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PLUS Hoyerswerda

Erfolgsmodell Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund

Wie die Awo für den Landkreis seit über fünf Jahren zwei Heime bewirtschaftet.

© Symbolfoto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Als vor zwei Wochen Hoyerswerda der pogromartigen Ausschreitungen vor 30 Jahren gedachte, standen Opfer von damals im Mittelpunkt. Und es wurde Hoyerswerda von verschiedenen Seiten attestiert, dass sich jetzt hier vieles zum Guten gewandelt hat. Mit diesem Eindruck geht einher, dass hier seit sechs Jahren Asylbewerber erfolgreich in Einrichtungen des Landkreises Bautzen betreut werden. Und das praktisch so geräuschlos, das oft nicht wahrgenommen wird, dass sich hier im gesamten Landkreis Bautzen die größte Asylbewerberunterkunft befindet.

„Die Leute haben Vertrauen“

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„2015 sind wir ins kalte Wasser gesprungen und seitdem an uns selbst gewachsen“, sagt Einrichtungsleiter Kevin Stanulla. Sein Chef, Awo-Geschäftsführer Marcus Beier, sieht als einen großen Vorteil, dass man anders als andere von Beginn an auch auf Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund gesetzt habe. Kevin Stanulla hat sieben Sozialarbeiter an seiner Seite.

Neben seiner Stellvertreterin Sandra Lambeck, die zudem das kleinere der beiden Heime leitet, sind da noch zwei Deutsche und vier Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund, so aus Kasachstan, Afghanistan und Tunesien. Neben dem klassischen Englisch kann man vor Ort so einen Großteil der infrage kommenden Sprachen abdecken. Im Falle der Venezolaner verfüge man zwar im Team über niemanden mit Spanisch-Kenntnissen, allerdings haben die Südamerikaner mittlerweile gute Deutschkenntnisse erworben.

„Es ist ja auch eine Frage der Akzeptanz, wenn es ein Asylbewerber hier mit jemandem zu tun hat, dem es selbst mal so ging“, schildert Kevin Stanulla. Walid Zouaoui, einst aus Tunesien nach Deutschland gekommen, half zunächst ehrenamtlich im Heim. Später ergab sich daraus ein richtiger Job mit Arbeitsvertrag. Und er bestätigt das: „Die Leute haben Vertrauen und andererseits muss mir niemand erzählen, dass er Ausländer sei.“ Das hilft auch in Konfliktsituationen. Im Laufe der Jahre hatte man es in den beiden Heimen mit einem Mord und drei großen Bränden zu tun, aber auch immer wieder mit Streitigkeiten. „Das ist weniger zwischen unterschiedlichen Nationalitäten. Da geht man sich aus dem Weg, ignoriert sich und fährt so am besten“, weiß Kevin Stanulla. Wenn es Ärger gibt, dann oftmals unter den Menschen eines Landes, einer Region, wobei es dabei oftmals um Nichtigkeiten geht, die sich aufgrund der Enge und Gegebenheiten hochschaukeln. Auch Walid Zouaoui wurde schon mal geschlagen, aber in den meisten Fällen reicht man sich nach dem Zwist die Hände, und alles ist wieder gut.

Großes Netzwerk zahlt sich aus

Bei der Awo macht man keinen Hehl daraus, dass man es begrüßen würde, wenn der Landkreis Bautzen für Familien und Bewohner mit Arbeitserlaubnis eine dezentrale Unterbringung ermöglichen würde. Aber im Kreis Bautzen setzt man wie in vielen anderen Landkreisen eben vor allem auf zentrale Unterkünfte. Also muss man mit den Gegebenheiten klarkommen. „Es macht aber eben einen Unterschied, ob man so ein Heim nur gegen Geld verwaltet oder auch die Menschen darin sieht“, skizziert Marcus Beier den Awo-Gedanken. Man sei natürlich nicht für das Asylverfahren zuständig, aber eben für alles andere. Das wurde während der Pandemie deutlich. In der ersten Corona-Welle leitete die Awo Mitarbeiter aus Kindertagesstätten aus der Kurzarbeit um zur Unterstützung ins Heim. Später ging es um das Ausdrucken von Schulmaterial und um Hausaufgabenhilfe. Hier hat sich, so Marcus Beier, das große Netzwerk der Awo bezahlt gemacht, zu dem viele Ehrenamtliche gehören, teils aus dem direkten Wohnumfeld der beiden Heime.

Ein Impfangebot für alle

Natürlich gab es irgendwann die ersten Coronafälle. Die Betroffenen mussten separiert, aber andererseits eben auch versorgt, der entsprechende Heimbereich gereinigt werden. Und als es im Sommer so weit war, dass sich in Deutschland jeder, der es wollte, ohne Wartezeiten gegen Covid impfen lassen konnte, organisierte man ein Impfteam ins Heim. Rund 300 Erwachsene nahmen das Impfangebot an.

Letztlich ist das Heim über die Zeit recht konstant belegt gewesen. Monatlich gibt es im Schnitt zehn bis 50 Zugänge, und in etwa genau so viele Abgänge, sei es durch Abschiebungen, freiwillige Ausreisen oder genehmigte Asylanträge. Und es gibt auch gar nicht so wenige Geschichten von einstigen Asylbewerbern, die hier einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz gefunden haben. Mancher von ihnen schaut auch danach immer noch mal im Heim vorbei, und sei es, um dem Team Süßigkeiten vorbeizubringen.

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