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Herausforderung und Chance zugleich

Die Lausitzer Werkstätten müssen umdenken, um aktuell ohne den Großteil der Angestellten arbeitsfähig zu bleiben.

Für den Transport der Waren werden Kartons vorbereitet: Kleben, Falten, Bestücken. Nur einige wenige Mitarbeiter befinden sich in dieser Werkhalle, wo sonst etwa 50 Angestellte in der Industriemontage tätig sind.
Für den Transport der Waren werden Kartons vorbereitet: Kleben, Falten, Bestücken. Nur einige wenige Mitarbeiter befinden sich in dieser Werkhalle, wo sonst etwa 50 Angestellte in der Industriemontage tätig sind. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Es geht leise zu, wo sonst viel Trubel herrscht. Die Lausitzer Werkstätten können aktuell nur einen geringen Teil ihrer Arbeitskräfte einsetzen. Die Facharbeiter müssen nun einspringen, wo sonst Betreute Mitarbeiter – also Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung – am Werk sind. Diese Menschen dürfen im Augenblick nicht ihrer Arbeit nachgehen. Es herrscht seit Wochen Betretungsverbot. „Uns fehlen 900 Hände“, fasst Geschäftsführer Robert Rys die Lage zusammen. Wieder ist Umdenken nötig.

Bereits im letzten Frühjahr waren die betreuten Mitarbeiter nicht einsetzbar – für knapp drei Monate. Schon damals wurden Anpassungen vorgenommen, um Aufträge weiterhin zuverlässig abzuarbeiten. Und auch jetzt wird so vorgegangen, dass Auftraggeber informiert werden, um Kompromisse zu finden. „Bei der großen Masse kommt uns Verständnis entgegen“, kann Werkstattleiter Roland Mickel berichten, der in vielen Telefonaten die Möglichkeiten aushandelt. „Wir versuchen, Aufträge in längerer Zeit abzuarbeiten“, so der Geschäftsführer. Robert Rys, der erst seit letztem März die Geschicke der Lausitzer Werkstätten lenkt, hat sich im ersten Lockdown kurzerhand mit an die Werkbank gesetzt, erinnert er sich. Bereits nach kurzer Zeit im Chefsessel musste diese Krise angegangen werden.

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450 Mitarbeiter fehlen

Nun sind wieder lediglich die Mitarbeiter der Verwaltung, Gruppen- und Fachanleiter sowie die Betreuer beschäftigt. Das bedeutet etwas mehr als hundert Mitarbeiter vor Ort und etwa 450 betreute Mitarbeiter zu Hause. Diese Situation hat von Anfang an weitreichende Folgen – nicht nur im Betrieb. Denn das Ganze hat Effekte bis in den privaten Bereich, bis in die Familien hinein. So kommt es, dass im Bereich der Industriemontage noch vereinzelt betreute Mitarbeiter zur Arbeit in die Werkstatt kommen – eine Notbetreuung wurde am Standort in Seidewinkel eingerichtet.

Außerdem erzählt Robert Rys von dem Eindruck, anfangs völlig vergessen worden zu sein. „Das ist ein riesiges Spannungsfeld.“ Erst mit der Zeit erfolgten entsprechende Anpassungen in den Corona-Schutz-Verordnungen, um auch Menschen mit Behinderung zu schützen und als Risikogruppe anzuerkennen. Dennoch: „Es ist nach wie vor eine große Herausforderung. Wir haben hier sehr spezielle Krankheitsbilder“, fasst Robert Rys zusammen. Oft sind individuelle Entscheidungen notwendig. Dass neue Verordnungen meist gegen Ende der Woche präsentiert wurden, hat die Leitung der Werkstätten vor eine weitere Herausforderung gestellt, dann sobald die schriftliche Fassung vorlag, mussten in kurzer Zeit Mitarbeiter, Eltern, Betreuer und Taxiunternehmen über Neuerungen informiert werden. Denn alle sind für einen funktionierenden Ablauf notwendig.

Mehr Zeit notwendig

Wo sonst etwa 50 Mitarbeiter in einem Saal der Industriemontage tätig sind, sind es nun knapp zehn. „Vier behinderte Personen ersetzen eine Fachkraft“, erklärt Roland Mickel die Situation. Das bedeutet wiederum, dass derzeit nur etwa ein Viertel des gewöhnlichen Volumens in gleicher Zeit hergestellt werden kann.

Je nach Auftrag wird unter anderem bis nach Dresden, Meißen, Görlitz geliefert. Doch vor allem werden die lokalen Partner geschätzt. Wobei zu beachten ist, dass die produzierende Industrie vor Ort auch begrenzt ist, weist Robert Rys auf die beschränkten Möglichkeiten hin. So besteht immer eine Abhängigkeit von anderen Unternehmen.

Alle kommen aus Bergen zurück

So erschwert die laufende Insolvenz von Ludwig-Leuchten in Bergen die Situation zusätzlich. Alle 60 Mitarbeiter, die dort eingesetzt sind, werden zurückgeholt, hat die Geschäftsführung der Lausitzer Werkstätten beschlossen. Das bedeutet künftig eine Überbelegung. Da die Zukunft noch nicht endgültig beschlossen ist, möchte sich Robert Rys nicht auf Spekulationen einlassen, die den Standort betreffen. „Die Leute sind es wert, dass man für sie kämpft.“

Es müssen für die betroffenen Angestellten neue Beschäftigungen gefunden werden. Dafür gibt es ein spezielles Verfahren, das alle, für gewöhnlich neuen Mitarbeiter, durchlaufen, um das richtige Betätigungsfeld für jeden zu finden. Denn die Fähigkeiten und Fertigkeiten eines jeden werden berücksichtigt.

Eine besonders hohe Nachfrage wurde zuletzt im Bereich der Dokumentendigitalisierung festgestellt. „Die Digitalisierung nimmt zu und es gibt Großaufträge“, so Robert Rys. 2022/23 sollte daher eine neue Halle errichtet werden, um der Nachfrage gerecht zu werden und dieses Standbein auszubauen. „Vielleicht ist das jetzt die Vorlage für uns.“ Es wird darüber nachgedacht, diese Investition vorzuziehen.

Dieser Saal, derzeit mit Schreibtischen ausgestattet, wird demnächst Platz für 24 Mitarbeiter bieten, die in der Produktion tätig sind. Werkstattleiter Roland Mickel kennt die Möglichkeiten vor Ort gut.
Dieser Saal, derzeit mit Schreibtischen ausgestattet, wird demnächst Platz für 24 Mitarbeiter bieten, die in der Produktion tätig sind. Werkstattleiter Roland Mickel kennt die Möglichkeiten vor Ort gut. © Foto: Gernot Menzel

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