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Immer mit Kultur – Paula Strobel

Wie es eine junge Frau vom Warthegau nach Wittichenau und Hoyerswerda verschlug – und was heutige Wünsche sind.

Paula Strobel am Kulturbund-Domizil an Hoyerswerdas Langer Straße 1 – heute ihr Wirkungsbereich; aber mit Nachwuchs-Sorgen.
Paula Strobel am Kulturbund-Domizil an Hoyerswerdas Langer Straße 1 – heute ihr Wirkungsbereich; aber mit Nachwuchs-Sorgen. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Schon wieder Kulturbund?“ Nachdem erst bei der letzten Folge unserer Serie „Was macht eigentlich ...“ am Montag vor knapp zwei Wochen, also am 7. September, auf Seite 9 Peter Biernath, ein Kulturbund-„Aktivist“ der ersten Stunde vorgestellt worden war, wird sich das vielleicht der eine oder andere Leser beim Betrachten des heutigen Fotos fragen ...

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Ja, wir sind wieder an diesem Ort. Diesmal geht es jedoch weniger um Stadtplaner, Stadtplanung oder Stadtgeschichte. Diesmal steht Paula Strobel im Mittelpunkt. „Ich bin doch gar nicht so ein Leuchtturm, ich hab’ einfach immer gearbeitet“, sagt sie eingangs unseres Gesprächs. Im Vorstand des Kulturbundes in der Langen Straße arbeitet sie immer noch und macht somit das, was sie immer gemacht hat: Sie organisiert und sorgt mit Freundlichkeit und Optimismus für Leben und Abwechslung im Haus. Sie erstellt Arbeitspläne oder plant Veranstaltungen – kurz: Paula Strobel schaut, was notwendig ist. Wenn sie gebraucht wird, ist sie da. Als wir uns jüngst zum Gespräch trafen, fragte sie etwas verunsichert: „Sind Sie zufällig hier – oder ist das Absicht?“ Absicht? Natürlich sind wir absichtlich hier! Aber wieso fragte Paula Strobel das? „Na ja, ich werde doch morgen 80“, sagt sie und lacht.

Für eine tagesaktuelle Gratulation per Zeitung war es zu spät. Aber heute, liebe Paula Strobel, alles, alles Gute nachträglich zum runden Geburtstag. Glück, Gesundheit und Wohlergehen wünschen Ihnen all jene, denen Sie während Ihres langjährigen Wirkens stets freundlich und mit Rat und Tat zur Seite standen. Das sind nicht wenige, doch der Reihe nach ...

Fast kein Wort Deutsch gesprochen

Die ersten Kindheitsjahre verbrachte Paula Strobel glücklich und unbeschwert im Warthegau. In der Familie, in der Nachbarschaft und überhaupt wurde Polnisch gesprochen. „Als es uns in die Lausitz verschlug, verstand ich fast kein Wort Deutsch. Das hab’ ich nebenbei gelernt, als Kind und später als Kollegin. „Wir waren zwar Fremde hier – aber Freunde hatte ich immer“, sagt sie heute, wenn sie sich an diese Zeit des Ankommens erinnert.

Bei der Ankunft blieb gar nichts

Der lange Weg der Vertreibung, der Weg der Flucht hatte im Frühjahr 1945 begonnen und endete für die kleine Paula, ihre Mutter, die Oma, den Opa und eine Tante erst am 16. Dezember 1946 in Wittichenau. Weggegangen waren sie mit Pferd und Wagen und Gepäck. „Bei der Ankunft in Wittichenau hatten wir noch das, was wir auf dem Leib hatten. So schliefen wir auch, zu fünft in zwei kleinen Dachkammern. Ein Kachelofen war drin, sonst nichts. Ich kam mir trotzdem vor wie in einem Schloss, denn gleich nebenan hatte ich in einer Bodenkammer schöne Möbel gesehen. Unsere Kämmerchen aber blieben leer, und auf dem Kachelofen konnte man nicht kochen. Wenn wir uns zum Schlafen auf den Fußboden legten, erzählte mir meine Tante immer Geschichten von Engeln.“ Die sollten wohl helfen, die schrecklichen Bilder von Flucht, von Feuer und Sterben zu verdrängen. Haften geblieben sind sie trotzdem bis heute.

Aber, fügt Paula Strobel an, diese Zeit hatte auch Gutes. Sie erklärt das so: „Alle hatten bald Arbeit. Opa im Sägewerk, Mutti und Tante in Knappenrode, Oma beim Bauern, ich war im Kindergarten. Ja, der Anfang war armselig. Aber alles, was man schaffte, war damals von ganz großem Wert.“ Bald auch kam die Schule. Sie lernte schnell und gern. An ihre Klassenleiterin in der 9. Klasse erinnert sie sich besonders gut. Das war schon in Hoyerswerda. Die junge Lehrerin hieß Dora Gebauer. Paula Strobel hätte nach der Schule auch gern studiert und wäre Lehrerin geworden. Doch sie ging vorzeitig ab. „Im Museum, bei Günter Peters, konnte ich arbeiten und schon ein bisschen Geld verdienen.“ Das war nun mal so in dieser Zeit.

