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Ein Gärtchen in der Heimatstadt

Dr. Grit Lemke hat einen Roman über das Hoyerswerda ihrer Kinder- und Jugendtage verfasst.

Die Filmemacherin und Autorin Dr. Grit Lemke verbringt nun im dritten Sommer so viel Zeit wie möglich in einem Kleingarten in Hoyerswerda.
Die Filmemacherin und Autorin Dr. Grit Lemke verbringt nun im dritten Sommer so viel Zeit wie möglich in einem Kleingarten in Hoyerswerda. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda/Berlin. So manche Mythen halten sich recht hartnäckig. Zum Beispiel: Man spricht in Hoyerswerda allerreinstes Hochdeutsch. Spätestens, wenn jemand in die Koofhalle geht, muss man wohl sagen: Stimmt goarnie! Und so wird es denn auch im Buch „Kinder von Hoy“ Dialekt geben. „Es ist eine Liebeserklärung an die Stadt, aber ob die Leute das so wahrnehmen werden ...“ Dr. Grit Lemke, die Autorin des Doku-Romans, ist in die Stadt sowie in die Gegend ihrer Kindheit und Jugend zurückgekehrt – literarisch, filmisch und auch physisch.

Sie war fünf, als sie im Jahr 1970 mit ihrer Familie aus einem Dorf bei Spremberg in die Neustadt zog. Ihr erstes Revier in Hoyerswerda war der WK V. Das Hochhaus an der Schweitzerstraße hat die Schrumpfung bisher überstanden, die POS 13 Albert Schweitzer hingegen nicht. Dort, wo sie einmal stand, wächst inzwischen das Wohngebiet Paul-Ehrlich-Straße.

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Kultur-Arbeit im HBE

Die junge Grit verbrachte einen Teil ihrer Freizeit im Zirkel schreibender Schüler unter der Leitung der Autorin Waltraut Skoddow (1942 - 2014). Später wurde sie Baufacharbeiterin und fing Mitte der 1980er im nagelneuen Haus der Berg- und Energiearbeiter als Sachbearbeiterin für Veranstaltungen an. Aus ihrer Feder stammt eines der ersten Stücke in der inzwischen langjährigen Weihnachtsmärchen-Reihe der heutigen Lausitzhalle. 1991 wurde ihre Bühne zum Keller eines Neustadt-Hauses, in dem der Junge Anton Artig die Ratte Pia Pankratt traf. Gedanken an eine Wiederaufführung gab es durchaus schon. Aber das Manuskript ist leider nicht mehr auffindbar. Ab 1987 pendelte Grit Lemke des Studiums wegen zwischen der Lausitz und Leipzig hin und her. Amüsiert erzählt sie, wie sie 1989 oder 1990 der hiesigen Wohnungsverwaltung mit Mühe klarmachte, was eine Wohngemeinschaft ist.

Mitarbeit beim Wochenblatt

In diese Zeit fällt auch ihre Mitarbeit bei der Redaktion des Tageblatt-Vorläufers „Hoyerswerdaer Wochenblatt“. So erklärte sie den Lesern im September 1990, die D-Mark war hier noch keine drei Monate gesetzliches Zahlungsmittel, den Unterschied zwischen Pornografie und Erotik. Der Gesprächspartner für das recht launige Interview: „einer der bei Hamburgs Sex-Zeitung «St. Pauli illustrierte» Fahrer, Werber und Verkäufer ist“. Der Mann war gerade auf einer „Test-Fahrt“ in Hoyerswerda. Daneben stand – passend – ein mit „G.L.“ gekennzeichneter Artikel, der mit folgenden Worten begann: „7:1 war das Verhältnis nackter Frauen und Männer, die man am Wochenende bei einer Erotik-Show im HBE bestaunen konnte.“

Es hat seinen Grund, dass Grit Lemkes Buch seine offizielle Vorstellung im September anlässlich jenes Wochenendes haben wird, das die Stadt der Erinnerung an die pogromartige Gewalt des Herbstes 1991 widmen will. Und es hat auch seinen Grund, dass „Kinder von Hoy“ im Untertitel neben zwei allgemein positiv besetzten Worten auch einen eher dunklen Begriff enthält: „ Freiheit, Glück und Terror“.

