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Geschichten aus der Nachbarschaft – auf Sorbisch

Die Wittichenauer Chronik aus dem Jahre 1878, herausgegeben von Franc Schneider, kann digital eingesehen werden.

Wittichenau ist zu allen Zeiten dem (katholischen) Glauben verbunden gewesen und geblieben – der Marktplatz mit Kruzifix legt davon genau so Zeugnis ab wie Schneiders Chronik von 1878 ...
Wittichenau ist zu allen Zeiten dem (katholischen) Glauben verbunden gewesen und geblieben – der Marktplatz mit Kruzifix legt davon genau so Zeugnis ab wie Schneiders Chronik von 1878 ... © Archivfoto: Uwe Schulz

Wittichenau. Eine eher unscheinbare Meldung des Sorbischen Instituts Bautzen: Vor kurzem seien unter https://sachsen.digital/ weitere digitalisierte sorbische Dokumente veröffentlicht worden. „Damit sind im Portal sachsen.digital insgesamt 1.634 Dokumente (Handschriften, historische Drucke, Zeitschriften und weitere Bände) aus den Sammlungen des Sorbischen Instituts zugänglich“, fasste es Madlen Domašcyna, Referentin für Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit des Instituts, zusammen.

„Dass wir nun einen Teil des «Serbowka»-Nachlasses und wertvolle historische Drucke im Zuge des Sächsischen Landesdigitalisierungsprogramms zugänglich gemacht haben, ist ein weiterer wichtiger Schritt für die allgemeine Verfügbarkeit und Bewahrung des sorbischen kulturellen Erbes. Ich möchte auf diesem Wege insbesondere der SLUB (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek, Dresden, d. Red.) für die Möglichkeit und die produktive Zusammenarbeit danken“, so Wito Böhmak, Leiter der Sorbischen Zentralbibliothek und des Sorbischen Kulturarchivs am Sorbischen Institut in Bautzen. In einer Randnotiz der besagten Pressemitteilung verwiesen wurde auf die schon länger bei besagtem Portal einsehbare „Khrónika Kulowa“ (Chronik von Wittichenau) aus dem Jahre 1878.

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Logik hilft oft weiter beim Verstehen

Grund genug, besagtes Portal aufzusuchen und die Wittichenauer Chronik in Augenschein zu nehmen. Ja, auf Seite 23 findet sich das besagte Werk; einst gedruckt in Bautzen; 148 Seiten, herausgegeben von Franc Schneider bei Cyrill und Method, also einem Verlag, der mit seinem Namen auf die Slawen-Apostel Bezug nahm. Allerdings, der Autor gesteht es beschämt: Für den des (Ober)Sorbischen nicht Mächtigen weitestgehend verschlossen bleibt diese mit zahlreichen Unterstreichungen und Randnotizen von späterer Hand versehene Chronik, die im Jahre 1225 einsetzt und wie die Frentzel’sche für Hoyerswerda Stadt-, Kirchen- und Regionalgeschichte auflistet – mal großzügig, mal detailverliebt. Denn es gibt durchaus Zusammenhänge, die sich der Logik erschließen – und es gibt (spärliche) deutsche Einsprengsel, die wohl nicht sinnfällig aus dem Deutschen oder Latein schwer ins (Ober)Sorbische zu übersetzen oder im Alltagsgebrauch bis dahin schlicht undenkbar waren. Allerdings sind es manche der genannten Begriffe auch heute wieder. Als Beispiele für das wieder im Vergessen Verschwundenen hie und das damals Fremde, heute noch Gebräuchliche da seien genannt „Traditionsreceß“ (S. 23), „Postsäulen“ (S. 34), „jurisdictio“ (S. 36), „Te Deum“ (S. 39), „Malzhaus“ (S. 48/121), „seminarem clericorum“ (S. 52), „Decem-Ablösung“ (S. 67), „Klaviatur“ (S. 82), „Windhose“ (S. 91), „Amtsbezirk/Amtsvorsteher“ (S. 97), „Civilstandesämter“ (S. 99), „Stadtverordnete/Kommunalanlagen“ (S. 115), „Zechmeister“ (S. 119); „Schützengilde“ (S. 120), „Bierbannrecht“ (S. 121) und „Rathskür“ (S. 136).Es finden sich aber auch original deutschsprachige Zitate, etwa zur Ablehnung der von Wittichenau angestrebten Abtrennung der katholischen Parochie von der Diöcese Breslau und der Wiedervereinigung mit dem Domstift Bautzen“ (Nachricht vom 13. April 1871 // Seite 52/53); ferner Angaben zu den ab 1. Januar 1872 gültigen Maß- und Gewichts-Einheiten (S. 96/S. 100/S. 113/S. 120) – oder Zitate von deutschsprachigen Epitaphien auf dem Wittichenauer Friedhof, wie das auf Seite 85 benannte „O Mensch, hier lerne, was du bist – lerne hier, was unser Leben ist – ein Sarg nur und ein Leichenkleid – bleibt dir von aller Herrlichkeit“.

Durch all die Jahrzehnte; ja: Jahrhunderte erhalten haben sich, wenngleich bisweilen in leicht modifizierter Form manche der in dieser Chronik zu findenden Wittichenauer Familiennamen: Brückner, Bulank, Delenk, Hejdan, Jakubec, Kobalc, Libsch, Měschkank, Nowak, Nykela -Nikolaides-, Popjela, Robel, Schołta, Ticin -Titz-, Wels ... um nur einige zu nennen.

Leider gibt es bei der SLUB (noch) keine digitalisierte Ausgabe der deutschen Fassung jener Chronik – die überaus interessant zum „Querlesen“ wäre. Das Wittichenauer Wochenblatt veröffentlicht löblicherweise fortlaufend eine Wittichenauer Chronik, aber der heimatgeschichtlich Interessierte würde sich vielleicht doch wünschen, ein solches Werk in komplexer Form sein Eigen nennen zu können. Vielleicht ist die „schlummernde“ (ober)sorbische Ausgabe ja ein Schlüssel dazu, das Schneider’sche Werklein einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen? Die Fakten sind mindestens genau so interessant wie es die der Frentzel’schen Chronik von 1744 für Hoyerswerda waren – und sind.

Direktlink zu den digitalisierten Sammlungen des Sorbischen Instituts:https://sachsen.digital/sammlungen/
sammlungen-des-sorbischen-instituts-bautzen

... und diese Chronik (hier die Titelseite), die in obersorbischer Sprache bei der SLUB Dresden digital abrufbar ist, nennt denn auch gleich auf Seite 1 die damaligen Wittichenauer Proportionen: 2.200 der Städter katholisch, 43 lutherisch.
... und diese Chronik (hier die Titelseite), die in obersorbischer Sprache bei der SLUB Dresden digital abrufbar ist, nennt denn auch gleich auf Seite 1 die damaligen Wittichenauer Proportionen: 2.200 der Städter katholisch, 43 lutherisch. © Repro: Uwe Jordan

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