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„Ein feste Burg ist unser Gott“

Eine Gedenktafel erinnert seit dem Sonnabend, dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit, an die friedliche Revolution 1989/1990 in Wittichenau.

Eine Tafel – geschaffen von Metallbauer Martin Scholz – erinnert in Wittichenau an die friedliche Revolution 1989/1990. Am 3. Oktober wurde sie eingeweiht durch Bürgermeister Markus Posch (li.) und Mathias Kockert, Chef des CDU-Stadtverbandes.
Eine Tafel – geschaffen von Metallbauer Martin Scholz – erinnert in Wittichenau an die friedliche Revolution 1989/1990. Am 3. Oktober wurde sie eingeweiht durch Bürgermeister Markus Posch (li.) und Mathias Kockert, Chef des CDU-Stadtverbandes. © Foto: Andreas Kirschke

Wittichenau. An mutige Wittichenauer im Herbst 1989 erinnert seit dem 3. Oktober, dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit eine Tafel am Friedrich-Forell-Zentrum am Kolpingplatz. „Ein feste Burg ist unser Gott. ER hilft uns frei aus aller Not“, ist dort zu lesen; die Eingangszeilen aus Martin Luthers Choral von 1528: „Ein feste Burg ist unser Gott / ein gute Wehr und Waffen. // Er hilft uns frei aus aller Not / die uns jetzt hat betroffen. // Der alt böse Feind / mit Ernst er’s jetzt meint // groß Macht und viel List / sein grausam Rüstung ist, // auf Erd ist nicht seinsgleichen.“ Zu den Montagsdemos in Wittichenau 1989 spielte der Bläserchor stets dieses Lied. Mittendrin auf der Tafel steht der Satz „Wir sind EIN Volk“. Er deutet auf besagte 30 Jahre Deutsche Einheit.

Metallbauer Martin Scholz schuf die Tafel auf Initiative des CDU-Stadtverbandes. Eingeweiht wurde sie durch Bürgermeister Markus Posch (CDU) und Mathias Kockert, seit 2014 Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes. „Demokratie bekommen wir nicht geschenkt. Wir müssen sie immer wieder erlernen, an ihr teilnehmen, uns um sie bemühen“, unterstrich der Bürgermeister und zitierte den britischen Ex-Premierminister Winston Churchill (1874-1965): „Demokratie ist die schlechteste aller Staats formen – ausgenommen alle anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

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Choral erklang auch am Sonnabend

Der ökumenische Posaunenchor begleitete die Einweihung musikalisch; selbstverständlich mit dem besagten Luther-Choral, in dessen dritter Strophe es heißt: „Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, // so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen. // Der Fürst dieser Welt, / wie sau’r er sich stellt, // tut er uns doch nicht; // das macht, er ist gericht‘: /ein Wörtlein kann ihn fällen“; und so ähnlich kam es ja 1989.„Solche Kunstwerke schärfen Erinnerung. Solche Kunstwerke wecken Demut und Dankbarkeit. Gerade Demut ist eine christliche Tugend. Sie geht mit Gelassenheit und Offenheit des Herzens einher“, meinte Pfarrer Gabriel Nawka, seit 2015 verantwortlich für die sorbische Seelsorge in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt Wittichenau. Luthers Choral ist das Leitmotiv der Gedenktafel. „Dieses Motto ist einerseits Ausdruck unserer tiefen Dankbarkeit für die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung Deutschlands. Sie ist aber auch Ausdruck unseres unerschütterlichen Gottvertrauens, das uns stets mit Optimismus in die Zukunft blicken lässt“, betonte Kockert.

