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„Gertrud Winzer ist mir ein gutes Vorbild“

Silvia Stephan in Schwarzkollm engagiert sich seit vielen Jahren für die sorbische Sprache.

Silvia Stephan engagiert sich in Schwarzkollm ehrenamtlich. Ihre Liebe zur sorbischen Sprache wurzelt im Glauben und in der Familie. Hier steht sie am Krabat-Denkmal, geschaffen 2002 von Metallgestalter Harald Lukschanderl aus Maukendorf.
Silvia Stephan engagiert sich in Schwarzkollm ehrenamtlich. Ihre Liebe zur sorbischen Sprache wurzelt im Glauben und in der Familie. Hier steht sie am Krabat-Denkmal, geschaffen 2002 von Metallgestalter Harald Lukschanderl aus Maukendorf. © Foto: Andreas Kirschke

Schwarzkollm. Viele Wege führen nach Rom. Viele Wege führen zum Erlernen der sorbischen Sprache. Silvia Stephan geht sie immer wieder neu. Sorbisch-Kurse des Witaj-Sprachzentrums, Sorbisch-Kurse der Stadt Hoyerswerda und die Sprach-Werkstatt „Leuchtturm“ der Domowina sind nur einige Beispiele. „Ich nutze jede Gelegenheit, Sorbisch zu lernen, zu schreiben, zu lesen, zu sprechen, zu singen und im Alltag anzuwenden“, meint die 46-jährige Schwarzkollmerin. 

Seit 2002 ist sie Erzieherin im dortigen AWO-Kindergarten „Krabat“. Von 2003 bis 2006 leitete sie die Einrichtung. Heute betreut sie vor Ort die Witaj-Gruppe der Zwei- bis Vierjährigen zum Sorbisch-Erwerb. Kollegin Daniela Stockfisch betreut daran anknüpfend die Witaj-Gruppe der vier- bis sechsjährigen Vorschulkinder.„Kindergärtnerin war immer mein Traumberuf. Ich wollte nie etwas anderes werden“, sagt Silvia Stephan. Ihre Großeltern mütterlicherseits, Hanna und Max Hopka in Schwarzkollm, sowie väterlicherseits Marie und Matthes Wenzko in Bluno, lebten tief im Glauben verwurzelt. Beide Großmütter gingen noch täglich in sorbischer Tracht. „Zu den Festen wie Ostern, Pfingsten, Erntedank, Kirmes und Weihnachten trugen sie die der Tradition gemäß passende Tracht“, erinnert sich die Enkelin. „Miteinander, im Alltag, sprachen beide Großmütter Sorbisch. Uns Kindern gaben sie die Sprache jedoch nicht weiter.“ Silvia Stephan entdeckte Sorbisch für sich im Kindergarten. Dort sang sie Lieder, lernte Verse, übte mit den anderen Kindern kleine Programme ein.

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Fest im Glauben

In ihrer Schulzeit schaute oft Gertrud Winzer vorbei. Die spätere Initiatorin des Erlebnishofs Krabatmühle war damals Bürgermeisterin in Schwarzkollm. „Sie hat mich angespornt, Sorbisch zu lernen. Oft begrüßten wir Kinder damals in sorbischer Tracht Gäste in Schwarzkollm. Gertrud Winzer brannte für die Kultur. Sie brannte für die sorbische Sprache. Gertrud Winzer ist mir bis heute ein gutes Vorbild“, sagt Silvia Stephan dankbar. Die Energie und Leidenschaft für die sorbische Kultur wurzeln auch in der Familie ihres Mannes Jens (49). Dessen Großeltern mütterlicherseits, Hanna und Wilhelm Bedrich in Schwarzkollm, bekannten sich als Sorben. Wilhelm Bedrich war sorbischer Hochzeitsbitter (Braška) und Leiter der Tanzgruppe. „Beide standen fest im Glauben.“

Mit dem Witaj-Projekt gelernt

Silvia Stephan lernte nach der Schulzeit Erzieherin im Oberstufenzentrum I Cottbus. Für ein Jahr arbeitete sie in einer 20-Stunden-Stelle im ASB-Kinderheim Senftenberg. 1996 bis 1998 war sie Erzieherin im Kinderheim „Nesthäkchen“ Hoyerswerda in Trägerschaft der Stiftung Diakonie-Sozialwerk Lausitz. Inzwischen kamen ihre ersten Kinder zu Welt. Seit 2002 gehört Silvia Stephan zur AWO-Kindertagesstätte „Krabat“ Schwarzkollm. „Damals suchte die Einrichtung dringend sorbisch sprechende Erzieherinnen. Seit dem Jahr 2000 lief bereits das Witaj-Projekt zum Sorbisch-Erwerb vor Ort“, entsinnt sich die 46-jährige. In einem zehnmonatigen Intensiv-Kurs mit muttersprachlichen Lehrern aus Crostwitz und Bautzen erwarb sie die Sprache. Vokabeln, Schreiben und Lesen verinnerlichte sie. Manche Scheu galt es zu überwinden. Beim Lernen stieß sie auch an Grenzen. Doch entmutigen ließ sie sich nicht. Ein Praktikum zur Sorbisch-Anwendung führte sie in die Kindertagesstätte „Lutki“ in Bergen. Es gab ihr Ansporn und Zuversicht, die Sprache weiterzulernen. Ermutigung gaben ihr auch die beiden Muttersprachler in der AWO-Kindertagesstätte „Krabat“ Schwarzkollm, Leiterin Birgit Leonhardt und Erzieherin Gabriele Hornig.

