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Ein Gruß aus Papier-Buchstaben

Eine Aktion in Hoyerswerda solidarisiert sich mit ehemaligen Vertragsarbeitern aus Mosambik.

In Mosambik ist die Amtssprache aufgrund der kolonialen Vergangenheit des Landes Portugiesisch. Und so wurde der Gruß gestaltet.
In Mosambik ist die Amtssprache aufgrund der kolonialen Vergangenheit des Landes Portugiesisch. Und so wurde der Gruß gestaltet. © Foto: Dirk Lienig

Hoyerswerda. Jene Sprechchöre, die da am 18. September 1991 vorm Elfgeschosser in Hoyerswerdas Schweitzerstraße in Richtung der dort untergebrachten Vertragsarbeiter gerufen wurden, waren wenig missverständlich. „Ausländer raus!“ „Brennt die Bude doch ab!“ „Ne Kalaschnikow her und reinhalten!“ Einige der zunächst so Bedrohten und dann aus der Stadt beziehungsweise außer Landes Gebrachten sind bis heute verstört.

„Wurden wir abgeschoben, weil wir angegriffen wurden oder weil unsere Hautfarbe in dieser Region nicht mehr erwünscht war“, fragen David Macau, Amessina Selemane, Alfonso Zibia und 16 andere Mosambikaner in einer Erklärung.

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Sie wurde am vorigen Freitag auf dem Lausitzer Platz verlesen. Die Initiative Zivilcourage hatte für den frühen Abend dorthin eingeladen, um einen Gruß an jene Mosambikaner zu senden, die zwischen 1979 und 1991 in der Stadtregion gelebt und gearbeitet haben. Das, was hier verschiedentlich Ereignisse, Ausschreitungen, Randale oder Pogrom genannt wird, bezeichnen die Betroffenen in ihrer Erklärung als „Aggression von Hoyerswerda“. Ihre Sicht, so der Wunsch der Initiative Zivilcourage und der Stadt, soll dieses Jahr stärker im Fokus stehen, wenn im September an den Gewaltherbst vor 30 Jahren erinnert wird.

Die Aktion auf dem Lausitzer Platz war, wenn man so möchte, der Auftakt. Sie wollte auch darauf aufmerksam machen, dass die 21.000 mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR bis heute auf 60 Prozent ihres Lohnes warten. Man behielt das Geld damals ein, um mosambikanische Staatsschulden bei der DDR zu begleichen. Später sollte es eine Erstattung geben. Das Versprechen ist bis heute nicht eingelöst.

Für Hoyerswerdas Gruß an Mosambik war nicht nur die Anzeigetafel an der Lausitzhalle umprogrammiert worden. Zwei in der KulturFabrik engagierte Frauen verbrachten auch jeweils sechs Stunden damit, aus Papier überdimensionale Buchstaben auszuschneiden. Die Helfer auf dem Platz hatten sie dann mit etwas Kampf gegen den Wind und mit Hilfe von Klebeband in gut zwanzig Minuten in der richtigen Reihenfolge auf dem Pflaster befestigt. Vom Dach der Lausitzhalle und aus dem Korb der großen Feuerwehrdrehleiter wurde die portugiesischsprachige Botschaft dokumentiert. Per Internet – so der Plan – wird sie in Afrika ankommen.

Unter den Menschen auf dem Lausitzer Platz war am Freitag auch Priyanka Patel. Die Inderin ist wegen eigener Gewalterfahrungen samt Familie aus ihrem Heimatland geflohen, lebt erst seit 2016 in Hoyerswerda. Für sie war es trotzdem keine Frage, sich zu beteiligen: „Hier geht es nicht um Nationalität, sondern um Menschlichkeit.“

Zum Gedenkwochenende im September hat die Stadt mit David Macau einen der Unterzeichner der erwähnten Erklärung eingeladen. Ob er persönlich teilnehmen oder nur zugeschaltet werden kann, ist wegen der Covid-Pandemie allerdings noch offen. In jedem Fall werden einige Mosambikaner mit Hoyerswerda-Vergangenheit eine Rolle spielen, wenn im September im Lausitz-Center die Foto-Ausstellung „Wir waren Kollegen“ gezeigt wird.

Die gefalteten Papierbuchstaben wurden am Freitag gemeinschaftlich platziert und dann befestigt. Unter den Helfern waren Hoyerswerdaer von ganz Jung bis relativ alt.
Die gefalteten Papierbuchstaben wurden am Freitag gemeinschaftlich platziert und dann befestigt. Unter den Helfern waren Hoyerswerdaer von ganz Jung bis relativ alt. © Foto: Mirko Kolodziej

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