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Ein Stern geht auf

Gina Denise Friedrich aus Lauta holt mit ihrem Tanz-Partner Simon Joseph Parascandola Sachsen-Gold im Standard B.

Die Lautaerin Gina Denise Friedrich und ihr Tanz-Partner Simon Joseph Parascandola bei den Sächsischen Landesmeisterschaften im Standard-Tanz in Pirna: Meistertitel in der B-Klasse, Aufstieg in die A-Klasse.
Die Lautaerin Gina Denise Friedrich und ihr Tanz-Partner Simon Joseph Parascandola bei den Sächsischen Landesmeisterschaften im Standard-Tanz in Pirna: Meistertitel in der B-Klasse, Aufstieg in die A-Klasse. © Foto: Sebastian Markowski

Lauta/Pirna. Man stelle sich vor, der FSV Lauta würde deutscher Fußball-Zweitliga-Meister. Und würde, als Zugabe, gleich hinterher im selben Aufstiegsjahr, in der Bundesliga einen achten Platz belegen und damit nur knapp die Champions League verpassen. – „Völlig unmöglich“, wird es jetzt sofort Einspruch von Regel-Bewanderten geben. Aber wir sind ja auch nicht beim Fußball, sondern beim Turniertanz. Genau da ist das obige Szenario vor wenigen Tagen wahr geworden – bei den Sächsischen Landesmeisterschaften im Standard-Tanz.

Kann man aber Tanz und Fußball in einem Atemzug nennen? Eigentlich nicht wirklich. Weil nämlich die Tänzer in Sachen bildlicher Vergleiche klar im Vorteil sind: Rasenballsportlern widerfährt mitunter die Ehre, in den Berichten der Journalisten bei besonders eleganten Bewegungsabläufen den Tänzern gleichgestellt zu werden – aber noch nie vernahm man, ein Tänzer sei mit der Brachialgewalt eines Stoßstürmers oder Kopfball-Ungeheuers zu Meister-Ehren gelangt. Von der Begabung, mit „Schwalben“ (vorgetäuschtem Gefoult-Werden) spiel-entscheidende Strafstöße herauszuschinden, ist bei den Turniertänzern gleichfalls nichts bekannt; bestenfalls würden sie bei solcherart Versuchen süffisante Verachtung und null Punkte ernten.

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Weniger, sprich: mehr! geht nicht

Fünf Punkte hingegen gab es für Gina Denise Friedrich aus Lauta und Simon Joseph Parascandola aus Dresden bei den sächsischen 2021er Landesmeisterschaften der Turniertänzer (in Pirna) in den Standard-Disziplinen. Fünf ist zwar auch die kleinstmögliche erreichbare Punkt- (besser: Platz-) Ziffer, aber anders als im Fußball ist das der absolute Bestwert. Die Punktrichter setzen nach den Darbietungen fest, welchen Platz das tanzende Paar im jeweiligen Tanz ihrer Meinung nach errungen hätte. Und da es beim Standard fünf Tänze zu absolvieren gilt (Langsamer Walzer / Tango / Wiener Walzer / SlowFox / Quickstep) ist die Wertungsziffer 5, also fünf Mal die „1“, das „Nichts-geht-weniger“ – beziehungsweise das „Nichts-geht-mehr“. Und eben diese Traumnote holten Gina Denise Friedrich und Simon Joseph Parascandola. In der B-Klasse, was den Meistertitel in dieser Zweiten Kategorie bedeutete. Und, wie man noch sehen wird, Folgen hatte.

Beginn mit dreieinhalb Jahren

Rückblende nach 2007: Gina Denise Friedrich ist dreieinhalb Jahre jung. Nun weiß man, dass Eltern oft Möglichkeiten, die sie selbst nicht hatten (oder ausgelassen haben), und Wünsche, die sie nicht erfüllt bekamen, auf ihre Kinder projizieren. Und sehr enttäuscht sind, wenn diese später andere Vorstellungen entwickeln; nach einer gewissen Zeit der Fügsamkeit andere Wege gehen wollen. Gina Denises Mutter hingegen fragt, bevor sie etwas entscheidet, ihre Tochter. Die will unbedingt etwas Sportliches! Also wird Gina Denise beim TSC Hoyerswerda von Rosmarie Schulze zum Probetraining angemeldet; darf bei Anita Bauer erste Schritte auf dem Tanz-Parkett (Linoleum ...) üben. Und Gina Denise gefällt’s: „Hier bleibe ich.“ – Kindertanz, Breitensport. Bis ins frühe Teenie-Alter. Bis irgendetwas fühlbar fehlt: „Beim TSC hab’ ich nur mit Mädchen getanzt; Jungs als Tanzpartner waren «Mangelware», erinnert sich Gina Denise. „Aber ich wollte unbedingt im Turniertanz dabei sein.“ Dafür braucht es jedoch einen männlichen Tanzpartner. Glücklicher Zufall: Ein Forster Verein fragt in Hoyerswerda an, ob nicht eine Dame zur Verfügung stände. Sie stand: Gina Denise! Eine Wende. Zwar war schon der Weg von Hoyerswerda nach Lauta keine Fünf-Minuten-Sache gewesen, aber nun: Forst. Doch auch das erweist sich bald als zu eng. Gina Denise erkennt: Wenn sie wirklich etwas werden will in der Welt des Turniertanzsports, muss sie sich einem Club anschließen, der mehr bieten kann als Hoyerswerda und Forst. Es wird der TSC Excelsior Dresden. Diese Wahl wird noch einmal ein Beschleuniger in Gina Denises Leben; erst recht, als sie 2017 mit Simon Joseph Parascandola den (Tanz!-) Partner kennen lernt, der wie sie fokussiert auf den Erfolg ist.

