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Großflächiger Austausch entgiftet Industrie-Boden

Die Vergangenheit in Schwarze Pumpe hinterließ Spuren; gerade am Standort Druckgaswerk und dessen Nebenanlagen.

Unterflurabbruch im ehemaligen Bereich Destillation.
Auch hier gilt es, kontaminierte Böden zu reinigen, vom Schadstoff-Eintrag, der über Jahre hinweg unweigerlich erfolgte, zu befreien.
Unterflurabbruch im ehemaligen Bereich Destillation. Auch hier gilt es, kontaminierte Böden zu reinigen, vom Schadstoff-Eintrag, der über Jahre hinweg unweigerlich erfolgte, zu befreien. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Schwarze Pumpe. Herzstück der Energieversorgung der DDR war das Gaskombinat Schwarze Pumpe. Von 1955 bis 1990 wurden am Standort in der ehemaligen Trattendorfer Heide rund 900 Millionen Tonnen Rohbraunkohle zu Briketts, Elektroenergie, Koks und Gas verarbeitet. Der Betriebskomplex Schwarze Pumpe bestand, abgesehen von zahlreichen Nebenkomplexen, produktionsseitig vor allem aus drei Brikettfabriken, drei Kraftwerken, einer Kokerei und einem Druckgaswerk mit den Nebenanlagen Entphenolung, Extraktion, Destillation und Teerscheidung.

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Besonders in den letztgenannten Nebenanlagen des Druckgaswerkes verursachte die Produktion Schadstoffemissionen in den Untergrund. Boden und Grundwasser wurden teilweise stark mit Kohlenwasserstoffen und Alkylphenolen aus der Braunkohleveredlung belastet. Das Bergbaufolgeunternehmen LMBV (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft) erhielt den Auftrag, die stillgelegten Anlagen zurückzubauen, die Altlasten im Untergrund zu sanieren und die Flächen für eine industriell-gewerbliche Nachnutzung vorzubereiten. Daraus entstand das Sanierungskonzept zur Grundwasser- und Bodensanierung.

Im März 2021 wurde beim Projekt Bodensanierung die Halbzeit-Etappe erreicht. TAGEBLATT erhielt die Möglichkeit einer Befahrung der Baustellen Vorlagetanks und Destillation. Die Vorlagetanks umfassen bereits den 2. Bauabschnitt. Abgeschlossen sind die Teerscheidung Ost, der 1. Bauabschnitt Vorlagetanks und die Extraktion. Zudem war Gelegenheit, die Vakuumthermische Reinigungsanlage (VTRA) für die kontaminierten Böden zu besichtigen. Die VTRA wurde eigens für die Bodensanierung im Industriepark Schwarze Pumpe nach den erforderlichen Leistungsparametern konstruiert und gebaut. Sie ist weltweit einmalig.

Umfangreiche Baustellen zur Bodensanierung

Mit dem Bodenaushub und die Wiederverfüllung der schadstoffbelasteten Areale sind die Bauer Resources GmbH und die Bauer Spezialtiefbau GmbH vom Standort Roßwein der Bauer Gruppe beauftragt. Die Aufgabenstellung für die Unternehmen ist gigantisch. So werden in sechs Bauabschnitten mit etwa 1,3 Kilometern Länge Primärspundwände bis in eine Tiefe von 20 Metern eingebracht und die Aushubbereiche somit eingekapselt. Weitere 14 Einzelspundwandkästen mit einer Grundfläche von jeweils 10 x 11 Metern sind erforderlich, um den Bodenaushub mit einem Spezialbagger bis in eine Tiefe von 14 Metern vornehmen zu können. Das Setzen der Spundwände erfolgt durch Einrütteln mittels Hochfrequenzvibration und erfordert viel Präzisionsarbeit. Die Spundwände müssen in sich so verbunden sein, dass sie tief im Erdreich auch noch geschlossen sind und den Zutritt von Grundwasser in die Baugrube beschränken. Von oben sieht das niemand. Der Abtransport der kontaminierten Erdmassen erfolgt mit gedeckelten Lkw zur VTRA. Dort wird auch der gereinigte Boden zur Wiederverfüllung der Bauabschnitte bereitgestellt.

An jedem Sanierungspunkt gelten hohe Sicherheitsstandards

Die Bodensanierung bis in 14 Meter Tiefe hinab ist nicht einfach. Der Boden ist mit zahlreichen Schadstoffen belastet, die im Einzelnen bekannt sind. Die Baustellenbefahrung direkt auf der 5,5 m unter Gelände liegenden Aushubebene lässt vereinzelt Gerüche wahrnehmen, an die sich jeder erinnert, der nicht nur in Schwarze Pumpe gearbeitet hat, sondern an der Peripherie des Gaskombinates (und wohl auch noch ein Stück darüber hinaus ...) wohnte. Die heutige Geruchskonzentration unmittelbar bei den Aushubarbeiten auf der Arbeitsebene ist aber sehr gering und wird rund um die Uhr überwacht. Auf die weitere Umgebung hat die vereinzelt auftretende Geruchsentwicklung direkt bei den Aushubarbeiten keinen schädlichen Einfluss. Ein hoch empfindliches Messsystem erfasst alle Werte von auftretenden Schadstoffen direkt in den Baustellen und im Umgebungsbereich. Die Werte sind im Leitstand auf Monitoren jederzeit abzulesen. Geraten sie in den „roten Bereich“, werden die vor Ort tätigen Mitarbeiter optisch und akustisch gewarnt; es können entsprechende zusätzliche Schutzmaßnahmen ergriffen oder die Arbeiten auch zeitweise unterbrochen werden. Die zwei aktuellen Bodensanierungsbaustellen werden zudem von Videokameras überwacht. Der Leitstandsfahrer hat das Geschehen vor Ort jederzeit im Blick. Die Bagger und weitere Geräte in den Aushubbereichen sind mit speziellen Kabinenfiltern ausgerüstet. Nebelkanonen treten in Aktion, wenn es die Staubbelastung bei den Arbeiten für die Umwelt erforderlich macht. Damit werden zugleich Geruchsbelastungen der Umgebungsluft wirksam unterbunden. Jeder mit Aushub beladene Lkw verfügt über eine Laderaumabdeckung und muss beim Verlassen des Aushubbereiches durch eine Reifenwaschanlage fahren. Die benutzten Straßen werden zusätzlich regelmäßig gereinigt. Bislang gab es keinen Unfall. Im Aushubbereich wird nur bei Tageslicht gearbeitet. Selbst in Wintermonaten gab es keine Unterbrechungen.