Die Attacken von Leuten, die festlegen wollten, wer nach Hoyerswerda gehört und vor allem wer nicht, galten nicht nur Vertragsarbeitern und Asylbewerbern. In ihr Visier gerieten auch junge Leute, die eher unorthodoxer und freisinniger leben wollten. So traf es nicht nur Lemkes Freundeskreis im ersten und bisher einzigen besetzten Wohnhaus der Stadtgeschichte in der Spremberger Straße, sondern auch ihre WG. „Man war dem Ganzen so schutzlos ausgeliefert“, erinnert sie sich. Innerhalb weniger Wochen ergriffen viele der Freunde mehr oder weniger die Flucht. So, wie die Autorin es erzählt, wurden Anfang der 1990er neben Ausländern auch zahlreiche Kreative aus Hoyerswerda vertrieben.

Grit Lemke hat zwar nie aufgehört, Hoyerswerda und hier verbliebene Freunde zu besuchen, aber ihr Lebensmittelpunkt wurde Leipzig. Bei Wikipedia heißt es über sie: „Von 1991 bis 2017 war sie in verschiedenen Funktionen für das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilme tätig, zuletzt als Leiterin des Filmprogramms.“ Dok Leipzig gilt als eines der wichtigsten Festivals seiner Art in Europa. Als Lemke 2017 im Konflikt mit der neuen Festivaldirektorin Leena Pasanen halb hinausgeworfen wurde und halb von selbst ging, gab es ein hörbares Raunen in der gesamten Szene. Ihr Rückzug, so fasste es der Berliner Tagesspiegel zusammen, sei „von Protesten ostdeutscher Filmemacher begleitet“ gewesen.

Ein Film über Gundermann

Dem Film blieb sie jedoch treu. Ihre Dokumentation „Gundermann Revier“ nennt sie eine Geschichte über einen gescheiterten Helden, jedenfalls zur Hälfte. Zur anderen Hälfte dreht er sich um die Region. „Der erste Film, der uns so richtig zeigt“, schrieb ihr eine Frau aus Senftenberg. „Das ist ein Film über Utopie – das gibt es bei uns auch“, schrieb eine Frau aus Kassel. Andere hingegen – ausschließlich aus Westdeutschland – nahmen Grit Lemke nicht ab, dass die meisten aus Gerhard Gundermanns Umfeld ihm seine zeitweise Stasi-Spitzelei verziehen haben. Lemkes Vorteil: Sie kannte ihn und sie weiß viel über ihn. Die Texte für „Gundermanns Schaltzentrale“ im Bürgerzentrum stammen von ihr.

Und nun: „Suhrkamp-Autorin“

Dass „Gundermann Revier“, gezeigt auf diversen ARD-Kanälen, in der Endauswahl für den wichtigsten deutschen TV-Preis war, nutzt der Verlag, der nun „Kinder von Hoy“ herausbringt, zur Werbung. „Die Grimmepreisnominierte Autorin“ heißt es da. Suhrkamp ist selbst Créme de la Créme des deutschen Verlagswesens. Es war die erste Wahl jener Literatur-Agentin, der Grit Lemke das Manuskript zur Veröffentlichung gab. Die Größe des Wortes „Suhrkamp-Autorin“ sei ihr, erzählt Lemke, erst richtig klar geworden, als sie den Verlagskatalog mit den Gesichtern der hier verlegten Schriftstellerinnen und Schriftsteller sah. Abgebildet sind unter anderem die Trägerin des Deutschen Krimipreises, Zoë Beck, der US-Philosoph Robert B. Brandom oder der Mitbegründer des Neuen Deutschen Films, Alexander Kluge.

Grit Lemke lebt nun fast zwei Jahrzehnte in Berlin-Pankow. Aus privaten Gründen zog sie von Leipzig dahin. Verwurzelt bleibt sie in Hoyerswerda. Für die warmen Monate hat sie gemeinsam mit ihrer in Dresden lebenden Schwester in einer hiesigen Kleingarten-Anlage eine Parzelle gepachtet. Hier wird jetzt gegärtnert und auch an neuen Projekten gearbeitet. Es soll ein Dokumentarfilm über die Sorben entstehen.

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