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Ein Spremberger Geschichtszeichen kehrt zurück

Großen Anteil daran haben viele – auch die Firma „Grabmale Israel“ aus dem Lohsaer Ortsteil Groß Särchen.

Marcel Müller von der Firma „Grabmale Israel“ Groß Särchen mit dem neuen Adler des Kriegerdenkmals Spremberg.
Marcel Müller von der Firma „Grabmale Israel“ Groß Särchen mit dem neuen Adler des Kriegerdenkmals Spremberg. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Spremberg/Groß Särchen. Würdig erinnern sollte es an die im Feldzug 1870/1871 gegen Frankreich gefallenen 172 Söhne der Stadt und die Toten des damals hier in der Stadt stationierten „3. Füsilier-Bataillons, 6. Brandenburgisches Infanterie-Regiment Nummer 52“: das Spremberger Kriegerdenkmal.

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Am 25. Oktober 1872 eingeweiht

Am 27. Juni 1871 kehrte die Resttruppe in die Heimat zurück. Mehr als die Hälfte der Offiziere des Bataillons war in Frankreich „auf dem Feld der Ehre“ geblieben ... Nach dem Sieg über Frankreich, der, in Versailles am 18. Januar 1871 (*), die deutsche Reichsgründung folgte, gab es auch in Spremberg den Wunsch, den Gefallenen des siegreichen Deutsch-Französischen Krieges zu danken und ihrer zu gedenken. Erstmals wurde damals sowohl den Opfern der Offiziers- als auch der Mannschaftsdienstgrade gedacht. Am 2. Februar 1872 wurde der Bildhauer Thomas aus Görlitz mit der Planung und Errichtung des Kriegerdenkmals beauftragt. Dessen Standort war die Westspitze des Georgenbergs, und es war selbst vom 200 Meter entfernten Marktplatz der Stadt gut sichtbar. Das Denkmal hatte eine Gesamthöhe von sieben Metern. Am 25. Oktober 1872 weihten Vertreter der Stadt Spremberg, Angehörige der Gefallenen und Vertreter des Füsilierbataillons unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Denkmal ein.

Krieg überstanden, Stalinismus nicht

Auf dem Georgenberg stand es bis 1946. Den Krieg überstand der Obelisk fast unbeschadet. Nicht aber das „tabula rasa“ der Nachkriegszeit. Der übereifrige stalinistische Landrat des Kreises Spremberg, Neugebauer (der schon den geografischen Merkstein „Mittelpunkt des Deutschen Reiches“ in der Stadt Spremberg hatte entfernen lassen), ließ das Kriegerdenkmal schleifen. Neugebauer legte dafür die im Mai 1946 veröffentlichte „Direktive Nr. 30“ des Alliierten Kontrollrates bewusst falsch aus, die eine Entfernung aller militärischen und nazistischen Denkmäler verlangte, die sich aber ausdrücklich nur auf Denkmäler bezog, die nach dem 1. August 1914 errichtet worden waren. Über den Verbleib des Denkmals vom Georgenberg herrschte dann: Schweigen. Die am Abriss Beteiligten hielten den Mund. Unter Neugebauers Herrschaft war die Angst, für ein falsches Wort für immer in einem der sowjetischen „Gulag“-Straflager zu verschwinden, groß.

Zufalls-Entdeckung in Potsdam

Der 2005 gegründete „Georgenbergverein“ entdeckte eher zufällig in Unterlagen der Potsdamer Archive ein Schreiben des Bauamtes Spremberg vom 4. Dezember 1946. Darin hieß es: „Im Zuge der Beseitigung nazistischer und militaristischer Denkmäler wurde durch die Firma ... beseitigt: Kriegerdenkmal 1870/71. Abbruch unter gleichzeitiger Zerkleinerung des Marmorsteines. Die Trümmer wurden, da Abtransport nur mit größten Schwierigkeiten möglich wäre, an Ort und Stelle vergraben“. Weitere gefundene Archivunterlagen belegten danach zweifelsfrei, dass der Obelisk tatsächlich nicht abtransportiert worden war, sondern sich noch immer am ursprünglichen Standort befand. Suchgrabungen in den Jahren 2018 und 2019 durch Mitglieder des Georgenbergvereins und vieler Freiwilliger führten zum Erfolg: Das Denkmal wurde, in seinen Bestandteilen fast komplett und gut erhalten, wieder aufgefunden und geborgen.

Groß Särchen erschien geeignet

Im Dezember 2019 wurde der Auftrag zur Restaurierung des Denkmals an den Steinmetzbetrieb Israel (WERA Moderne Steinkunst) in Groß Särchen vergeben. Die regionale Fachfirma schien dem Georgenbergverein für diesen Leistungsumfang geeignet und erhielt den Zuschlag.

