SZ + Hoyerswerda
Merken

Eine Reichsgrafen-Ruhestätte in der Diaspora

Glaubensbekenntnisse und Geschichtszeugen in der katholischen Wittichenauer Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt

Von Uwe Jordan
 7 Min.
Teilen
Folgen
Ausschnitt aus dem Epitaph des Reichsgrafen Friedrich Eberhard zu Solms (1691-1752) in der Katholischen Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt Wittichenau.
Ausschnitt aus dem Epitaph des Reichsgrafen Friedrich Eberhard zu Solms (1691-1752) in der Katholischen Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt Wittichenau. © Foto: Gernot Menzel

Wittichenau. Man kann sie nicht ohne weiteres sehen. Man muss sie sehen wollen; die Türen am Ende des Kirchenschiffs auf der Westseite durchschreiten, ehe man die Epitaphe erblickt, die so gar nicht nach Wittichenau zu gehören scheinen. Grabsteine der reichsgräflichen Familie Solms – und die hatte mit Wittichenau, weltlich gesehen, fast nichts zu schaffen. Trotzdem sind hier gleich drei Solms’ zur letzten Ruhe gebettet: das Ehepaar Friedrich Eberhard und Maria Carolina sowie ein Sohn.

Ein Lebenslauf in Stein gemeißelt

Der größte der reich verzierten Steine (die Rechtschreibung wurde behutsam der heutigen angepasst) vermeldet: „Hier ruhen Ihro Excellenz, der Hochgeborene Reichsgraf Friedrich Eberhard Graf zu Solms, Braunfels und Tecklenburg, Herr zu Müntzenberg, Sonnewalde, Laubach, Redelheim, Barut, u. Puch, auch Wendisch u. Nieder Soland etc; Kaiserlich-Königlich Ungarisch-Böhmischer und Chur-Sächsischer Geheimer Rat. Selbiger waren im Jahre 1691 den 17. Mai geboren zu Puch. 1710 begaben Sie sich in Chur-Pfältzische Kriegsdienste, wohneten als Mayor vielen Schlachten u. Belagerungen bey (über) 8 Jahre hinweg. (Im Jahre) 1723 übernahmen Sie die Herrschaft Sonnewalde. 1724 vermähleten sich Selbiger mit dem Hochgeborenen Fräulein Maria Carolina, geborene Gräfin von Scharffenberg und zeugeten in dieser vergnügten Ehe 3 Söhne und 3 Töchter. 1730 verließen Sie das Luthertum und begaben sich auf sonderbare Göttliche Berufung zur Römisch-katholischen Kirche darinnen Sie auch höchst eifrig und rühmlich beharret bis ans Lebens-Ende. 1752 den 3. Mai starben Sie an einem Schlagflusse zu Leipzig, nachdem Selbige Ihr Alter gebracht auf 60 Jahr, 11 Monate 10 Tage. Zum liebevollen Andenken haben dieses Monument fertigen lassen die betrübte Witwe und Erben 1754. Geneigter Leser. Wünsche und sprich: Er ruhe in Frieden. Amen.“

Acht Jahre pfälzischer Major

Die Biografie wirft Fragen auf; gibt Spekulationen Raum – aber in vielen Fällen lassen sie sich durch mühsam wieder aufgefundene Fakten erklären. Wittichenaus Pfarrer i. R. Johannes Magiera hat viel Erhellendes, teilweise Erstaunliches und bis in die heutige Zeit Fortwirkendes herausgefunden. Freilich, so Magiera, wäre es wünschenswert, das Zusammengetragene zu ordnen und zu publizieren – und eine weitere Forschung, eventuell durch einen Studenten, könnte zu Tage fördern, was bislang noch im Dunkel der Geschichte versunken ist. Aber schon das, was Pfarrer i. R. Magiera herausgefunden hat, lässt die Historie der Solms’ verständlicher werden. Warum etwa verharrte der Reichsgraf im Pfälzer Kriegsdienst bis zuletzt als Major, also auf einem minderen Dienstrang? Weil er als Rittergutsbesitzer keine militärische Karriere anstrebte. Wie und warum übernahm er die Herrschaft Sonnewalde? Sonnewalde war opulenter, ertragreicher und repräsentativer als P(o)uch. Was war das „Erweckungs-Erlebnis“, die „sonderbare Göttliche Berufung“, das/die ihn vom Protestantismus zum katholischen Glauben übertreten ließ? Das bleibt leider (noch) im Dunkel. Und vor allem: Wie kam es dazu, dass er und die Seinen in Wittichenau beerdigt wurden? Das nun wiederum lässt sich ziemlich genau nachvollzhiehen.

Es waren bewegte Zeiten, in die Friedrich Eberhard an jenem 17. Mai 1691 hinein geboren wurde, in Puch (Pouch) bei Leipzig, östlich von Wittenberg, einer Hochburg der Reformation. Die Mutter war zwar streng katholisch, aber der Junge wurde evangelisch erzogen.

Ein halbes Jahrhundert zuvor, 1635, waren die Ober- und Niederlausitz, zu der auch die Solms’schen Besitzungen zählten, vom Kaiser, der den Sachsen 65 Zentner Goldes schuldete, als „Mannlehen“ an eben Sachsen verpfändet worden. „Mannlehen hieß: Stürbe die (sächsische) Herrscherlinie ohne männlichen Erben aus, fiele das Land an den Kaiser zurück. Die Herrschaft des böhmischen Königs (des Kaisers) war durch den Vertrag stark eingeschränkt.

