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Hilfe in der Schuldenfalle

Schulden sind nichts Schlimmes. Doch in der Stadtregion werden manchmal schon Handy-Verträge zum Problem.

Jeannine Giebner ist Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der vom Awo Kreisverband Lausitz e.V. betriebenen Schuldnerberatung im Einsteinhaus Hoyerswerda.
Jeannine Giebner ist Schuldner- und Insolvenzberaterin bei der vom Awo Kreisverband Lausitz e.V. betriebenen Schuldnerberatung im Einsteinhaus Hoyerswerda. © Foto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Man könnte meinen, Smartphones sind die neue Geißel der Menschheit. Wenn man Jeannine Giebner, Schuldner- und Insolvenzberaterin der vom Awo Kreisverband Lausitz e.V. betriebenen Schuldnerberatung im Einsteinhaus Hoyerswerda nach den häufigsten Problemen ihrer Kundschaft befragt, dann kommt ohne langes Überlegen das Thema Handy-Verträge.

Die Angebote sind zu verlockend: Smartphones wahrscheinlich aller Fabrikate bekommt man für einen symbolischen Preis, durchaus für einen Euro. Allerdings muss man dafür einen Vertrag mit einem Telefonanbieter eingehen, um Telefon-, aber vor allem Datennutzung möglich zu machen. Das sind pro Monat mittlere bis höhere zweistellige Beträge über 24 Monate. Kann man die Rechnungen dann nicht begleichen, sind die Telefonanbieter nach Erfahrung von Jeannine Giebner nicht zimperlich. Die SIM-Karte wird recht schnell gesperrt, der Vorgang an ein Inkassobüro abgegeben. Und dann sind auf einen Schlag laut Vertrag die Forderungen für die gesamten 24 Monate bzw. eben die Restlaufzeit fällig. Dazu kommen noch Inkassokosten und der Smartphonebesitzer sieht sich plötzlich einer Forderung von 1.000-1.500 Euro gegenüber. „Die Kosten hat man also so oder so“, lächelt Jeannine Giebner. Da sollte man versuchen, sauber rauszukommen, im schlechtesten Fall läuft es auf einen Vergleich mit dem Inkassobüro hinaus. Da die es aber mit einem Massenphänomen zu tun haben, wollen die im Schnitt 70 Prozent der Forderung sehen. Drunter geht es kaum.

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Wem das einmal passiert ist, der ist geheilt? Nicht unbedingt. Die Schuldnerberater haben mit Menschen zu tun, die haben mehrere solcher Handy-Verträge. „Das Thema ist für Deutsche schon schwierig. Wir haben aber auch mit ausländischen Mitbürgern zu tun, die nicht verstehen, dass man da im Prinzip zwei Verträge eingeht und auch für das Smartphone zahlen muss, selbst wenn man die SIM-Karte gar nicht nutzt“.

Mit dem Thema Handyverträge gehen die Schuldnerberater daher auch in die Schulen. Präventionsangebote werden an die Schulen geschickt. Bei den Einrichtungen, die darauf eingehen, referieren dann die Berater. Kurioserweise sehen die örtlichen Gymnasien dafür offenbar keinen Bedarf. An der neuen Oberschule im WK I war Jeannine Giebner aber schon im sogenannten Mittagsband. Weitere Schwerpunkte der Beratung sind die GEZ-Gebühren. Doch selbst wer meint, dass er nie öffentlich-rechtliche Fernseh- und Radiosender konsumiere, muss hierzulande an die Gebühreneinzugszentrale löhnen. Und sie kann nur dringend raten, auch bei Onlinegeschäften unbedingt das Kleingedruckte lesen. Das als „Geschenk für den Einkauf“ offerierte Zeitungs- oder Zeitschriftenabo müsse man nach den kostenlosen drei ersten Ausgaben eben auch wieder fristgerecht kündigen. Ansonsten laufen Abos eben. Noch kein Thema für die Schüler aber präsent in der Beratung sind Rückforderungen von Sozialleistungen.

Corona-Spätfolgen ploppen erst auf

Fast acht Prozent der Einwohner des Landkreises Bautzen sind überschuldet. Damit sind die Menschen hier laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Sachsen nach dem Erzgebirgskreis zwar Klassenprimus. Denn bundesweit können zehn Prozent der Bürger ihre Gläubiger nicht mehr bedienen. Aber Creditreform schwant auch, dass die Folgen der Corona-Pandemie so noch nicht beim Verbraucher angekommen sind, sondern erst 2021 aufploppen werden.

