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Hoyerswerda

Eine Lautaer Geschichte

Wie in der Karl-Marx-Oberschule in Lautawerk auf eines der schwersten Grubenunglücke Deutschlands reagiert wurde.

Der Brief der Klasse 4a aus Lauta aus dem Jahr 1962 an die Bergleute in Völklingen,
Der Brief der Klasse 4a aus Lauta aus dem Jahr 1962 an die Bergleute in Völklingen, © Foto: privat

Von Dr. Gabriele Schluttig

Lauta. Am 7. Februar 2021, also am Sonntag, jährte sich zum 59. Mal der Jahrestag eines der schwersten Grubenunglücke Deutschlands, die gewaltige Schlagwetterexplosion im saarländischen Steinkohlebergwerk Luisenthal. 299 Bergleute kamen dabei ums Leben. 287 Männer starben in 600 Metern Tiefe. Zwölf Kumpel, die lebend geborgen werden konnten, erlagen wenig später ihren Verletzungen. Der älteste von ihnen war 59 Jahre, der jüngste 16 Jahre alt. Einer von ihnen hatte an diesem Tag Geburtstag. Über dieses Unglück berichteten 1962 die Medien im In- und Ausland. Auch in den Zeitungen in der hiesigen Region erschienen ausführliche Berichte und viele Menschen drückten den Hinterbliebenen ihr Mitgefühl aus.

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An der Karl-Marx-Oberschule in Lautawerk unterrichtete zu dieser Zeit der Lehrer Rolf Tille. Es war ihm bewusst, dass an seiner Schule viele Kinder waren, deren Eltern ebenfalls im Kohlebergbau arbeiteten. Zwar war die Situation eine ganz andere, denn in der Lausitz wurde und wird die Braunkohle hauptsächlich im Tagebau gewonnen. So redete er mit seinen Schülern über dieses Unglück im fernen Saarland und gemeinsam dachten sie darüber nach, wie es den Kindern dieser Bergleute wohl gehen würde und wie sie helfen könnten.

Sie beschlossen, den Bergleuten in Völklingen und vor allem den Kindern der verunglückten Bergleute einen Brief zu schreiben, um ihnen auf diese Weise ihr Beileid auszusprechen. Dieser Brief ist als Dokument menschlicher Solidarität über die Grenze hinweg erhalten geblieben.

Rolf Tilles Schüler Siegfried Hager, der eine besonders schöne Handschrift hatte, schrieb den Brief sauber ab und er wurde abgeschickt. Auch das damalige Elternaktiv, dem auch ein Mitglied der damaligen SED-Kreisleitung angehörte, unterstützte diese Aktion der Kinder. Die Klasse bekam jedoch keine Antwort.

Einige Zeit später musste sich Lehrer Tille vor dem Direktor der Schule und einem Vertreter der Staatssicherheit für diesen Brief rechtfertigen. Er machte den beiden Herren klar, dass diese Aktion keinen politischen Hintergrund hatte, sondern das Mitgefühl der Kinder ausdrücken sollte. Die Erklärung wurde akzeptiert. Man händigte ihm ein offizielles Dankschreiben der Saarbergwerke Aktiengesellschaft, welches als Antwort gekommen war, aus. Seine Frage, ob nicht auch ein persönlicher Brief für seine Schulklasse beigelegen hatte, wurde nicht beantwortet. So war das damals eben.Bis heute ist Dr. Rolf Tille trotz seines hohen Alters ein regelmäßiger und gern gesehener Gast bei Klassentreffen seiner ehemaligen Schüler in Lauta. Einige von ihnen sind selbst Lehrer geworden, so auch Siegfried Hager, der das Beileidsschreiben für die Hinterbliebenen des Unglücks in Schönschrift zu Papier gebracht hat.

Alle anderen, darunter auch die Autorin dieser Erinnerungszeilen und ebenfalls eine Schülerin von Rolf Tille, freuen sich immer wieder über seine Zusagen zur Teilnahme an ihren Klassentreffen und die interessanten Abende mit ihm. Die Gespräche zu diesen Gelegenheiten drehen sich nicht nur um Erinnerungen an die schöne gemeinsame Schulzeit in Lauta, sondern haben auch unsere Gegenwart im Blick.

Dr. Gabriele Schluttig ist die Autorin des 2018 erschienenen Buches „Lauter Lautaer Geschichten“.

Dankesschreiben der Saarbergwerke Aktiengesellschaft für den Brief aus Lauta.
Dankesschreiben der Saarbergwerke Aktiengesellschaft für den Brief aus Lauta. © Foto: privat

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