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Eine Band für zu Hause

Die Öffnung von Kultureinrichtungen ist nicht in Sicht – kein Grund auf Konzerte zu verzichten. Die KuFa macht’s möglich.

Die Berliner Band „Tolyqyn“ spielt auf der Bühne im Bürgerzentrum ein Konzert für den Youtube-Kanal der Kulturfabrik Hoyerswerda ein.
Die Berliner Band „Tolyqyn“ spielt auf der Bühne im Bürgerzentrum ein Konzert für den Youtube-Kanal der Kulturfabrik Hoyerswerda ein. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Lange Zeit war es ruhig im Ballsaal des Bürgerzentrums. Doch nun gab es dort seit Monaten wieder ein Konzert. Natürlich ohne Publikum, denn es war lediglich eine Aufzeichnung, für die die Band Tolyqyn angereist war. Weil weiterhin keine kulturellen Veranstaltungen möglich sind, geht die KulturFabrik Hoyerswerda nun wieder online. Seit dem vergangenen Samstag wird der YouTube-Kanal des soziokulturellen Zentrums wieder gezielter bespielt. Zum Auftakt wurde der Film des Tanzstückes „Hoy! Is wer da?“ gezeigt, als sich Tänzer aus der Stadt dem Thema Einsamkeit näherten. Nie war dieses Gefühl aktueller. Am kommenden Samstagabend wird nun die Berliner Formation „auftreten“.

Erst seit wenigen Monaten machen der Kanadier Roland Satterwhite (Bratsche), Muhammad Ra‘fat aus Ägypten (Schlagzeug) und der aus Israel kommende Tal Arditi (Gitarre) gemeinsam Musik. Doch sie harmonieren gut miteinander. Sie hatten viel Zeit gemeinsam zu jammen, wie sie berichten. Das seien keine Proben, aber doch die beste Vorbereitung auf einen Auftritt, gewesen. „Ich habe lange nicht mehr nur zum Spaß gespielt“, wird zugegeben.

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Die Energie im Raum ist wichtig

Konzerte ohne viel Publikum haben die drei Bandmitglieder in letzter Zeit öfter gespielt. Doch das sei gar nicht die große Herausforderung, wie sie erklären. „Ich mache zuerst Musik für mich, dann für die Leute“, erzählt Muhammad. Ob Publikum da ist, sei nicht egal, aber eben auch nicht entscheidend, sind sie sich einig. Und letztlich waren sie bei Radio- oder Fernsehauftritten, wie zuletzt beim Morgenmagazin im ZDF oder bei Radio Bremen, nie ganz alleine. Tal ergänzt, dass „schon eine oder zwei Personen ein Publikum sind“. Ein gutes Konzert ist für die Wahlberliner von der Stimmung abhängig. Roland beschreibt das Gefühl, wenn die Energie im Raum fokussiert ist, für Tal ist es das Empfinden nach einem Auftritt.

Im vergangenen Jahr waren etwa 20 Konzerte geplant. Letztendlich sind sie viermal aufgetreten – die Aufzeichnung in Hoyerswerda inklusive. Alle Gigs waren Alternativen, die nicht langfristig geplant waren, sondern aufgrund der Umstände zustande gekommen sind.

Eine Bratsche als Bass

Natürlich vermissen Tolyqyn die Bühnen, aber Muhammad betont, dass sie alle Glück haben, Musiker zu sein. „Besonders in dieser Zeit“, ergänzt Tal, denn etwas anderes können sie sich nicht vorstellen und halten daran fest. Wenn Tolyqyn gemeinsam spielen, dann sind die vielfältigen Einflüsse zu spüren. Irgendwo zwischen Jazz, Blues, Pop, Groove und afrikanischen Rythmen finden sie sich wieder. Lebhafte Riffs, die eingängig und rhythmisch sind, treffen auf die Drum, die antreibt und Spannung aufbaut. Die Besetzung aus Gitarre, Schlagzeug und gezupfter Bratsche ist besonders, aber es scheint nichts zu fehlen, was das Ensemble ergänzen würde. Mit Pedalen und Effekten unterlegt, kann die Viola mal wie ein Bass klingen oder wie ein Synthesizer. Es ist meist ein warmer Klang – auch getragen von Rolands Stimme. Ähnlichkeiten zu der Band Alt-J sind erkennbar, aber mehr Vergleiche sind nur schwer möglich mit diesem speziellen Klang.

Als Roland vor einigen Jahren die Band gegründet hat, wollte er etwas Einzigartiges, verrät er zur Namensgebung. Das ist allem Anschein nach gelungen.

In den Liedern bleibt immer Platz für Improvisation, die sich mal ab vom Thema weiterspinnt und dann wieder den Weg zurückfindet. An anderer Stelle wird mit accapella Gesang eine neue Nuance erreicht, die aber keinen Bruch zum bisherigen darstellt – eher ein gelungenes Experiment.

Für die Musiker ist das gemeinsame Spielen, wie eine Beziehung. Man tritt in eine Art Unterhaltung oder Diskussion, wie sie sagen. Ganz nebenbei lernen sie sich so gegenseitig auch besser kennen. Die Gefühle, die jeder mitbringt, können eben auch den Ausdruck beeinflussen.

Tal spricht von einem wunderbaren Gefühl, nicht nur um der Musik Willen zu spielen. Dennoch mag er auch das Gefühl, wenn Menschen zu der Musik tanzen und sie genießen. Das fehlt ihm. Die Veranstalter der KuFa empfehlen die „Überbrückungshilfe“ laut abzuspielen. So kann zumindest das Publikum die richtige Stimmung herstellen und sich in den Saal samt Band denken – von zu Hause aus.

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