Sprache wirkt im Alltag

Heute bindet Silvia Stephan die sorbische Sprache direkt in den Kita-Alltag ein. In ihrer Witaj-Gruppe legt sie Wert auf Redewendungen zum Begrüßen und Verabschieden, zum Hände-Waschen, zum Frühstücken, Mittagessen und Vespern. Spielerisch, ungezwungen, ohne Anstrengung erwerben die Kinder die sorbische Sprache. „Ich versuche, die Sprache so lebendig, so natürlich, so lebensnah, so ungezwungen wie möglich weiterzugeben“, erläutert Silvia Stephan. „Wichtig ist, auf jedes Kind einzugehen. Jedes Kind lernt anders. Jedes Kind hat andere Vorbildung. Wichtig ist es, viel durch emsiges, stetes Wiederholen zu lernen.“ Eltern haben mitunter Angst, weil sie ihren Kindern beim Sprache-Lernen nicht helfen können. Sie trauen sich und dem Kind den Sorbisch-Erwerb nicht zu. Sie fürchten Überforderung und Überanstrengung. Silvia Stephan versucht, ihnen diese Angst zu nehmen. Sie erzählt dann frei von sich selbst. Sie erinnert sich im Gespräch mit den Eltern an ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ängste, ihre eigenen Vorbehalte. Sie setzte sich damit auseinander. Beharrlich lernt sie die Sprache bis heute weiter.

Die Liebe zur Sprache und Kultur gibt sie in der Familie weiter an ihre Kinder Marie-Sophie (22), Anna-Lena (20), Hanna-Elisa (13) und Liese-Lotte (10). Sie gibt sie weiter an die Kinder in der AWO-Tagesstätte „Krabat“ Schwarzkollm. „Jadwiga Kaulfürst vom Witaj-Sprachzentrum Bautzen hat für uns den sorbischen Tanz «Annemarie Polka» passend für Kinder ins Sorbische übertragen. Wir üben ihn derzeit ein.“ Zur Schwarzkollmer Kirmes am 7. November sollen die Kinder innerhalb eines kleinen Programms diesen Tanz zeigen. Aufführen will Silvia Stephan mit den Kindern auch wieder die Krabat-Sage. Im Blick hat sie das Hoffest am 18. September 2021 im Ort.

Passionssingen wiederbelebt

Vielfältig engagiert sich Silvia Stephan in Schwarzkollm ehrenamtlich. In der Evangelischen Kirchengemeinde organisiert sie den Kirchenputz, hat im Jahr einen Monat Altardienst und beteiligt sich am Winden der Ernte-Ranke. „Wichtig ist, sich immer wieder aufzumachen, da zu sein, mitzuwirken, sich einzubringen“, unterstreicht sie. Mit anderen Frauen im Ort konnte sie 2010 die Tradition „Passionssingen am Karsamstag“ wiederbeleben. Seit 1939 war dieser Brauch in der Nazi-Diktatur unterdrückt. Jetzt lebt er wieder auf. Von Anfang an engagiert sich Silvia Stephan im Verein Krabatmühle e. V. Sie gehört mit zum Vorstand. Sie sorgt sich um die Pflege, um den Erhalt und um die Ausstellung der sorbischen Trachten. Im Verein Brauchtumsgruppe Schwarzkollm e. V. singt sie mit im Chor. Ihre Töchter wirken mit in der Tanzgruppe. „Langfristig wollen wir das Tanz-Sing-Spiel «Krabat» wieder auflegen. Die Uraufführung liegt 25 Jahre zurück“, sagt Silvia Stephan und fügt an: „Wir suchen Mutige zum Mitwirken. Kreative Männer und Frauen können sich bei uns melden.“

P.S.: Am 9. Oktober wurde Silvia Stephan in Bautzen mit dem Ehrenabzeichen der Domowina geehrt. Damit würdigte der Dachverband der Sorben Verdienste für Sprache und Kultur sowie besondere Leistungen bei der Verwirklichung des Programms der Domowina.

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