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Kalte Krieger und Geheimdienstler

Im Hoyerswerdaer SZ-Treffpunkt gibt’s jetzt Rainer Böhmes Buch „Kolonne im Visier“.

Rainer Böhme „Kolonne im Visier“ – Softcover, 14,8 x 21 cm, 234 Seiten, Litte Verlag (Oktober 2020), 14,90 ¤,
ISBN 978-3-9819677-3-9.
Rainer Böhme „Kolonne im Visier“ – Softcover, 14,8 x 21 cm, 234 Seiten, Litte Verlag (Oktober 2020), 14,90 ¤, ISBN 978-3-9819677-3-9. © Repro: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Rainer Böhme, Ex-Kriminalist und einst Redakteur einer Kriminalisten-Fachzeitschrift, ist im (Un-)Ruhestand nicht vom Schreiben los gekommen. Sechs Bücher mit ostsächsischem Lokalkolorit hat er bereits vorlegt – jetzt Werk Nr. 7. Wieder spielt es in der Lausitz; diesmal außer in Cottbus vor allem in und um Weißwasser. Wieder trifft der Leser auf Protagonisten früherer Bände.

Wieder bilden reale Begebenheiten den Hintergrund der Handlung. Freilich ist die sehr kräftig im Sinne literarischer Freiheit bearbeitet, und nicht selten wurde der Spannung halber die Geschichte mit einigen recht holzschnittartig gezeichneten Effekten angereichert, die zwischen Agenten-Thriller, „großer Politik“ und Familien-Sorgen changieren.

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Kulisse des Geschehens ist das Nato-Manöver „Defender-Europe“. Erinnert sich wer? Das sollte das „größte Manöver (des Nordatlantikpaktes) seit 25 Jahren“ werden: 38.000 Soldaten aus 19 Nationen sollten ab Ende Februar 2020 schnelle Truppenverlegungen üben – von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland. „Begleitprogramm“: In Polen, im Baltikum und in Georgien (wo die Anti-Moskau-Krieger jeweils sehnlichst erwartet wurden) sollte auch bewaffneter Kampf geübt werden – Auftakt einer kontinuierlichen Serie solcher Manöver. Das Ganze stand von Anfang an unter schlechtem Stern: Am 7. März rammte ein Zug (exakt: Kettenschutz-Verblendplatten eines von ihm transportierten Panzers) Weißwassers Bahnhofsbrücke und beschädigte sie erheblich. Am 12. März wurde Defender-Europe wegen Corona abgeblasen. Ein ziemliches Fiasko.

Es gab Proteste gegen Defender, und bei Böhme sind in besonderer Weise junge Leute aus der links-militanten Szene daran beteiligt, die sich schon bei den „Kohleprotesten“ Pfingsten 2016 in Schwarze Pumpe hervorgetan hatten. In Weißwasser nun schwadronieren sie von ernsthaften Aktionen“; schließlich tut es auch das Fotografieren der Kolonne. Wozu das? Wo doch Defender-Europe in aller Öffentlichkeit lief; ja, geradezu als provokative Stärke-Demonstration darauf setzte, dass möglichst viel darüber berichtet wurde?

Russische Agenten kontra GI’s

Anders mag es ausgesehen haben mit den russischen Agenten, die sich in Böhmes Buch ebenfalls für das Treiben interessieren und in tödliche Konflikte mit amerikanischen GI’s verwickelt werden. Das ist denn auch der flotteste Teil des Buches.

Gar nicht gut weg kommen hingegen (und das macht „Kolonne im Visier“ direkt sympathisch) die eingangs erwähnten „Aktivisten“. Was sie tun, ist sinn- und ziellos wie ihr dem Anschein nach völlig verpfuschtes Leben; Egoismus stellt sich ein, sobald Gefahr droht. Völlig irrational wird es, wenn die streunend-verwahrloste Lucy, deren Haupt- um nicht zu sagen einzige Qualitäten im Bett liegen, ihren Freund Daniel verlässt (bei dem sie wohl hätte Halt finden können) und sich stattdessen zu der militanten Anne nach Berlin absetzt. Ebenjener Anne, von der sie bei der Foto-Aktion in einer lebensgefährlichen Situation schmählich im Stich gelassen worden war. Allein diese erhellenden Charakterstudien machen das Buch lesenswert. Ob das Böhmes Absicht war? Nun; es zählt das Ergebnis, und das sind 234 mehrstenteils locker und leicht lesbare Seiten, die nicht einer gewissen Spannung entbehren und darüber hinweg sehen lassen, dass Böhme es mit dem Pathos ein wenig übertreibt, wenn er seine Helden über den Weltfrieden dozieren lässt. Übrigens: zu „russlandfreundlich“ (weshalb, wie der Klappentext beklagt, ein Verleger die „Kolonne“ ablehnte), ist das Buch garantiert nicht.

Zusätzlicher Reiz ist die Weißwasseraner Gegend, in der das Buch spielt, und die natürlich herausfordert, Schauplätze wieder zu erkennen. Ich schätze mal, in nicht all zu langer Zeit wird Böhme einen achten Band nachlegen. Vielleicht spielt der ja dann in Hoyerswerda.

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