merken
PLUS Hoyerswerda

Neue Wege braucht das Gartenland

Sparten müssen sich was einfallen lassen, um dem geänderten Freizeitverhalten Rechnung zu tragen.

Mario Kühne, Vereinsvorsitzender der Sparte „Frohes Schaffen“, freut sich über die positive Entwicklung. Dieser Garten ist zu verschenken. Wer Lust auf einen Garten hat – bitte einfach in der Sparte melden.
Mario Kühne, Vereinsvorsitzender der Sparte „Frohes Schaffen“, freut sich über die positive Entwicklung. Dieser Garten ist zu verschenken. Wer Lust auf einen Garten hat – bitte einfach in der Sparte melden. © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Hoyerswerda. Kleingärten sind in Hoyerswerda schon lange nicht mehr so gefragt wie noch zu DDR-Zeiten. Doch seitens des Kleingartenverbandes und in den Sparten selbst gibt es einige Bemühungen, die Attraktivität zu erhöhen. Zum Beispiel in der Sparte „Frohes Schaffen“.

Anzeige
Filmfans, ab ins Dreiländereck!
Filmfans, ab ins Dreiländereck!

Kino, Konzerte, Gespräche: Am 24. September geht das Neiße Filmfestival in seine 17. Auflage – die nicht umsonst den Untertitel "Wild Edition 2020" trägt.

Die Hecke meterhoch, das braune Eingangstürchen ist umrahmt von einer blühenden Kletterpflanze. Wer hinter dem Zaun mehr von jenem sichtgeschützten Garten erhaschen möchte, muss sich schon etwas anstrengen. Gleich rechts waren früher einmal Beete, deren Umrisse noch gut erkennbar und relativ frei von Unkraut sind. Links ein Rasenabschnitt und mittenmang ein Weg, der geradewegs zur Laube führt. „Das Gebäude ist soweit in Schuss. Alle notwendigen Medien liegen an, WC und Dusche sind integriert. Die Pächter müssen nur etwas Arbeit investieren, dann ist der Garten schnell wieder in Schuss“, meint Mario Kühne über die Parzelle, an deren Gartentor seit einiger Zeit das Schild „Zu verschenken“ angebracht ist. Bis vor Kurzem hatte sich noch kein Interessent gefunden, berichtet der Vereinsvorsitzende von der Sparte „Frohes Schaffen“, die sich in unmittelbarer Nähe zur Fritz-Heckert-Siedlung befindet.

Gepflegte Gärten sind eher gefragt

Sie ist eine von 54 Gartenanlagen, die sich in Hoyerswerda und Umgebung befinden und im hiesigen Verband der Kleingärtner integriert sind. Bislang (Stand Monat Juli) gäbe es insgesamt 3.449 Parzellen, von denen 3.199 verpachtet sind. 250 Gärten seien hingegen frei, also noch zu haben, wie Dr. Reinhard Gleisberg, Geschäftsführer des Kleingartenverbandes, auf Anfrage erklärt. Wie man von ehemaligen Gartenfreunden aus benachbarten Gartensparten wie „Neue Zeit“ in der Neustadt und „Wiesengrund“ in der Altstadt kürzlich erfahren konnte, seien einige Familien ihre Kleingärten innerhalb kürzester Zeit losgeworden. So freute sich ein älteres Ehepaar, das aus gesundheitlichen Gründen ihre grüne Oase aufgeben musste, sehr darüber, dass ihr Garten schnell einen Nachfolger gefunden hat.

Hat die Zeit also ein Ende, in der man froh sein konnte, seinen Garten verschenken zu können? Drohen doch sonst finanzielle Kosten und die damit verbundene Sorge um eine Verwahrlosung des Gartens, verbunden mit dem Aspekt, auf der gesamten Arbeit sitzen zu bleiben.