In religiösen Belangen war der Traditionsrezeß desselbigen Jahres 1635 von großer Bedeutung zum Schutz der katholischen Standesherren und ihres Gebietes. Als Nebenlande der böhmischen Krone hätten die Lausitzen durchweg katholisch sein müssen. Nach dem Traditionsrezeß durfte jedoch keine Veränderung des Bestehenden zugunsten der katholischen oder anderseits auch der evangelischen Konfession unternommen werden.

Die Konversion des Standesherrn von Sonnewalde anno 1730 hatte für seine evangelischen Untertanen also keine Veränderung zur Folge. Als Katholik musste er sich eine Gelegenheit suchen, seinen Glauben zu leben. Eine katholische Kirche konnte er in seiner Herrschaft nicht bauen. Also blieb ihm nur Wittichenau.

Was den jungen Reichsgrafen bewogen hatte, den katholischen Glauben anzunehmen, kann nur gemutmaßt werden. Anekdotisch immerhin: So lange Friedrich Eberhard lutherisch blieb, wurden seiner Ehe nur Töchter geboren (drei, die ein Alter von 58, 25 und 74 Jahren erreichen sollten). Als er katholisch wurde, kamen endlich die ersehnten Söhne hinzu – auch hier drei, die es auf 26, 25 und 65 Jahre bringen würden.

Aber noch einmal zurück in der Geschichte: 1723 also tauschte Solms seinen Stammsitz Puch gegen Sonnewalde bei Finsterwalde. Zu jener Zeit hatte er auf der sächsischen Herrenbank Platz genommen, einer Art Landtag/Kabinett, das bis dato von evangelischen Herren dominiert wurde. Doch nun verschoben sich, sehr zum Ärger des Landesfürsten, die Machtverhältnisse, als neben dem Abt Gabriel von Neuzelle und dem Grafen Brühl auch der seit 1730 Neu-Katholik Solms dem Gremium angehörte. Solms durfte, seinem Rang entsprechend, nicht nur eine Kuratsstimme abgeben (also eine Gemeinschaftsstimme mit seiner „Fraktion“), sondern auch eine Virilstimme – eine unabhängige Einzelstimme.

Ein fehlendes Sterbedatum

In Glaubensfragen war Friedrich Eberhard in Sonnewalde allerdings in die Diaspora (Gebiet, in dem eine religiöse Minderheit von einer Mehrheit mit anderer Konfession umgeben ist) gefallen. Evangelische Landschaften, wohin man blickte! Katholische Gotteshäuser waren rar; und wo überhaupt, dann wenig repräsentativ (wie Jauernick), sehr fern wie die Klosterkirche Neuzelle – oder noch nicht fertiggestellt wie die Dresdener Hofkirche. Das mag der Grund gewesen sein, warum Solms sich für Wittichenau als Grablege entschied – die einzige wirklich angemessene katholische Kirche in weitem Umkreise. So finden sich eben dort heute die Epitaphe des vormaligen Reichsgrafen Friedrich Eberhard Graf von Solms (1691-1752), seiner Ehefrau Maria Carolina zu Solms (1699-) und seines Sohnes Friedrich Joseph zu Solms (1732-1758). Das „(1699 -)“ ist kein Flüchtigkeitsfehler: Als Maria Carolina 1752 Witwe wurde, hatte sie (was sie freilich nicht wissen konnte) noch 20 Jahre Lebens vor sich; entschied sich aber, ihren Grabstein schon damals in Auftrag zu geben. Für das Sterbedatum war zwar Platz gelassen worden, es wurde aber später nicht eingefügt.

Die Gräber der Solms’ befinden sich allerdings nicht unter den Epitaphen, sondern am Hochaltar. Der Reichsgraf liegt auf der Evangelienseite, also auf der „vornehmen“ Seite rechts des Altars (also vom Altar her gesehen; aus Sicht des davorstehenden Betrachters allerdings links); die letzte Ruhestätte seiner Gemahlin befindet sich auf der Epistelseite (vom Betrachter rechts).

1.000 Taler gestiftet

Die Geschichte der Solms’ bleibt mit Wittichenau verknüpft. Ein Nachkomme, Franz Xavier, legierte 1814 (richtete ein) eine Stiftung mit einem Grundstock von 1.000 Talern (3.000 Reichsmark); eine Summe, die dem Jahresgehalt eines Pfarrers in Neuzelle entsprach. Vom Ertrag der Stiftung (Zinsen, die die Gläubiger zu zahlen hatten) wurden verschiedene wohltätige Zwecke bedient; auch sollte, so hatte es sich Franz Xaver lebzeits ausbedungen, nach seinem Tode jährlich zu seinem Gedächtnis eine Messe gelesen werden. Da er zu Weihnachten beerdigt wurde, wurde jeweils am Donnerstag vor Weihnachten um 9 Uhr in der Wittichenauer Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt eine solche Messe gehalten; noch 1852 ist dies urkundlich belegt.

Spätere Geldentwertungen ließen das Realkapital der Stiftung zur Unbedeutendheit verblassen. Was geblieben ist, sind die Epitaphe von Franz Xavers Vorfahren, die noch viel zu offenbaren hätten.

Ein Dank des Autors gilt Wittichenaus Pfarrer i. R. Johannes Magiera für seine detaillierten, sachkundigen und überaus freundlich mitgeteilten Auskünfte.

Ausschnitt aus dem Epitaph von Maria Carolina zu Solms (1699-1772).
Ausschnitt aus dem Epitaph von Maria Carolina zu Solms (1699-1772). © Foto: Gernot Menzel
Ausschnitt aus dem Epitaph von Friedrich Joseph zu Solms (1732-1758).
Ausschnitt aus dem Epitaph von Friedrich Joseph zu Solms (1732-1758). © Foto: Gernot Menzel