Glücksfälle im heutigen Polen

Der Obelisk sollte komplett gesäubert, abgebrochene Fehlstellen sollten nach Machbarkeit ergänzt sowie alle Inschriften nachgearbeitet und in Echtgold ausgelegt werden. Als besonderer Glücksfall erwies es sich, dass der Marmorblock für den Ersatz des zerstörten Zwischenstücks im selben Steinbruch gebrochen werden konnte, aus dem schon 1872 der Rohstoff des Originals gekommen war – nämlich in Sławniowice im Eulengebirge (Polen). Gleiches galt für das Material der Stufen. Auch hier konnte auf Material aus dem Originalsteinbruch „Striegauer Granitbrüche“ im heutigen Strzegom (Polen) zurückgegriffen.

Dass das Kriegerdenkmal nach seiner Einweihung in neuem Glanz original wieder erstrahlen wird, ist allein der Verdienst von Steinmetz- und Bildhauermeister Marcel Müller, der von Dezember 2019 bis Mai 2021 alle Arbeiten ausführte. Der größte Aufwand war dabei nach seinen Worten die Neuvergoldung der 142 Namen der Gefallenen. Die, die nicht mehr lesbar waren, konnten anhand von Archivunterlagen ergänzt werden. „Es wurde ganz genau recherchiert“, so der Restaurator. „Schließlich durfte kein Name falsch geschrieben werden – und das Neumeißeln der alten Schrift war sehr aufwändig“. Auch die Vergoldung war reine Handarbeit. Zunächst wurde jeder Buchstabe mit französischem Anlegeöl gefüllt; danach erfolgte in drei Schichten die Vergoldung mit Blattgold 23 3/4 Karat (also fast reines 999er-Feingold -24 Karat-). Den Arbeitsaufwand, der damit verbunden ist, kann man ermessen, wenn man weiß, dass pro Buchstabe ½ Stunde benötigt wurde. Pro Schriftzeile kommen da etliche Stunden zusammen.

Schwierigkeiten durch Verlorenheit

Eine enge Zusammenarbeit gab es zudem zwischen Marcel Müller und der Kunstgießerei Lauchhammer, die vom Georgenbergverein für das Herstellen der Metallapplikationen gewonnen werden konnte. Als besonders schwierig für die Nachbildung erwies es sich, dass weder von den zerstörten Kränzen noch vom Adler Modelle in vergleichbarer Größe und Art vorhanden waren. Beim Adler entschied man sich für den Kompromiss, das größtmögliche verfügbare Modell als Vorlage zu verwenden. Die Kränze mussten mittels 3D-Drucktechnik durch Scannen eines verfügbaren ähnlichen Ehrenkranzes, der dem Original sehr nahe kommt, nachgestaltet werden. Inzwischen ist alles fertig und wird derzeit in Groß Särchen zwischengelagert.

Gäste aus Frankreich erwartet

Am 19. Mai begann unter Leitung von Marcel Müller der Wiederaufbau des Denkmals an der Westseite des Spremberger „Kreisels“, unterstützt von der Spremberger Firma „Naturstein Kuhla“. Der Zierzaun wird originalgetreu von der Spremberger Firma „Metallbau Pruß“ gefertigt. Eine Aufstellung am Originalstandort auf dem Georgenberg wurde seitens der Oberen Denkmalbehörde nicht gestattet. Trotz vereinzelter Leserbriefe in der örtlichen Presse und der Ablehnung der Ortsgruppe der Partei „Die Linke“, die das Denkmal als „kriegsverherrlichend“ abschmettert, sieht das die große Mehrheit der Spremberger Einwohner allerdings anders. Das Denkmal wird voraussichtlich Anfang September eingeweiht. Gäste werden dazu übrigens auch aus Frankreich erwartet.

Der 18. Januar 1871 war symbolisch bewusst gewählt – war es doch auch -1701- der Tag, an dem mit der Selbst-Krönung des Kurfürsten Friedrichs III. von Brandenburg zum ersten preußischen König (König IN Preußen!) Friedrich I. das Königreich Preußen den Plan der Weltgeschichte betrat, den es nun de facto als souveräner Einzelstaat wieder verlassen sollte. Es war übrigens nicht der eigentliche Gründungs- sondern „nur“ der Proklamationstag des Deutschen Reiches.

Numismatisches Extra: Aus Anlass der Wiederaufstellung des Obelisken brachte der Spremberger Georgenbergverein eine Gedenkmedaille aus reinem Kupfer in limitierter Stückzahl heraus. Auf Grund der sehr hohen Nachfrage erschien bereits eine zweite Auflage.Der Preis einer solchen Medaille beträgt 10 Euro. Verkauft wird sie im Uhrmachergeschäft Handrick (Lange Straße in Spremberg -neben der Sparkasse-).

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