Die Realität sieht etwas anders aus. „Einen gegenwärtigen Run auf freie Kleingärten haben wir derzeit nicht festgestellt“, erklärt Dr. Reinhard Gleisberg, der die Problematik von leerstehenden Gärten primär im Bevölkerungsrückgang, der Altersstruktur und dem veränderten Freizeitverhalten sieht. „Zur Entschärfung suchen wir gemeinsam mit der Stadt nach Lösungsmöglichkeiten. Erschwert wird dieses Vorgehen allerdings durch die Struktur der Grundstücksverpächter, zu der die Stadt selbst aber auch 118 private Verpächter gehören.“ Generell gelte aber, dass ein gut gepflegter Garten natürlich schneller einen neuen Interessenten findet als ein verwahrloster. Das Überangebot an Kleingärten habe deren Werte auch bis nahezu auf null gedrückt, meint Dr. Reinhard Gleisberg. Nur durch eine drastische Kapazitätsanpassung lasse sich dieser Trend umkehren und eine Wertschätzung der Parzellen erhöhen. Wer tatsächlich dauerhaft an der Bewirtschaftung eines Gartens interessiert ist, sollte einige Dinge mitbringen wie gärtnerisches Interesse, finanzielle Absicherung, um alle Pflichten als Kleingärtner erfüllen zu können, körperliche und gesundheitliche Voraussetzungen, Verantwortungsbewusstsein, Disziplin, Gemeinschaftssinn und ein Mindestmaß an Toleranz, meint Dr. Reinhard Gleisberg.

Eigenschaften, die auch dem Spartenvorsitzenden Mario Kühne wichtig sind. Der 54-Jährige leitet seit 2019 die Geschicke des Vereins und sucht auch nach neuen, anderen Wegen, um den Leerstand in der Sparte „Frohes Schaffen“ langfristig kompensieren zu können. Seit Beginn dieses Jahres konnten fünf Gärten an neue Pächter zur Nutzung übergeben werden. Die Gartensparte hat 108 Gärten, momentan gehören sechs Parzellen davon dem Verein selbst und sechs sind derzeit an interessierte Pächter noch zu vergeben (Stand Juli 2020). Dazu gehört auch der oben erwähnte zu verschenkende Garten. Erst kürzlich habe sich ein Ehepaar bei Mario Kühne gemeldet mit der Botschaft, dass man gehört habe, die Sparte „Frohes Schaffen“ sei sehr beliebt, weil es „so gut wie keine Spießer und keine Voreingenommenheit“ gäbe sowie große Toleranz unter den meisten Mitgliedern herrsche. „Natürlich wollen wir keine reine Partygärten und auch keine Pächter, die mit Gartenarbeit an sich nichts am Hut haben. Aber wir sind für alles und jeden offen. Hier sind auch Kinder sehr gern gesehen, denn wir wollen damit auch unseren Beitrag für Umwelterziehung leisten und die Ernte regionaler Produkte aus dem eigenen Garten fördern“, erklärt Mario Kühne. Engagiert sind auch die Mitglieder selbst. So helfe man sich gegenseitig, tausche Erfahrungen aus und feiere natürlich gelegentlich auch zusammen. Vorstandsmitglied Jens Richter hatte die Idee, in einem Vereinsgarten eine kleine Kompostieranlange zu gestalten, deren Nutzung aber nur den Vereinsmitgliedern selbst gestattet ist. So können die Kleingärtner nach Absprache ihre Kompostabfälle dort lagern und im Frühjahr gegen einen Obolus Humuserde abholen. Auch andere Ideen nehmen langsam Gestalt an. So wird ein weiterer Vereinsgarten momentan zu einem Besuchergarten umfunktioniert, der von Gästen der Sparte zur Übernachtung genutzt werden kann.

Zwei weitere benachbarte Parzellen dienen zukünftig sowohl als Parkplatz für Besucher, die mit Wohnanhänger anreisen als auch für Kinder, die sich beim Fußballspielen austoben möchten. „Es gilt neue Möglichkeiten zu schaffen und mit der Zeit zu gehen. Nur so können die Kleingärten langfristig bestehen bleiben“, ist Mario Kühne überzeugt.

Mehr zum Thema Hoyerswerda