merken
PLUS Hoyerswerda

Große Möglichkeiten und die Liebe

Der Holländer Eugéne Bruins kam aus Plymouth nach Hoyerswerda und fand viel mehr, als er erhoffte.

Eugéne Bruins, Zoologischer Leiter des Zoos Hoyerswerda, hat mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung nicht so viel am Hut. Doch ohne sie wäre er nicht hier in der Gegend, die er jetzt seine zweite Heimat nennt.
Eugéne Bruins, Zoologischer Leiter des Zoos Hoyerswerda, hat mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung nicht so viel am Hut. Doch ohne sie wäre er nicht hier in der Gegend, die er jetzt seine zweite Heimat nennt. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Wenn Eugéne Bruins morgens in Hoyerswerda auf Arbeit geht, hat er keine 400 Meter Fußweg vor sich. Seit vier Jahren nimmt er diesen Weg. Vor dreißig Jahren wusste er nicht einmal, dass es eine Stadt Hoyerswerda gibt. Als die Mauer fiel, Deutschland wiedervereint wurde, war Eugéne Bruins Anfang 20 und lebte in seinem Heimatland Niederlande. 

Aus dem Schulunterricht stammte das Wissen über den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung. Dann sind da die Bilder im Fernsehen, wie Menschen jubelnd auf dieser Mauer sitzen, die in jenen Tagen fällt. Das fand er schon großartig. Aber für den jungen Holländer, der 500 Meter entfernt von der Grenze zur BRD aufgewachsen ist und auch mal in Berlin (West) war, die Mauer selbst gesehen hat, ist das letztlich etwas aus dem Fernsehen. Er kennt keine Leute in der DDR. Am nächsten Tag gibt es wieder andere Nachrichten.

Familien aufgepasst
Familien aufgepasst

Hier finden Sie alle Ergebnisse des Familienkompass 2020.

Eugéne Bruins hat in den folgenden Jahren ein europäisches Arbeitsleben vor sich. Er ist Kurator von Sealife-Standorten in Deutschland, Kurator im Zoo von Amsterdam und in dieser Funktion schließlich sechs Monate auch am National Marine Aquarium Plymouth in Großbritannien tätig. Daheim in den Niederlanden lebt er bis 2016 mit seiner damaligen Frau, mit der er zwei Söhne hat. Er ist viel unterwegs, wenig zu Hause. Das Paar entfernt sich voneinander. In die Zeit in Plymouth fällt die endgültige Trennung mit seiner Frau. Und dann ist auch mit dem Job auf der Insel wieder Schluss. Eugéne Bruins muss sich Anfang 2016 komplett neu orientieren. Da findet er im Internet die Stellenausschreibung in Hoyerswerda, zeitlich befristet, weil die Zooleiterin in Mutterschutz und Elternzeit geht. In der Lausitz, in Hoyerswerda war er bis dahin nie. Er wusste nichts vom Lausitzer Seenland und wunderte sich wie so viele beim ersten Besuch über die zweisprachigen Straßennamen. Von den Sorben hatte er vorher auch noch nichts gehört. Den Hoyerswerdaer Zoo kannte er aber wegen dessen Kuba-Krokodilen. In seiner Sealife-Zeit musste sich Eugéne Bruins einst darum kümmern, Krokodile dieser Art abzugeben und fand nur mit Mühen einen Abnehmer. Da hörte er, dass Hoyerswerda erfolgreich diese Tiere nachgezüchtet habe. Das hatte er registriert und wollte es mit eigenen Augen sehen. Also bewarb er sich auf die Stelle und fuhr mit dem Auto zum Vorstellungsgespräch, die mahnenden Worte eines deutschen Kollegen vor der Stadt voller Rassisten im Ohr. „Bevor ich losfuhr, dachte ich: Egal. Es geht um anderthalb Jahre. Das schaffst du. Immerhin hatte ich hier die Chance, Leitungserfahrung zu gewinnen.“

Nach dem Vorstellungsgespräch dachte er, dass er den Job nicht bekommt. Er hatte kurz zuvor beim Gang durch den Zoo einige Dinge gesehen, die ihm nicht behagten. Zu diesem Zeitpunkt liefen mehrere Baustellen gleichzeitig, der Tierbestand war gesenkt worden. Das Löwengehege stand leer. Und wenn bei der Tierfütterung ein alter Mayonnaise-Eimer benutzt wird, ist das für ihn ein Detail, dass einfach nicht geht. All das sagte er auch. Eugene Bruins bekam den Job.

Also tschüss geschichtsträchtige Großstadt, tschüss tiefstes Aquarium Großbritanniens mit mehreren Haien, wobei die meisten erst unter Regie von Eugéne Bruins angeschafft wurden. Anfang Juli 2016 hallo in der vergleichsweise kleinen Stadt in Deutschland mit dem vergleichsweise kleinen Zoo und dem Aquarium im Tropenhaus, das für Plymouth-Verhältnisse winzig ist, aber die meisten Hobby-Aquarianer als groß bezeichnen würden.

Doch dieser kleine Zoo ist zu diesem Zeitpunkt besser aufgestellt, als es Eugéne Bruins erwartet hätte. Er fand ein professionelles Tierpfleger-Team vor, sogar einen Zootierinspektor und eine gut funktionierende Verwaltung. Und er bekam quasi freie Hand. Das mit den Eimern war schnell abgestellt. Sein erstes Umgestaltungsprojekt war das Amazonas-Aquarium im Tropenhaus.

