merkmale eine Unterlegenheit der Slawen gegenüber den Ariern beweisen sollte. Zur Enttäuschung der Untersucher fand sich jedoch nichts, was diese irr(ig)e These untermauert hätte.

Marcel Braumann, heute Domowina-Vorsitzender, ist eine zentrale Figur des Films. Er kommentiert anhand des 1937 von den Nazis erlassenen Maßnahmekatalogs „Zur Festigung des deutschen Volkstums“, wie sich dürre Worte in nicht selten tödliche Wirklichkeit verwandeln; etwa wenn es in Punkt 8 heißt: „Das Wort «Sorbe» muss verschwinden ...“

Schicksalsjahr 1937

1937 wurden die sorbische Sprache und die Domowina, obwohl nun als „Bund Lausitzer Wenden“ firmierend, praktisch verboten – und 1939/1940 wurden alle wesentlichen intellektuelle Träger der sorbischen Kultur; Pfarrer und Lehrer, aus der Lausitz verbannt und an ferne Orte versetzt. Die Lücke, die durch diesen Ausriss hier entstand, konnte nie mehr wirklich geschlossen werden – allen Bemühungen und allen bis dato unentdeckt-verborgenen Wurzeln zum Trotz. Zwei Aussagen Marcel Braumanns fassen das Anliegen des Films zusammen: „Fast jeder in der Lausitz hat sorbische Vorfahren.“ Und: „Die Deutschen haben immer am besten gelebt, wenn sie auf Augenhöhe mit den anderen waren.“ Unausgesprochen, aber dennoch ganz deutlich: Nicht über, aber eben auch nicht unter den anderen. Nur so lässt sich Gemeinschaft bauen – und bewahren.

Angebot, an den Film zu kommen

Angela Schuster hofft für ihren Film: „Man möchte, dass sich das Geschaffene auch verbreitet. Darum bieten wir, speziell Schulen, an, diesen Film zu buchen; etwa für einen von mir begleiteten Workshop.“ An technischen Voraussetzung seien nur ein interaktiver Rechner und eine Leinwand nötig. Ina Züchner ergänzt, die Auszeichnung sei schön, aber für alle Beteiligten sei noch wichtiger, dass der Film wirkt. Wer ihn (für ein Schulprojekt) haben will, möge sich in Verbindung setzen mit

[email protected]

P.S.: Bei der Preisverleihung gaben die Vertreter der Stiftung für das sorbische Volk der Hoffnung Ausdruck, dass das Preisgeld (1.000 Euro) dafür verwendet werden möge, dem in deutschem Ton vorliegenden Film auch eine sorbische (nieder-, obersorbische?) Version zur Seite zu stellen.

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