merken
PLUS Hoyerswerda

Erster Mann in schwerster Zeit

Wolfgang Skoddow ist am 31. Juli gestorben. Erinnern an Hoyerswerdas ersten Nachwendebürgermeister.

Wolfgang Skoddow
Wolfgang Skoddow © Archivfoto: privat

Hoyerswerda. Er sei sich vorgekommen, als wolle er ausziehen, die Sonne zu erobern – nur mit einer Heugabel ausgerüstet. So beschreibt Roman Brandstaetter, wie ihm zumute war, als er sein Jahrhundertbuch „Jesus von Nazareth“ begann. Ähnlich mag Wolfgang Skoddow gefühlt haben, als er 1990 zusagte, sich als Hoyerswerdas Bürgermeister zur Verfügung zu stellen.

Der Diplom-Ingenieur für Kohleveredlung / EDV war zwar in der Kommunalpolitik sehr engagiert – aber Bürgermeister? Das hatte ja auch Skoddows CDU-Parteifreund Wolfgang Schmitz werden sollen, aber der sah sich nach den Wahlen in der Pflicht, als Landrat anzutreten. Also sagte Skoddow schweren Herzens „Ja“.

Anzeige
Mal richtig Offroad cruisen
Mal richtig Offroad cruisen

Der 6. SZ OFFROAD TAG steigt am 25. September und wie immer sind Autohäuser und Helfer dabei. Wer das sein wird erfahren Sie hier!

Im Jahre Null

1990 – das Jahr Null nach der Wende. Alles, wirklich alles war neu: Gesetze, die sich täglich änderten. Eine Verwaltung, die vollkommen umstrukturiert werden musste. Crux überdies: Hoyerswerda war, vom (nun brandenburgischen) Bezirk Cottbus kommend, in den sächsischen Regierungsbezirk Dresden gewechselt. In Cottbus hatte man das sehr wohl registriert; kümmerte sich (korrekt) nicht mehr um die abtrünnige Stadt. Aber in Dresden war das noch nicht angekommen. Auch dort fühlte man sich un-verantwortlich. Die Folge: Kein Geld für Hoyerswerda. „Da sind wir nicht nur einmal hingefahren, um denen klarzumachen, dass wir tatsächlich Sachsen sind“, schilderte Skoddow später für ein Buch mit Porträts sächsischer Kommunalpolitiker. Gefahren wurde im Privat-Pkw. Meist bezahlt aus eigener Tasche; ebenso „Bewirtungskosten“, wenn eine offizielle Delegation in Hoyerswerda zu betreuen war. Skoddow selbst wurde nach „DDR-Tarif“ entlohnt (1.600 Mark ...) – und seine Arbeitstage endeten seit Amtsantritt kaum einmal vor Mitternacht. Pflichterfüllung bei völliger Hintanstellung des Eigenen.

Unter irregulären Bedingungen

Fast ohne Geld eine Verwaltung am Laufen halten. Städtische Verbindlichkeiten begleichen. Den Horizont der Stadt für Jahre, Jahrzehnte vorzeichnen; Entscheidungen treffen, die auf Kritik stoßen, sich erst Jahre später als richtig erwiesen – etwa der Bau der Kläranlage Bergen. Wohnungsgesellschaft und Städtereinigung auf Kurs halten. Werben um Ansiedlungen wie etwa des Globus’. Abwägenmüssen, ob der Rat der Helfer von „westwärts“ auf eine Situation passte, die sie gar nicht kennen konnten. Die kleinen, aber unzähligen zermürbenden Probleme und Problemchen des Alltags anpacken, die unverzüglich versiebenfacht nachwuchsen. „Im Grunde war das alles eine Sisyphos-Arbeit unter irregulären Zuständen, die wir geleistet haben. Aber wir haben sie geleistet. Weil wir sie leisten mussten“, erinnerte sich Skoddow später.

Er war im schwersten Jahr Hoyerswerdas Erster Mann. Ehrenrang, der ihm nicht nur numerisch zusteht, sondern ob seiner bleibenden Verdienste Gültigkeit behält.

Am Sonnabend ist Wolfgang Skoddow im Alter von 89 Jahren friedlich entschlafen. Wir verneigen uns vor einem Menschen, der seiner Stadt 1990/1991 ein großes Stück Weg in die Zukunft geebnet hat.

Mehr zum Thema Hoyerswerda