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Falsche Felgen und echte Drogen

Eine wilde Flucht vor der Polizei endete jetzt am Hoyerswerdaer Amtsgericht

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Keine gute Idee, solch eine Aufforderung zu ignorieren. Foto: Gernot Menzel
Keine gute Idee, solch eine Aufforderung zu ignorieren. Foto: Gernot Menzel © Archivfoto: Gernot Menzel

Von Angela Donath

Hoyerswerda. An den 8. Dezember des vergangenen Jahres wird sich der 19 jährige Rene S. aus Hoyerswerda wohl ein Leben lang erinnern. Der junge Mann und sein ein Jahr jüngerer Beifahrer hatten sich an diesem Abend ein Rennen mit der Polizei geliefert, quer durch die Stadt, über die S 234 nach Seidewinkel und von dort aus zurück nach Hoyerswerda. Dort, an einer zweiten Kontrollstelle der Polizei, fand die wilde und gefährliche Fahrt endlich ein Ende.

Eine Zufallsbegegnung

Der Polizei waren die beiden Jugendlichen, die im schon ziemlich betagten Audi A4 der Mutter von S. unterwegs waren, bereits in der Südstraße begegnet. Ein Zufall, wie sich am 26. Oktober im Gerichtssaal herausstellte. Das aber konnte der Fahrzeugführer nicht wissen: Er drehte förmlich durch und raste den Polizisten, die in anderen Angelegenheiten in einem Sprinter unterwegs waren, davon.

Gründe, um spontan zu flüchten, waren für S. zunächst die Felgen am Fahrzeug der Mutter. Durch deren unzulässigen Anbau war die Betriebserlaubnis für den Audi erloschen. Außerdem hatten die beiden jungen Männer verbotene Substanzen geraucht, weitere Reste befanden sich noch im Auto. Und der Führerschein des Rene S. – der war ja auch noch ganz frisch, er wollte ihn gerne behalten. Also: Flucht, Hoffen auf einen großen Vorsprung, um sich verstecken zu können, irgendwo in einer Seitenstraße: nur unerkannt bleiben ...

Irre Fahrt ohne Zeitgefühl

Die irre Fahrt könnte um die 30 Minuten gedauert haben, schätzt S. ein. Sein Beifahrer sagt als Zeuge aus und glaubt, die Fahrzeit lag bei 10 bis 15 Minuten. Die Polizeibeamten, die an der Verfolgung beteiligt waren, schätzen die Zeit noch kürzer ein.

Das spricht für das enorme Tempo des flüchtigen Fahrzeuges. Niemand kann genaue Angaben machen: der Fahrer kann sich nicht erinnern, der Beifahrer konnte den Tacho nicht sehen. Ein Polizeibeamter sagt: „Ich musste den Sprinter voll ausreizen.“ Ab manchen Stellen war der Audi mehr als doppelt so schnell wie zulässig.

S.’s Kumpel auf dem Beifahrersitz hatte große Angst. „Ich habe mehrfach gebeten, aufzuhören, doch keine Reaktion.“ Nicht, als die Querungsinsel vor dem Klinikum leicht gerammt wurde und der Wagen ins Schlingern kam; nicht, als in Seidewinkel eine Radfahrerin ihre Fahrt jäh abbrechen musste, weil auf ihrer Seite ein Auto direkt auf sie zuraste – und auch nicht an der ersten Polizeisperre, als die Beamten sich durch einen Sprung in den Straßengraben retten mussten. „Der fuhr wie fokussiert.“ Schluss war erst an der zweiten Sperre durch einen zur Verstärkung herbeigerufenen Streifenwagen. Passiert war, Gott sei Dank, nichts.

Der Joint war Dreh- und Angelpunkt

„Glauben Sie, Sie hätten diese irre Fahrt auch ohne den Joint gemacht?“, fragt Richterin Nicole Jena Rene S. Dieser verneint.

Dass alle Beteiligten, besonders aber S.’ Kumpel auf dem Beifahrersitz, viel Glück hatten an diesem 8. Dezember, ist klar. „Alles, was an dem Tag passiert ist, tut mir so leid“, sagt René S. Man will es ihm glauben.

Im Hinblick auf sein bisheriges Leben, in dem er mit dem Gesetz noch nicht in Konflikt gekommen war, wird er nach Jugendstrafrecht verwarnt. 500 Euro muss er an einen gemeinnützigen Verein zahlen, zehn Mal muss er zur Suchtberatung; viermal war er schon dort. Die Kosten des Verfahrens hat er zu tragen, einen neuen Führerschein darf er in sechs Monaten beantragen. Rene S. ist einverstanden mit dem Urteil. Das war ein teurer Abend, besonders für einen Auszubildenden. S. erhält monatlich 800 Euro Ausbildungsbeihilfe. Sein Betrieb hat signalisiert, ihn im kommenenden Jahr zu übernehmen.

Richterin Jena verweist auf die derzeitige Debatte um die Zulassung von Cannabis: „Wenn das zur Realität wird, müssen wir im Umgang mit den Autofahrern umdenken.“ Rene S. stimmt ihr da sicher zu.