Peters schätzte ihre Arbeit, er wusste auch um ihren Berufswunsch. Eines Tages kam er im Museum auf sie zu und berichtete: „An der neuen Schule, der Oberschule IV, brauchen sie eine Pionierleiterin. Wäre das nichts für Sie?“ Als Paula die Worte „Schule“ und „brauchen“ hörte, gab es kein Halten mehr. „Ich durfte gleich losrennen und dort fragen! Obwohl rundrum alles noch Baustelle war, fand ich die Schule und auch den Schulleiter Manfred Mickel. Ich war zu allem bereit.“ Direktor Mickel wohl auch. Ein Anruf und eine Motorradfahrt zur Pionierkreisleitung in die Altstadt brachten Gewissheit: „Ab 1. November 1959 war ich Pionierleiterin an der OS IV, an der Schule, die nun, über 60 Jahre später, als neue Oberschule wieder eröffnet wurde.“

„Die erste Zeit mit Kindern und Kollegen war schön und herausfordernd. Alles war neu und aufregend. Die Anfänge des Fanfarenzuges gingen von der OS IV aus, nachmittags wurde geprobt. Wir besorgten die ersten Instrumente, das war mitunter abenteuerlich, aber erfolgreich.“ Der Fanfarenzug wuchs. Paula im übertragenen Sinne auch. Jahre des Fernstudiums schlossen sich an. Die Heirat. Die Kinder. Inzwischen arbeitete sie im Pionierhaus. 1969, endlich, wurde sie Lehrerin an der nunmehr Polytechnischen Oberschule (POS) V. Mit fast 30 Jahren, und über Umwege und Notwendigkeiten hatte sie ihren Traum erfüllt. „Nebenbei“ war sie da auch schon in der Lehrergewerkschaft tätig.

Alles war neu, aber nicht alles gut

1978 wurde die POS XXI im Stadtzentrum eröffnet. 1.200 Schüler lernten damals dort, Paula Strobel (damals hieß sie noch Reißner) wurde dort zur stellvertretenden Direktorin berufen. Chef war Werner Töppel. „Was waren wir für ein tolles Team“, schwärmt sie noch heute. „Die Sekretärin nahm die Kinder auf, die gerade mit ihren Eltern in die Hochhäuser gezogen waren. Nebenbei putzte sie, mit dem Block in der anderen Hand, die Fenster. Wir alle räumten das neue, schöne Haus ein.“

Ja, alles war neu im Stadtzentrum. Aber nicht alles war gut gemacht. Im strengen Winter 1978/79 lag eines Nachts eine dicke Dampfwolke über der neuen Schule. Ein Heizungs-Hauptrohr war geplatzt. Damals gab es Alarmierungspläne mit Alarmierungsketten. Das bedeutete: Ein Kollege läuft zum nächsten nach Hause und informiert. Ein Telefon hatte ja fast keiner. „Ich wusste erst mal gar nicht, wer an die Heizung ’ran konnte, wer das Wasser abstellen konnte.“ Beim nächsten Mal wurde es schon besser, Havarien dieser Art waren damals gar nicht selten an den Schulen im Stadtzentrum...

Zwei weitere Schulen folgten an diesem Standort. Es war die Zeit des großen Wachsens. Jeder wurde gebraucht. So ging es auch Paula Strobel. 1982 fehlte jemand mit organisatorischen Fähigkeiten in der hauptberuflichen Gewerkschaftsarbeit. Paula Strobel? „Nein, eigentlich nicht. Die Arbeit in der schönen, hellen Schule eintauschen gegen den Arbeitsplatz in einer Baracke mit Ofenheizung? Nein, danke.“ Doch bald war die Baracke in der Straße am Lessinghaus ihr Arbeitsort. Die Arbeit war schon gut und wir wurden auch gebraucht. Für die 23 Schulen in der Stadt, die Schulen und alle Kindergärten im Kreis mussten Urlaubsplätze akquiriert, Weiterbildungen organisiert und durchgeführt und Kulturveranstaltungen geplant werden. Die Gewerkschaft galt auch ein bisschen als Kummerkasten. Und trotzdem: „Damals war ja sonnabends noch Unterricht. Von meinem Fenster aus konnte ich meine Schule sehen. Fast jeden Sonnabend war ich dort.“

Nach 1989 war Gewerkschaftsarbeit (zumindestens in der ehemaligen DDR) eine Arbeit am falschen Platz. Es wurde nicht differenziert zwischen vormals politisch Auf-Oktroyiertem und jetzt In-einer-Demokratie-Notwendigem: „Gewerkschaft? Alles rotes Zeug“ – so war die Einschätzung. Paula Strobel wurde arbeitslos, wie so viele. Einen Weg zurück in die Schule gab es nicht. Dafür eine Umschulung, einen Jahreslehrgang zur Seniorenbetreuung und Pflege. Ihre Antwort: „Mach ich! Ich bleib doch nicht zuhause!“

Die Zeit ist anders geworden

Zwar: Keiner der 30 Umschüler bekam nach dem Jahr eine Arbeit in diesem Bereich. Paula Strobel aber hatte neue Leute kennengelernt und diese mit ihrem Organisationstalent begeistert. Sie organisierte nun in ihrer neuen freien Zeit Veranstaltungen im Ehrenamt. Bei der Suche nach geeigneten Räumen landete sie irgendwann im Kulturbund, in dem schönen Haus in Hoyerswerdas Langer Straße – und irgendwann wurde sie mit vielen Gleichgesinnten Mitglied im Verein.Sie arbeitet im Vorstand, sie ist 80. Es wird dringend jüngere Nachfolge gebraucht. Doch weit und breit ist niemand bereit. Die Zeit ist anders geworden.

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