Harter Weg zum Erfolg

Und ebenjener Erfolg stellt sich bald ein. Freilich nicht als Geschenk, das einem in den Schoß fällt: Drei mal wöchentlich Training in Dresden als Mindestprogramm; hinzu kommen Zusatz-Einheiten und Workshops; unter der Woche, am Wochenende ... Und „nebenbei“ (nein: in der Hauptsache!) ist Gina Denise ja Schülerin des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums. Ein gutes Abitur soll den Weg in eine Berufslaufbahn abseits der Tanz-Karriere ebnen.

Aber diese Karriere hält jetzt auch Glanzpunkte bereit. In der Jugend-Kategorie werden Gina Denise und Simon Joseph 2019 Sächsische Landesmeister. Nun, bei den Erwachsenen tanzend, kommt in der Sparte „Latein“ der Aufstieg von der B- in die A-Kategorie. Samba, Cha-cha, Rumba, Paso doble und Jive (die fünf Wertungstänze bei den „Lateinamerikanern“): da ist kaum einer besser als das Dresden-Lauteraner Duo. Vielleicht hätten beide schon 2021 den Beweis angetreten, dass gar keiner besser ist; doch Simon Joseph absolvierte sein Freiwilliges Soziales Jahr; Corona unterband regelmäßiges Training; Gina Denise war vollauf von Abitur-Vorbereitungen in Anspruch genommen – kurz; beide entschieden sich, das diesjährige Latein-Championat auszulassen. „Aber im Frühjahr 2022 (bei den nächsten Sachsen-Meisterschaften, d. Red.), da wollen wir es wissen.“

Von wegen „letzter Platz“ ...

Wissen wollten es die beiden jetzt schon in Pirna im Standard, wo sie noch in der B-Kategorie antraten. „Wir sind schon hingefahren mit dem Anspruch, gewinnen zu wollen, waren aber erstaunt, dass so viele Bewerber sich eingestellt hatten: Sechzehn (!) Paare, nicht nur aus Sachsen – das ist ungewöhnlich ...“ Nach Corona waren eben auch Paare aus Braunschweig und Hannover dankbar, wieder tanzen zu können. Doch bei aller Konkurrenz: der Tag von Pirna endete, siehe weiter vorn, mit einem Traum-Ergebnis. Mehr noch: „Dann hat man uns gefragt, ob wir nicht gleich noch in der anschließenden Meisterschaft der A-Klasse, in die wir ja nun aufgestiegen waren, mittanzen möchten. Da haben wir spontan «Ja» gesagt“. Bangen Herzens. Denn bei all den Etablierten „würde uns ja wohl bloß ein abgeschlagener letzter Platz bleiben – aber wir wollten es doch wenigstens versuchen.“ Von wegen Letzter! Ganz knapp wurde auf Rang 8 das Finale der besten Sechs verfehlt. „Das war schon so ziemlich der größte sportliche Erfolg für uns.“

Nun ist erst einmal Pause: Die „bürgerlichen“ Verpflichtungen fordern ihr Recht, und die restlichen Turniere in diesem Jahr liegen zeitlich so ungünstig, dass ein Antreten nicht möglich ist. Aber, wie gesagt: 2022 im Frühjahr strahlt vielleicht bei den Sächsischen Landesmeisterschaften im Latein der Stern von Gina Denise und Simon Joseph noch ein bisschen heller.

Ende eines Traums

Pirna/Hoyerswerda/Leipzig. Gleichfalls bei den Sächsischen Landesmeisterschaften der Standardtänzer am Start war Paul Noack (Hoyerswerda -Groß Neida-) mit seiner Partnerin Leontine Linck (beide antretend für den TC Rot-Weiß Leipzig). Beide hatten schon vor dem Turnier die A-Klasse erreicht und machten sich Hoffnungen auf das Finale der besten Sechs; wer weiß, vielleicht sogar einen weiteren Schritt in Richtung Aufstieg zur höchsten (Landes-) Klasse S. Doch es kam anders: Während die tschechischen Schiedsrichter das Paar in der Vorrunde ganz klar in die Endrunde wählten, waren ihre deutschen Kollegen, speziell die Nicht-Leipziger, anderer Meinung – und da sie in der Mehrzahl waren, fehlten Noack/Linck am Ende die entscheidenden „Kreuzchen“ zum Weiterkommen: Schluss in der Zwischenrunde auf Platz 10. Noch hinter (siehe oben) den Aufsteigern Parascandola/Friedrich. Paul Noack aber kannte keinen Neid; im Gegenteil: „Ich freue mich sehr für die Gina, da wir damals im selben Verein waren und uns auch heute noch gegenseitig anfeuern. Das muss sein.“ Da ahnte er aber noch nicht das wahre persönliche Verhängnis: Es war einmal: Paul Noack/Leontine Linck. Leontine erklärte nach dem enttäuschenden Championat überraschend ihren Rücktritt vom Leistungssport; Folgeturniere wurden abgesagt. Vielleicht hatte der Schluss-Entschluss schon dunkle Schatten auf Pirna vorausgeworfen ...

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Leontine Linck und Paul Noack
Leontine Linck und Paul Noack © Foto: Gernot Menzel

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