Würdig beging die Stadt den 3. Oktober. Mit Unterstützung der Jugend, des „United Clubs for Kulow e. V.“ fand im Jakubetzstift ein kleines Einheitsfest statt. Auf Initiative des CDU-Stadtverbandes hängen seit dem 28. September an fast 30 Standorten in Wittichenau Plakate mit historischen Fotos. Jeweils das Bildmotiv von damals 1989 / 1990 hängt vor der Original-Kulisse von heute. Die Plakate zeigen den Marktplatz, den Kolpingplatz, die Schule, das Pflegeheim Malteserstift St. Adalbert und weitere Standorte. „Damit laden wir zu einer kleinen Zeitreise ein“, sagte Mathias Kockert. Auf Initiative des Unternehmerkreises hängen zugleich in Geschäften der Stadt historische Fotos in Schaufenstern aus. „Wittichenauer AnSichten. Bilder und Geschichten einer ostsächsischen Kleinstadt. Wobrazy a stawiznički wudosakskeho městačka“, heißt das Thema. Im Benno-Saal des Jakubetzstiftes Wittichenau erinnern Fotos an die Montags-Demos 1989. Mathias Kockert war damals 14-jähriger Schüler. „Wir spürten bei den Erwachsenen den unbedingten Willen zum Aufbruch. Für uns Jugendliche war spannend, wie sich dann der Wandel vollzog“, meinte der heute 44-Jährige. Der 1988 nach Wittichenau gezogene Kaplan Peter Paul Gregor bot damals Philosophie-Abende an. Das Abendgebet der Jugend nahm ab Oktober 1989 immer mehr den Charakter der Friedensgebete an, wie sie in anderen DDR-Städten begannen.“ – So schreibt Henry Krause in seiner 1997 verfassten und 1999 durch das Hannah-Ahrendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden veröffentlichen Diplomarbeit „Wittichenau. Eine katholische Kleinstadt und das Ende der DDR“.

Am Sonnabend, nach Einweihung der Gedenktafel am Kolpingplatz, erinnerte er in seinem Vortrag im Jakubetz-Stift an die Ereignisse 1989/90. Am 29. Oktober 1989 entstand in der Wohnung des Kaplans Peter Paul Gregor eine Bürgerinitiative. Knapp 15 Wittichenauer, vor allem Jugendliche engagierten sich darin. „Am nächsten Tag fand die erste Demonstration in Wittichenau statt. Mit 5.000 Teilnehmern war sie schon wegen ihrer Teilnehmerzahl die imposanteste der von nun an wöchentlichen Demonstrationszüge“, so Henry Krause. Katholische und evangelische Christen wirkten eng zusammen. Ernst-Heinrich Scholz (79), verwurzelt in der Evangelischen Kirchengemeinde Wittichenau, blies damals mit dem Posaunenchor vor der Kreuzkirche. Drin wurde die Jugendmesse mit Kaplan Gregor gefeiert. Draußen spielten die Bläser „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Ernst Heinrich Scholz verlas nach jeder geblasenen Strophe den Text. Dann ging die Montags-Demo los. „Es begann immer an der katholischen Kreuzkirche und endete an der evangelischen Kirche“, erinnert er sich. „Vom Kleinkind bis zur Großmutter lief alles mit. Es war schon ein Ritual in Wittichenau. So wie man sonntags in die Kirche ging, so war Montagsdemo. Die Straßen waren schwarz, voller Menschen, alles sammelte sich vor der Kreuzkirche. Erst still, später mit Transparenten.“ Mit anderen Christen sammelte Ernst Heinrich Scholz im Stadtgebiet Unterschriften für die Zulassung der Bürgerbewegung „Neues Forum“ in der DDR. Sein festes Gottvertrauen gab ihm immer wieder den notwendigen Mut dazu.

Unzeitgemäßes Querstehen

Henry Krause ließ all die Ereignisse in seinem Vortrag Revue passieren. Von 2000 bis 2014 war er als Politikwissenschaftler Mitarbeiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Seit 2014 arbeitet er in der Sächsischen Staatskanzlei, betreut unter anderem das Förderprogramm „Revolution und Demokratie“ und den Wettbewerb „Sächsischer Bürgerpreis“.

Krauses Recherche-Fazit für seine Diplomarbeit: Gerade der in Wittichenau gelebte Katholizismus war ein freiheitsliebender und volkstümlicher Katholizismus; es gab 1990 eine enge Bindung der Mandatsträger zum Glauben. Gerade in Wittichenau gab es gelebte praktische Ökumene mit der Evangelischen Kirche. „Die SED bekam in Wittichenau keinen Fuß auf die Erde“, unterstrich Henry Krause und schloss mit den letzten beiden Sätzen seiner Diplom-Arbeit: „Die Zukunft der Stadt- und Pfarrgemeinde Wittichenau wird irgendwo zwischen der Öffnung und damit der teilweisen Auflösung des Milieus und der Abgrenzung und damit dem Schutz der Identität verlaufen. Das gelegentliche «unzeitgemäße Querstehen» könnte auch in der Demokratie eine Bereicherung sein.“

Lesetipp: Henry Krause. „Eine katholische Kleinstadt und das Ende der DDR.“ Diplomarbeit. Veröffentlichung beim Hannah-Arendt-Institut („Berichte und Studien“, Nr. 19, Dresden 1999). Einige Exemplare sind noch erhältlich beim Wittichenauer Wochenblatt (Am Stadtgraben 14).

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