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Gegen Wollmäuse und Rahmenlücken

Im Stadtmuseum Hoyerswerda werden derzeit etwa 100 Gemälde aus dem Fundus für ihren Umzug vorbereitet.

Restauratorin Stefanie Matthes-Ehrig (Pirna) reinigt im Stadtmuseum Hoyerswerda mit Staubsauger und Pinsel einen Ernst Janetzky – „Das silberne Etui“ von (wahrscheinlich) 1940.
Restauratorin Stefanie Matthes-Ehrig (Pirna) reinigt im Stadtmuseum Hoyerswerda mit Staubsauger und Pinsel einen Ernst Janetzky – „Das silberne Etui“ von (wahrscheinlich) 1940. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Ein wertvolles Gemälde wird restauriert: Mit Hightec oder althergebrachten Methoden werden im Laufe der Zeit nachgedunkelte Firnisse aufgehellt. Spätere Übermalungen, also Verfälschungen, werden mit mikroskopischen Instrumentchen, Pixel für Pixel, abgetragen. Beschädigungen werden ungeschehen/ungesehen gemacht.

So etwa werden verloren gegangene Farbpigmente, nach uralten Rezepturen neu gemischt, zehntelmillimeterweis wieder dort aufgetragen, wo sich ihre Vorgänger bei der Entstehung des Bildes befanden. Nach wochen-, monate-, jahrelanger akribischer Fleißarbeit kann der schon aufgegebene Goya, Michelangelo oder Vermeer der staunend-begeisterten Öffentlichkeit wieder so präsentiert werden, wie er vor Jahrhunderten die Werkstatt des Meisters verließ.

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Alltagsarbeit statt Königsdisziplin

Die Königsdisziplin der Restaurierung. Nicht dass Stefanie Matthes-Ehrig aus Pirna und Katharina Bily-Lattard aus Dresden das nicht könnten. Aber meist ist ihre Arbeit viel weniger spektakulär. So wie der Auftrag, der die beiden ins Hoyerswerdaer Stadtmuseum im Schloss geführt hat. Sie soll(t)en jetzt und dann noch einmal Ende November/Anfang Dezember etwa 100 Gemälde aus dem Fundus des Museums in Anfangsgründen restaurieren, bewerten und transportfähig machen. Denn vom Dachboden des Schlosses, wo die Bilder seit Jahren oder gar Jahrzehnten im Dornröschenschlaf lagen, sollen sie umziehen in die neu gefundenen Archivräume an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße.

Museumsleiterin Kerstin Noack ist doppelt froh: Einerseits, dass damit für die Malereien ein „ungesunder“ Zustand endet: Trockenheit und Temperaturschwankungen unterm Dach setz(t)en den Stücken erst unmerklich, aber auf die Dauer doch deutlich zu. Das wird an der Bonhoefferstraße anders sein. Da werden bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit alle Gemälde unbehelligt ihren Schlummer halten können, bis sie zu Sonderausstellungen ans Licht der Welt kommen.

Zum anderen schätzt Kerstin Noack es sehr, dass mit der Wissenschaftlichen Leiterin des Museums, Boglárka Ilona Szücs, sich jemand mit Sachkenntnis und Leidenschaft der Kunstsammlung angenommen hat. Und dazu zählt auch das Vorbereiten und In-Gang-Setzen dieser jetzt stattfindenden Restaurierung und Inventarisierung, die möglich geworden ist dank der großzügigen Förderung durch die Sächsische Landesstelle für Museumswesen

Boglárka Ilona Szücs hat sechs Kategorien erarbeitet, nach denen die Bilder von den Restauratorinnen bewertet und behandelt werden und sich im Saal des zweiten Obergeschosses nach Bestandsaufnahme und „Erster Hilfe“, an die Wände gereiht, unter dem Schild mit besagter Einstufung wiederfinden. Da steht ein heroisches Lenin-Porträt neben Janetzkys „Silbernem Etui“ bei den „Gelben“, es gibt einige „Grüne“ aber auch bedenklich viele „Rote“. Obgleich Katharina Bily-Lattard sagen kann, „dass wir schon einige Objekt von «Rot» auf eine «Gelb»-Stufe heben konnten.“ Staub-Saugen oder „nebelfeuchte Reinigung“, also Abwischen mit fast trockenen Tüchern oder der Einsatz von Gel ist da noch das Einfachste. Anspruchsvoller ist die behutsame Wiederherstellung von Spannungen „schlapp“ gewordener Bilder durch Ertüchtigung des Keilrahmens (auf den die Bild-Leinwand gespannt / zeitgemäß genagelt worden ist) mit neuen Keilen. Mit Hilfe von Geflügelfedern werden die Lücken zwischen genagelter Leinwand und Keilrahmen und die Keilrahmenzwischenräume von „Wollmäusen“ befreit. Spalten zwischen Keilrahmen und dem Betrachter sichtbaren Zierrahmen werden gesäubert und verkleinert; Keil- und Zierrahmen durch elastische Rahmenfedern statt früher üblicher Grobnägel verbunden. Hinzu kommen neue, statisch ausgewogenere Befestigungen für eine Hängung der Bilder.

50 Bilder je Woche

Mühsame Kleinarbeit. 50 Bilder je Woche, so die optimistische Schätzung, sollen die Restauratorinnen bewältigen; macht pro Bild etwa 1 ½ Stunden Arbeitszeit netto. Das ist aber meist nicht zu halten, denn der Aufwand ist doch erheblich größer. Wann die Bilder umziehen? Der Winter ist aufgrund der Temperaturschocks Schloss – Außenwelt – Depot beim Transport denkbar ungeeignet. Also vielleicht im Frühjahr. Restauriert und inventarisiert.

P.S.: Dass auch die nüchterne Restaurierungs-Alltagsarbeit hübsche Überraschungen zeitigen kann, bewies die Entdeckung eines verborgenen Akt-Gemäldes von Ernst Janetzky, als Stefanie Matthes-Ehrig die Rückwand einer ländlichen Szene löste . Kleine Restaurierungs-Wunder geschehen also nicht nur in „großen“ Museen oder im Roman.

Sechs Kategorien der Bild-Erhaltung im Museum Hoyerswerda

Grün 1: stabil, Objekt ohne Schäden

Grün 2: stabil, Objekt mit partiellen Schäden, konservatorische Maßnahmen werden empfohlen

Gelb 1: stabil, Objekt mit starken Schäden (Verschmutzungen, Deformationen, Wasserschäden, aber ohne verlustgefährdetes Material), konservatorische Maßnahmen werden empfohlen

Gelb 2: instabil, Objekt mit partiellen Schäden (z. B. punktueller Haftungsverlust zwischen Bildträger und Materialschicht, kleinere Einstiche oder Risse mit tendenziell verlustgefährdetem Material), konservatorische Maßnahmen dringend empfohlen, Objekt ist nicht verpackungs- und transportfähig, keine Ausleihe

Rot 1: instabil, Objekt mit starken Schäden: mehrere oder sehr großflächige Schadensphänomene, konservatorische Maßnahmen werden dringend empfohlen

Rot 2: instabil, Notsicherung erforderlich – sofortiger konservatorischer Handlungsbedarf, da das Objekt selbst bei entsprechender Lagerung weiter geschädigt wird (weiterer Malschichtverlust bei geringfügigen Erschütterungen, Berührungen oder Ähnlichem; akuter Schimmelbefall, Materialdegradiationen - Verschlechterung bis hin zu völligem Verlust-); keine Verpackung, kein Transport, keine Ausleihe

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