Klappern gehört zum Handwerk

Eugéne Bruins ist überzeugt davon, dass ein Zoo laut klappern muss, wenn er Besucher anziehen will. Man muss das Besondere herauskehren. Wenn hier also das größte Kuba-Krokodil Europas lebt, dann müsse man das den Leuten auch sagen. Das gilt auch für die Galapagos-Schildkröten, für Zuchterfolge und Naturschutzprojekte.

Nach einigen Monaten in Hoyerswerda war klar, dass seine Vorgängerin nicht nach Hoyerswerda zurückkehren würde. Es gab Gespräche, und er entschied sich zu bleiben. Anfangs hatte er im Hotel und in einer Gästewohnung gelebt, dann zog er in die Altstadt-Wohnung, die er heute noch bewohnt. Und er fand hier in der Lausitz auch die Liebe. Während einer Clubnacht im Lausitz-Center („Ich wusste ja nicht, was man sich hier unter sexy nights vorstellt“) traf er eine zehn Jahre jüngere Frau. Er aus dem Westen Europas, sie aus dem Osten Europas – beide treffen sich hier, irgendwie schon in der Mitte. Eine Beziehung nun schon knapp vier Jahre weit über den deutsch-deutschen Gedanken hinaus und eigentlich doch erst dadurch hier möglich. Sie lebt auf dem Dorf, eine halbe Autostunde entfernt. Eugéne Bruins hat dort Kraniche gesehen, einen Wolf, weiß von Iltis und Fuchs auf dem Grundstück. Ein Wiedehopf ist auch da. Eugéne Bruins nennt das „einfach geil“.

Wer mit ihm über das Thema Deutsche Wiedervereinigung spricht, merkt schnell, dass er mit einigen Aspekten einfach nichts anfangen kann. Sie sind ihm auch nicht wichtig. Der deutsche Nationalfeiertag ist für ihn einfach ein freier Tag. Da ist ihm der 5. Mai, der Befreiungstag in Holland, wichtiger. Er mag sein Heimatland. Er war es viele Jahre gewohnt, für seinen Job einfach irgendwohin zu ziehen, wo er jedes Mal neu anfing und seinen Platz finden musste. Jetzt ist es Hoyerswerda, die Lausitz. Und doch ist es viel mehr geworden als eine weitere Episode. „Ich habe meinen Platz hier gefunden. Ich denke und träume in Deutsch.“ Und wie bei so vielen anderen, die lange in der Fremde sind, sind doch Gedanken und Gefühle oft bei den engsten Verwandten und in der Gegend, in der man aufgewachsen ist. Alle paar Wochen fährt er nach Holland, seine Mutter und seine Kinder besuchen. „Meine Mutter sieht mich jetzt öfter als in der Zeit, da ich in Amsterdam gewohnt habe“, sagt er. Und dann fährt er ebenso gern wieder zurück. Hoyerswerda und Umgebung sieht er jetzt als seine zweite Heimat. „Ich kann mir wirklich vorstellen hierzubleiben.“

Eugéne Bruins mag klare Worte. So sagt er auch, dass er die Stadt Hoyerswerda selbst als etwas langweilig empfindet. Es fehlen ihm Kneipen und Bars. Wenn es nach ihm ging, sollte der Markt noch mehr belebt sein, als es in diesem Sommer schon der Fall war. Er kann auch nicht verstehen, dass hier so viele Flaschen auf dem Boden zerdeppert werden und dann die Scherben herumliegen. Und die Seenkette muss weiter entwickelt werden, so dass man hier mit dem Boot mehrere Tage unterwegs sein kann – „Das wäre der Hammer“. Und als passionierter Taucher fände er es spannend, wenn wie anderswo Objekte oder ausgemusterte Fahrzeuge bzw. Technik in Seen versenkt werden würden, die man dann erkunden könnte. Und die geltenden Regelungen für Gästeangler findet er viel zu kompliziert. Das direkte Feedback bekommt er von all den Leuten, Bekannten und Ex-Kollegen, die er schon hierher eingeladen hat.

Er kenne jetzt Hoyerswerda und die Umgebung ganz gut, sagt er. Er war mit einem Kollegen Pilze sammeln, fuhr mit dem Rad um den Senftenberger See, war beim Abfischen in Rietschen und entdeckte bei Nochten eine Gottesanbeterin („Mein Lieblingstier“). Er weiß die Nähe zu Prag, Berlin und Dresden zu schätzen und liebt auch die Bautzener Innenstadt. Doch sein Lieblingsplatz in der Umgebung ist der Aussichtspunkt Bergen. Der weite Blick in die Natur und die überdurchschnittliche Chance, von hier aus mit der entsprechenden Optik tatsächlich Wölfe zu sehen, machen das aus. Jetzt hat Eugéne Bruins einen Youtube-Kanal gestartet. Völlig begeistert berichtet er davon, wie er Wölfen begegnet ist. In Holland war jetzt mal ein Wolf zu sehen. Durchaus möglich, dass sie sich auch dort versuchen anzusiedeln oder zumindest Einzeltiere häufiger durchziehen werden. Eugéne Bruins Botschaft in die Ferne ist: Hey, schaut euch an, wie das hier in der Lausitz läuft.

Mehr zum Thema Hoyerswerda