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Einst beliebter Treffpunkt, heute gerettete Geschichte

Litschen hat dank fleißiger Hände jetzt am Dorfanger wieder eine Milchrampe.

Litschen hat nach vielen Jahren wieder eine Milchrampe. Darüber freuten sich Gerd Haustein, Georg Sauer, Udo Steglich und Reinhard Melcher (v.l.).
Litschen hat nach vielen Jahren wieder eine Milchrampe. Darüber freuten sich Gerd Haustein, Georg Sauer, Udo Steglich und Reinhard Melcher (v.l.). © Foto: Andreas Kirschke

Litschen. Vier Granitpfähle müssen tief in den Boden. Gerd Haustein vom Bauhof der Gemeinde Lohsa transportiert sie mit dem Traktor vorsichtig heran. Kollege Gerald Tronnier unterstützt dabei. Die Litschener Udo Steglich und Reinhard Melcher wuchten die Pfähle Freitagmorgen am Dorfanger in die Erde. Immer wieder korrigierensie und prüfen mit der Wasserwage nach. Später kommt eine Holzeinfassung auf die Pfähle. Mit Schrauben wird sie im Granit befestigt.

Nach vielen Jahren hat Litschen wieder eine Milchrampe. Von Ortschronist Reinhard Melcher und Einwohner Ulrich Behns stammt die Idee dafür. Der Bauhof stellt die Granitpfähle und die Holzeinfassung bereit. Der Chronist gibt einige Milchkannen für die Rampe.

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„Wir bewahren ein Stück Geschichte. Die nachfolgende Generation soll davon erfahren. Sie soll die Milchrampe nicht nur im Museum oder in Schulbüchern sehen“, meint Udo Steglich. In Hoyerswerda ist er aufgewachsen. Seit 1957 lebte seine Familie dort. „Mein Wunsch war immer, aufs Land zu ziehen“, so der 65-Jährige. „Meine Oma väterlicherseits wohnte in Wiesa bei Kamenz. Dort war viel Natur, alles schlicht und einfach. Das hat mir gefallen.“ 1991 zog Udo Steglich nach Friedersdorf. Seit zwölf Jahren wohnt er in Litschen. Hier lebt er sehr gern. Chronist Reinhard Melcher ist Ur-Litschener. Noch heute wohnt er in seinem Elternhaus. Gelernt hat er Schlosser. Später arbeitete er im Tagebau Lohsa und daraufhin im Tagebau Reichwalde. Jeweils als Meister für Hilfsgeräte. Später war er bei der Braunkohlesanierung Umwelt- und Landschaftsgestaltung Sachsen (BUL) Bauleiter. Litschen, so erzählt der Chronist, hatte früher eine Milchrampe aus massiven Eichenholz-Bohlen. Sie stand in Höhe der heutigen Bushaltestelle. „Früher gab es am Dorfanger viele Einzelbauern“, entsinnt sich der 68-Jährige. „Jeder besaß mindestens eine Kuh, mancher sogar drei Kühe. Täglich wurde gemolken.“

Die Milch kam in verzinkte große Eisenkannen mit einem Fassungsvermögen von zehn oder 20 Litern. Die Bauern stellten ihre vollen Kannen auf die Rampe. Frühmorgens holte die Molkerei Hoyerswerda die Kannen ab. Verarbeitet wurde die Milch dann zu Quark, Butter, Käse und Trinkmilch. Nachmittags brachte das Milchauto die leeren Kannen zurück. Die Milch, so erzählt der Chronist, war für die Bauern eine wichtige Einnahmequelle. Seine Mutter, Martha Melcher, besaß in Litschen zwei Milchkühe und einen Bullen. Auch sie nutzte zum Abstellen immer wieder die Milchrampe. „Für uns Kinder war das ein beliebter Treffpunkt“, erzählt Reinhard Melcher. „Wir saßen gern auf den Kannen und spielten Karten. Oder wir spielten Fangen und Verstecken an der Milchrampe.“

Diese Konstruktion verschliss im Laufe der Jahre. Sie wurde später an einem anderen Standort neu aufgebaut. Die dafür nötigen Betonplatten kamen damals vom Wohnungsbau-Kombinat Hoyerswerda. „Oft wurde die Milchrampe bei Festveranstaltungen mit Birkenzweigen umsäumt. Die Milchrampe diente dann als Tribüne“, erzählt Reinhard Melcher. „Unter anderem beim jährlichen traditionellen Rosenbaum-Werfen (ähnlich dem Maibaum-Werfen, Red.), bei Feiern zum 1. Mai, beim Kindertag und beim Erntedankfest im Oktober. Die Milchrampe war beliebt. Sie war oft auch zentraler Start- und Treffpunkt bei Ausfahrten.“

Mit der Neugestaltung des Dorfangers im Jahr 2000 wurde die alte Milchrampe weggerissen. Der Wiederaufbau schwebte dem Chronisten schon lange vor. Dank Bauamtsleiter Wolfgang Tietze gab es jetzt eine unkomplizierte Entscheidung. „Viele Jahre waren wir um das Vorhaben bemüht. Doch stets kam es nicht dazu. Es konnte keine Einigung mit der Gemeinde gefunden werden. Es gab immer Gründe für ein Nein, und keinen Grund für ein Ja.“ Dank neuer Initiative und dank der Unterstützung durch den Bauhof wird jetzt die Milchrampe Wirklichkeit. „Sie gehört zum Ortsbild“, meint Reinhard Melcher. „Damit werten wir den Dorfanger auf.“ Als positives Vorbild nennt er Bröthen. Dort wurde die Milchrampe kreativ aufgestellt. Jetzt ziehen die Litschener ihrerseits nach. Vorstellbar, so Reinhard Melcher, ist eine kleine Infotafel. Sie könnte bald über Geschichte, Entstehung, Nutzung und Wertschätzung der Milchrampe informieren.

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