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Gläsernes Geschichts-Geheimnis gelüftet

Ein Kapitel Hoyerswerdaer Stadtgeschichte tritt aus dem Dunkel – die Zeit der Privilegirten Apotheke unter F. Haase

Glasgefäße der „Privilegirten Apotheke Hoyerswerda“, geführt von F. Haase in den Jahren 1887 bis 1896. Wo sie hergestellt worden sind, lässt sich nur mutmaßen – aber dass ihr Herkunftsort Weißwasser ist, wäre schlüssig.
Glasgefäße der „Privilegirten Apotheke Hoyerswerda“, geführt von F. Haase in den Jahren 1887 bis 1896. Wo sie hergestellt worden sind, lässt sich nur mutmaßen – aber dass ihr Herkunftsort Weißwasser ist, wäre schlüssig. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Gläserne Geschichte, ganz geheimnisvoll“ lautete die Überschrift einer Bildnachricht, die wir veröffentlichten: „... Überbleibsel, musealer Art und sorgfältig «restauriert», befinden sich im Besitz eines Hoyerswerdaer Lesers, der sich an uns wandte: Ob wir nicht wüssten, was es mit der «Privilegirte(n) Apotheke Hoyerswerda von F. Haase» auf sich habe, die einst in den abgebildeten Glas-Phiolen zu 200 und 125 Milliliter Fassungsvermögen Erzeugnisse aus eigener Herstellung verkauft haben dürfte?

Wir mussten passen. Zu F. Haase existiert nichts in unseren Archiven. Leider ist auch kein Rückschluss möglich, aus welcher Zeit die Behältnisse stammen – vielleicht aus der des Aufkommens der Lausitzer Glasindustrie um 1880? Wer etwas dazu weiß, wird ganz herzlich gebeten, es uns mitzuteilen – der Fund interessiert uns auch.“

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Quelle Hoyerswerdaer Kreisblatt

Wir hatten nicht umsonst gebeten. Das Stadtmuseum Hoyerswerda in persona der Leiterin Kerstin Noack meldete sich; ein Blättchen „Streifzug durch das alte Hoyerswerda – Forschungsergebnisse der Mitarbeiter des Museums und des Archivs der Stadt“ (Autoren: Karl-Heinz Hempel, Elke Roschmann, Ingrid Wirth) tauchte auf und lieferte Hinweise; vor allem aber war es unser Leser Andreas Noack, der im Archiv des Hoyerswerdaer Kreisblattes Veröffentlichungen fand, die das Ganze erhellen.

Hoyerswerdaer Kreisblatt vom 4. Juni 1887: „Einem geehrten Publikum von Stadt und Umgegend die ergebene Mitteilung, dass ich die hiesige privileg. Apotheke von Herrn Apotheker Benkendorff käuflich erworben und heute übernommen habe. Hochachtungsvoll Hoyerswerda, den 1. Juni 1887. F. Haase, Apotheker.“

Schon wenig später, am 23. Juli 1887, las man im Hoyerswerdaer Kreisblatt: „Homöopathische Apotheke. Hierdurch die ganz ergebene Anzeige, dass ich am heutigen Tage getrennt von meiner allopathischen Apotheke eine allen Ansprüchen entsprechende homöopathische Officin eingerichtet habe. Bei Bedarf bitte ich um gütigen Zuspruch; Post-Bestellungen werden gern angenommen und sofort effectuiert. Hochachtungsvoll Hoyerswerda, den 20. Juli 1887. F. Haase, Apotheker.“

Zwischenspiel mit Hahnemann ...

Aus der Officin (Büro) wurden also effectuiert (geliefert) nicht nur die üblichen allopathischen Mittel, sondern auch homöopatische. Beide Bezeichnungen gehen zurück auf Samuel Hahnemann (* 10. April 1755 in Meißen; † 2. Juli 1843 in Paris), den Begründer der Homöopathie. Hahnemann hatte 1816 im Vorwort zum zweiten Band seiner „Reinen Arzneimittellehre“ leicht verächtlich die stofflichen Gaben der „Schulmedizin“, die Krankheiten im Gegensatz zur Homöopathie mit Medikamenten behandelt, deren Wirkung den Symptomen der Krankheit entgegengesetzt ist, gekennzeichnet als Allopathie (altgriechisch „állos“, „anders“, sowie „páthos“, „Leiden“). Das sollte sie unterscheiden von seinen homöopathischen Medikamenten, die („Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“) so wirken sollten, dass die sehr stark verdünnten Inhaltsstoffe der Grundsubstanz an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen könnten wie die, an denen der Kranke leidet – woraufhin dieser sich aus sich selbst kräftigt. Eine Art Impf-Philosophie: Immunisierung durch Gegenstoffe, deren Bildung im Körper durch schwache/unschädliche Gaben des Erregers bewirkt wird. Allerdings gilt laut Wikipedia Hahnemanns Herangehen als Humbug: „Die behauptete selektive Steigerung erwünschter Wirkungen durch ... Verdünnungsverfahren widerspricht naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ... Auch das hahnemannsche Ähnlichkeitsprinzip ist wissenschaftlich nicht haltbar ... Erfolge nach einer Behandlung werden ... nicht dem Mittel selbst zugeschrieben, (sondern) etwa dem Glauben der Patienten an die Wirksamkeit der Behandlung (Autosuggestion) ... Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwarf die Homöopathie 1992 im Rahmen der «Marburger Erklärung zur Homöopathie» als «Irrlehre».“

