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Flüchtlingshelfer kritisieren Massenunterkünfte

Nirgends in Sachsen leben so viele Asylbewerber in Heimen wie im Kreis Bautzen. Helfer stört das – auch wegen Corona.

Pfarrer Jörg Michel steht vor einem Asylbewerberheim in Hoyerswerda. Er fordert, dass mehr der Bewohner in eigenen Wohnungen leben dürfen – statt in der Gemeinschaftsunterkunft.
Pfarrer Jörg Michel steht vor einem Asylbewerberheim in Hoyerswerda. Er fordert, dass mehr der Bewohner in eigenen Wohnungen leben dürfen – statt in der Gemeinschaftsunterkunft. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Seit Jahren, sagt Jörg Michel, drängen er und die anderen Flüchtlingshelfer. Seit Jahren, ärgert sich der Pfarrer und Sprecher des Bündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“, fordern sie alle, dass mehr Asylbewerber im Kreis Bautzen dezentral – also in Wohnungen statt in Gemeinschaftsunterkünften – untergebracht werden. Jetzt, ist er überzeugt, bringt die Corona-Pandemie noch einmal ein ganz anderes Gewicht in die Debatte.

„Man sieht das ja in den Pflegeheimen“, sagt Jörg Michel. „Ist das Virus erst einmal eingezogen, breitet es sich schnell aus.“ Seine Sorge ist, dass das auch in den Asylunterkünften im Kreis Bautzen passiert. „Die Infektionszahlen könnten explodieren. Dann hat das niemand mehr im Griff“, sagt er. Denn im Gegensatz zum Pflegeheim seien die Bewohner in einer Asylunterkunft mehr in Bewegung; haben untereinander mehr Kontakt. Das ließe sich gar nicht vermeiden. In den Gemeinschafts-Küchen sei es für die Bewohner nur schwer möglich, Abstand zu halten – vor allem zu den Stoßzeiten. Auch in den Gemeinschafts-Bädern lassen sich Treffen kaum vermeiden, berichtet Jörg Michel über die Unterkünfte in Hoyerswerda. Und: Natürlich würden auch die Kinder miteinander spielen, wenn sie sich begegnen.

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Von vielen Kontakten in Küchen, Gängen und Bädern berichtet auch ein Flüchtlingspate aus Bautzen. Er betreut Familien, die in der Unterkunft in Kamenz wohnen. Und die berichten von einem Mangel an Desinfektionsmittel und Seife; dafür müssten die Bewohner selber sorgen. Dabei seien, sagt er, auch viele der Bewohner in Sorge vor einer Ansteckung.

Davon berichtet auch Jörg Michel. Seine Kritik betrifft nicht die Betreiber der Unterkünfte – sondern die Art der Unterbringung der Geflüchteten an sich. Tatsächlich steht der Kreis Bautzen vergleichsweise schlecht da. Aus einer Antwort des Sächsischen Innenministeriums auf eine kleine Anfrage vom vergangenen Jahr geht hervor, dass der Kreis nur 26 Prozent seiner Asylbewerber in Wohnungen, also dezentral, untergebracht hat. Damit ist er mit Abstand der Kreis in Sachsen, der das am wenigsten tut. Viele andere Kreise haben zwischen 60 und 85 Prozent der Asylbewerber in Wohnungen eingemietet. In einem Kreis sind es sogar 90 Prozent.

Das Problem daran ist nicht nur, dass die Asylbewerber sich im Zweifel besonders schnell anstecken könnten, so Jörg Michel. Es ist auch die Sorge vor Pauschalverurteilungen, wie sie einige Bewohner bereits erlebt hätten. So seien Schüler vom Unterricht ausgeschlossen worden, weil es in ihren Unterkünften Quarantänefälle gab – und die Lehrer Angst vor Ansteckungen hatten. Das Landesamt für Schule und Bildung bestätigt das. Ein Problem, das laut Jörg Michel vermieden werden könnte, wenn die Geflüchteten nicht auf solch engem Raum zusammenleben müssten.

Aber wie ist die Lage in den Unterkünften tatsächlich? Befasst haben sich damit auch schon Kreisräte von SPD und Grünen. Das Landratsamt erklärt unter anderem in einer Antwort auf eine Anfrage einer Grünen-Kreisrätin, dass es in den jeweiligen Einrichtungen Hygienekonzepte gibt. Zudem gebe es Quarantänebereiche.

Ein Blick in die Zahlen: Derzeit, berichtet das Landratsamt, gibt es nur einen einzigen Quarantänefall in den Asylunterkünften im Landkreis. Die Lage ist entspannt. Doch das war nicht immer so. So waren zum Stichtag 30. November 110 Asylbewerber im Kreis in Quarantäne. Zur Einordnung: Insgesamt gibt es etwa 1.200 Asylbewerber.

Aber warum bringt der Landkreis Bautzen überhaupt so wenige Geflüchtete in Wohnungen unter? Diese Frage begründet das Landratsamt nur knapp: Man sei an das Asylgesetz gebunden – laut dem die „Regelunterbringungsform die Gemeinschaftsunterkunft“ sei. Ausnahmen seien nur möglich, wenn es zum Beispiel gesundheitliche Gründe gibt – oder der Ausbildungsplatz von der Unterkunft aus nicht gut zu erreichen ist. Macht es sich der Kreis mit dieser Lesart etwas leicht? Es gibt jedenfalls auch Gründe, die für die Verteilung der Geflüchteten auf Wohnungen spricht, sagt das Sächsische Sozialministerium. Das Ministerium setze sich dafür ein, dass dezentrale Unterbringungsformen Vorrang haben. Es begründet das damit, dass die Wohnform der Asylbewerber Einfluss auf ihre Integration habe – und verweist auf das Sächsische Integrations- und Teilhabegesetz. An Debatten dazu sollen bald auch Initiativen von Flüchtlingshelfern beteiligt werden.

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