Denn Überschuldung hat ja nicht immer was mit fehlender Finanzkompetenz wie bei den Handy-Verträgen zu tun, sondern eben auch mit Krankheit, Jobverlust, gescheiterter Selbstständigkeit. Die Awo-Schuldnerberatung registriert bereits einen leichten Anstieg bei den Insolvenzanfragen, sowohl in der Regel- als auch in der Verbraucherinsolvenz. Denn wenn bei einer zunehmenden Zahl von Geringverdienern auch noch Kurzarbeit hinzukommt, merke man das schnell. Wer schon überschuldet ist und einen Zahlungsplan abarbeitet, der kommt dann erneut ins Stocken. Doch Jeanine Giebner weiß, dass man gerade jetzt in solchen Fällen mit den Gläubigern immer reden kann. Man müsse aber schon aktiv werden.

Freier Zugang zur Beratung

Im Landkreis Bautzen, und das kann Jeanine Giebner gar nicht hoch genug würdigen, ist der Zugang zu den Schuldnerberatungen sehr unkompliziert. Benötigt man anderswo erst einen behördlich ausgestellten Beratungsschein, kann man sich hier beraten lassen, wenn man es für erforderlich hält. Möglich macht es die Festbetragsfinanzierung der Schuldnerberatung durch den Landkreis Bautzen. Die Caritas betreibt Beratungsstellen in Hoyerswerda und Kamenz, die Volkssolidarität in Bautzen und Bischofswerda, Der Awo Kreisverband Lausitz e.V. hält nur in Hoyerswerda eine Beratungsstelle vor, die jedoch von den Bürgern aus dem gesamten Landkreis aufgesucht werden kann. Besonders wichtig ist für die Beraterinnen: „Wir bieten von der Erstberatung und der Schuldnerberatung bis zur Insolvenzberatung das ganze Spektrum an, sind also ein Ansprechpartner für das gesamte Verfahren.“ Schulder- und Insolvenzberatung sollen ja verzahnt werden. Hier wird es seit Jahren gelebt.

Die Awo-Schuldnerberatung Hoyerswerda zählte 2019 genau 644 Beratungen, davon 300 Erstberatungen. Der Männeranteil überwiegt leicht. Rund 38 Prozent der Beratungssuchenden ist zwischen 31 und 40 Jahren alt. Die Allermeisten sind alleinstehend. Und Jeannine Giebner registriert, dass etliche Fälle schwieriger werden, sie es pro Person mit mehr Gläubigern zu tun hat. Das können auch schon mal bis zu sechzig sein.

Ein Klassiker ist in solchen Fällen meist, dass eingehende Post nicht mehr geöffnet wird, man also von Außenständen und Zahlungsforderungen vorerst nichts erfährt. Sie existieren aber. Das tatsächlich mal jemand mit einem Wäschekorb voller ungeöffneter Briefe in die Beratungsstelle kommt, sei aber die Ausnahme. Und zumindest in einem Fall war dann tatsächlich unter all den Forderungen auch das Glück verborgen – die Mitteilung über einen auszahlungsreifen Bausparvertrag.

Insgesamt scheint die Stadtgesellschaft in Hoyerswerda beim Thema Schulden und Insolvenz ein gutes Frühwarnsystem aufgebaut zu haben. Jeanine Giebner lobt sowohl die beiden Großvermieter als auch die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda. Es gibt zügig und eindeutige Informationen über Rückstände bei Zahlungen. Wohnungsgesellschaft und LebensRäume-Genossenschaft suchen nach Ansicht der Awo-Schuldnerberatung auch früh den persönlichen Kontakt zu Betroffenen. Selbst, wer nur mit einer Miete im Rückstand ist, der bekommt schon Post. Jeannine Giebner spricht von drei Zwangsräumungen im halben Jahr. Die genaue Zahl der Zwangsräumungen ist nicht bekannt, weil nicht alle Schuldner mit diesem Problem auch die Beratungsstelle aufsuchen. Im Vergleich zu den Großstädten sei die Zahl jedenfalls vergleichsweise gering. Sie weiß, dass zwischen der Ankündigung einer Räumung und dem Vollzug ein weiter Weg ist. Dort ist für die Schuldnerberatung viel Spielraum. Bei Stromsperren ist es nicht anders.

Und nicht selten sorgen die Schuldnerberater auch dafür, dass ihre Klienten an Geld kommen, das ihnen zusteht, aber auf ihren Konten nicht mehr freigegeben wird – seien es Coronaprämien für Pflegekräfte oder der einmalige Kindergeldbonus. In solchen Fällen werden sogenannte Pfändungsschutzkonto-Bescheinigungen ausgestellt. In einigen Fällen wurden die Klienten direkt von den Banken zur Schuldnerberatung geschickt, wo dann eine P-Konto Bescheinigung ausgestellt oder Hilfe bei Freigabeanträgen gegeben wird.

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