... aber nun zurück zu Haase

Nach dieser Abschweifung zurück zu unserem Apotheker: Im Hoyerswerdaer Kreisblatt vom 12. Mai 1888 steht: „Bekanntmachung. In unser Firmenregister ist unter laufende Nr. 117 die Firma F. Haase zu Hoyerswerda und als deren Inhaber der Apotheker Friedrich Haase am 27. April 1888 eingetragen worden. Hoyerswerda, den 27. April 1888. Königliches Amtsgericht.“

Haases Bleiben in Hoyerswerda war kein langes. Schon am 7. März 1896 vermeldet das Hoyerswerdaer Kreisblatt: „Die hiesige Apotheke ist durch Kauf in den Besitz des Herrn Apotheker Alois Richter aus Liegnitz übergegangen. Die Übernahme wird am 1. April d. Js. erfolgen. Als Kaufpreis werden uns 12.000 Mark genannt.“

Letztes Kapitel, Hoyerswerdaer Kreisblatt vom 20. Mai 1896: „Der Apotheker F. Hasse verlässt am 26. Mai Hoyerswerda“.

Haase, um Biografisches anzufügen, war verheiratet mit einer geborenen Barth; sie hatten mindestens zwei Kinder: Tochter Elisabeth Haase (* 16.4.1888 in Hoyerswerda) und Sohn Fritz Haase (*9.9.1889 auch in Hoyerswerda). Ihre Spuren verwischen.

Zum weiteren Schicksal der Apotheke liest man am 25. Januar 1914 in der in Baltimore, USA (!), erscheinenden Zeitung „Der deutsche Correspondent“: „Die privilegirte Apotheke in Hoyerswerda ging durch Kauf in den Besitz des im Jahre 1908 in Berlin approbierten Apothekers Walther Brausendorf über und wurde von diesem bereits übernommen.“ Kerstin Noack fügt an: „(In diesem) Beleg wird deutlich, dass ein Walter Brausendorf, einer der wenigen jüdischen Bewohner unserer Stadt diese (Apotheke) bis 1933 führte, bevor er sie verkaufte (verkaufen musste) und nach Australien emigrierte. Dessen Nachfolger ab 1933 war dann Erich Broesan, der sie als Stadtapotheke Hoyerswerda weiterführte.“

Gegründet 1614, aber Umzug 1675

Wo nun die Stadtapotheke war? Das liest man im „Streifzug“: „Das imposanteste Gebäude an der Nordseite ist die Apotheke. Seit 1614, als der Stadt Hoyerswerda das Privileg (meint hier: das Recht zur Einrichtung) der Apotheke erteilt wurde, befand sie sich in der Senftenberger Straße. 1675 kaufte der Apotheker Satorius ein Haus am Markt, 1694 ein zweites und vereinigte die beiden verschieden hohen Gebäude zur Apotheke ... Um 1850 wurden dann die beiden Giebelhäuser umgebaut, bekamen eine frühklassizistische Fassade und ein Relief mit dem Äskulapstab.“ Die Apotheke befand sich also im heute noch stehenden Haus Nr. 9 am Markt.

P.S.: Kerstin Noack kündigte an: „Zur Geschichte der Hoyerswerdaer Apotheken wird es in Zukunft einen Ausflug in einem unserer Geschichtshefte geben.“

Alles da: Äskulapstab von 1850, (falsches) Gründungsdatum 1614, das Haus selbst. Nur die Apotheke nicht mehr.
Alles da: Äskulapstab von 1850, (falsches) Gründungsdatum 1614, das Haus selbst. Nur die Apotheke nicht mehr. © Foto: Uwe Jordan

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