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Ins Schullandheim zog neues Leben ein

Ermöglicht hat’s die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Lausitz Pflege- und Betreuungs gGmbH

Wohnen, lernen, Spaß haben: Das Leben im Landhaus der AWO Lausitz ähnelt dem einer großen Familie. Sechs Mädchen und Jungen haben hier ein Zuhause auf Zeit gefunden. Marko Galle-Höhne (links) ist einer der Erzieher.
Wohnen, lernen, Spaß haben: Das Leben im Landhaus der AWO Lausitz ähnelt dem einer großen Familie. Sechs Mädchen und Jungen haben hier ein Zuhause auf Zeit gefunden. Marko Galle-Höhne (links) ist einer der Erzieher. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Schwarzkollm. Kinderlachen tönt durch die Etagen. Das gemeinsame Mittagessen ist bereits Geschichte. Die zurückgelassenen Teller in der Küche offenbaren, dass es heute Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl gegeben hat. Der Abwasch bleibt erst mal stehen. Andere Dinge sind jetzt wichtiger. Ein Junge steht im Flur und scheint etwas ratlos. Eine kleine Meinungsverschiedenheit liegt im Raum. 

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Er sucht Rat bei Marko Galle-Höhne. Der Erzieher weiß sofort, was zu tun ist. Wenig später ist die Unstimmigkeit zwischen den beiden Kindern vom Tisch. Hier geht es zu wie in einer großen Patchworkfamilie. Ein völlig normaler Alltag. Mit klaren Strukturen und einem gemeinsamen Miteinander, das dem einer intakten Familie sehr nahekommt. 

Seit August dieses Jahres ist in das ehemalige Schullandheim Waldesruh bei Schwarzkollm, das zuletzt von der Evangelischen Jugendarbeit (EVJU) genutzt wurde, wieder Leben eingezogen. Das Gebäude gehört der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Pflege- und Betreuungs gGmbH Lausitz, die sich seit mehreren Jahrzehnten auch im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe engagiert. Die Trägerorganisation betreibt bereits ähnliche Einrichtungen in Lippen und in Gestalt des Kinder- und Jugendzentrums in der Hoyerswerdaer Schulstraße. Seit August ist diese besondere Wohnform mit Familienorientierung für Kinder und Jugendliche nun auch in Waldesruh möglich.

Zuhause auf Zeit für sechs Kinder

Momentan leben hier sechs Kinder, die im Landhaus ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. Die enge Vernetzung mit professionellen Ansprechpartnern, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Familien (verbunden mit der Rückführung des Kindes in sein Elternhaus) ist dabei das oberste Ziel. Innerhalb der AWO-Betreuungs- und Hilfsangebote werden zielorientiert Konfliktmuster und Defizite, aber auch Ressourcen und Stärken in den betroffenen Familien analysiert und dokumentiert, um den Eltern und Kindern aktive Hilfestellungen anbieten zu können. „Uns ist es sehr wichtig, einen sehr engen und regen Kontakt zu den Familien aufrecht zu erhalten, um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nachhaltig stärken und verbessern zu können“, erklärt Marko Galle-Höhne.

Klischees treffen nicht die Wahrheit

Die Gründe, warum Eltern die Fürsorge und Erziehung für ihre Kinder nicht (mehr) leisten können, sind sehr vielschichtig und unterschiedlich. Diese Entwicklung mache vor keiner sozialen Schicht halt. Es kann jeden treffen, lehrt die Erfahrung. Die Ursachen sind tiefgreifend und können nicht selten in der Kindheit der eigenen Eltern, in der gesellschaftlichen Entwicklung oder im Umgang mit dem Freundes- und Bekanntenkreis liegen. Die Stichworte „Drogen“, „Gewalt“, „Verwahrlosung“ und „sozialer Absturz“ bedienen oftmals das von Vorurteilen geprägte vorherrschende Klischeedenken, wenn es in der Gesellschaft um die Bezeichnung „Heimkind“ geht. „Sehr häufig fehlt in den Familien heutzutage das Miteinander. Zudem steigt der Druck, um Normen, Werten und Ansprüchen gerecht zu werden. Da sind Überforderungen nicht selten“, nennt AWO-Fachbereichsleiterin Jeanette Paulick einige Ursachen. In anderen Fällen liegt wiederum „nur“ eine Bindungsstörung zum eigenen Kind vor, berichtet Katja Bachmann. In vielen Fällen sei eine zeitliche und räumliche „Auszeit“ für Kind und Eltern sehr hilfreich. Distanz schafft somit oftmals (wieder) Nähe. Eine sehr gute Basis, um die weitere und darauf aufbauende Bindungsarbeit zwischen Eltern und Kind positiv und nachhaltig beeinflussen zu können. „Es hilft sehr, wenn in solchen Situationen jeder Beteiligte aus der Familie für sich selbst zur Ruhe kommen kann. Der gewonnene Abstand ermöglicht einen anderen Blick auf das Geschehene, bietet neue Lösungsansätze für ein neues und harmonisches Miteinander“, erklärt Marko Galle-Höhne.

Angefangen vom morgendlichen Aufstehen, gemeinsamen Frühstück, der Schulwegbegleitung und Abholung, dem miteinander Kochen und Hausaufgaben-Erledigen bis hin zur Freizeitbeschäftigung und abendlichem Zubettgehen stehen die Erzieher ihren Schützlingen bei allen Dingen des Alltags zur Seite. Als „Ersatzeltern auf Zeit“ sehen sie sich allerdings ganz bewusst nicht – obgleich sie rund um die Uhr für die Mädchen und Jungen Ansprechpartner, Seelentröster, Erziehungsberater, Schuh-Zubinder, Tränentrockner, Freund und Zuhörer sind.

Für ein schöneres Familienleben

Es ist jetzt kurz vor 15 Uhr. Vesperzeit im Landhaus. Ein Duft nach Melone zieht durch den Gemeinschaftsraum. Die Jungen und Mädchen schneiden das Obst auf und decken den Tisch. Wenig später wird gemeinsam gegessen und über den Tag gesprochen, bevor es hinaus in den Garten geht. Es wird gespielt, getobt, gelacht und geweint. Mit sehr viel Liebe, Geborgenheit, Spaß und professionellen Wegbegleitern an der Seite. Hand in Hand mit den Eltern. Für ein schöneres Familienleben.

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