Boden weg – aber wo bleibt das belastete Grundwasser?

Mit mehreren Brunnengalerien und einer Reinigungsleistung von derzeit circa 215 Kubikmetern pro Stunde wird im Rahmen des Sanierungskonzepts dem Schadstoffstrom im Grundwasser entgegengewirkt. In der Industriekläranlage ABA II (Abwasserbehandlungsanlage) der ASG (Altstadtsanierungsgesellschaft) Spremberg werden die Schadstoffe biologisch abgebaut und das Wasser gereinigt. Dazu gehören auch die, neben der reinen Schadstoffphase anfallenden, belasteten Kondensatwässer aus den in der VTRA gereinigten Bodenmassen. Sie werden je nach Schadstoffen in den Auffangbehältern der VTRA aufgefangen, beprobt und dann der ABA II zugeführt. Die Verantwortung ist dabei außerordentlich hoch. Bei der Reinigung in der ABA II muss alles 100-prozentig funktionieren, denn sie hat nur einen Abfluss für die gereinigten Wässer – und der geht in die Spree.

In die Vakuumthermische Reinigungsanlage geschaut

Das technologische Grundprinzip des Gaskombinates lautete „Verbundbetrieb“. Die Bodensanierungsmaßnahme basiert auf einem Kreislaufprinzip: Bodenaushub, Bodenreinigung und der Wiedereinbau des gereinigten Bodens bilden die maßgeblichen Elemente dieses Kreislaufes. Das bedeutet, dass nur soviel belasteter Boden ausgehoben werden kann, wie die VTRA zwischenpuffern und bearbeiten kann. Die VTRA wird durch einen ARGE- (Arbeitsgemeinschafts-) Partner, die Firma Lobbe, betrieben. Sie arbeitet an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden rund um die Uhr. Ungeplante Stillstände dürfen möglichst nicht eintreten. Bodenaushub wird aber nur von Montag bis Freitag angefahren. Also macht sich eine Annahmelagerhalle erforderlich, um einen Puffer für den kontinuierlichen Betrieb der VTRA an den Wochenenden zu haben. Alles funktionierte bislang reibungslos. In der VTRA wird der kontaminierte Boden entwässert; Störstoffe und Bauschutt werden abgesiebt, in zwei Vakuumtrocknern behandelt beziehungsweise gereinigt – und dann geht es „sauber“ zurück zur Verfüllung der Spundwandkästen. Die VTRA hat eine Tagesleistung von 240 Tonnen Boden pro Tag und dementsprechend 70.000 Tonnen pro Jahr. Von der zu reinigenden Gesamttonnage von 286.100 Tonnen wurden bisher 155.000 Tonnen gereinigt, das entspricht einem Realisierungsstand von 54,2 Prozent. Die Arbeiten sollen Ende 2022 abgeschlossen werden. Dann sind die Böden im einstigen Bereich des Gaswerkes nachhaltig saniert.

Auffangbehälter für die ausgeschiedenen belasteten Kondensatwässer in der VTRA. Von hier-aus gehen sie zur Abwasserbehandlungsanlage (ABA II) und dann, gereinigt, in die Spree.
Auffangbehälter für die ausgeschiedenen belasteten Kondensatwässer in der VTRA. Von hier-aus gehen sie zur Abwasserbehandlungsanlage (ABA II) und dann, gereinigt, in die Spree. © Foto: Jost Schmidtchen
Der gereinigte Boden verlässt die VTRA, die Vakuumthermische Reinigungsanlage, mit der der „Untergrund“ des einstigen Gaswerkes des (Gas)Kombinates Schwarze Pumpe saniert wird.
Der gereinigte Boden verlässt die VTRA, die Vakuumthermische Reinigungsanlage, mit der der „Untergrund“ des einstigen Gaswerkes des (Gas)Kombinates Schwarze Pumpe saniert wird. © Foto: Jost Schmidtchen
Verfüllung des ausgekofferten Geländes im Einzelspundkasten bis zu 14 Meter Tiefe mit unbelastetem/gereinigten Boden; hier im 2. Bauabschnitt des Areals Vorlagetanks.
Verfüllung des ausgekofferten Geländes im Einzelspundkasten bis zu 14 Meter Tiefe mit unbelastetem/gereinigten Boden; hier im 2. Bauabschnitt des Areals Vorlagetanks. © Foto: Jost Schmidtchen

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