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Neues vom Apfel aus der Jackentasche

Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek Hoyerswerda bietet „aus der Ferne“ einen vielseitig genussvollen Adventskalender.

Dietmar Michaelsen (57) liest in der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek Hoyerswerda für den virtuellen Adventskalender eine weihnachtliche Geschichte. Presse-Arbeiterin Susann Keck „dreht“ das Video, das auf Facebook und Youtube eingestellt werden wird
Dietmar Michaelsen (57) liest in der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek Hoyerswerda für den virtuellen Adventskalender eine weihnachtliche Geschichte. Presse-Arbeiterin Susann Keck „dreht“ das Video, das auf Facebook und Youtube eingestellt werden wird © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Eine der Errungenschaften der Corona-Zeit sind virtuelle Adventskalender: Hinter den Türchen, zu öffnen im Internet, verbergen sich ideelle (Auf-) Gaben statt materieller Genüsse. Allerdings; SO ganz neu ist das nun auch wieder nicht. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Da waren Adventskalender immer inhalt-los, aber alles andere als leer. Meint: Hinter den Türchen verbargen sich (nur) kleine Bilder von Süßigkeiten und Spielzeug, das für den eigentlichen Heiligabend erhofft wurde.

Bei uns in der Hoyerswerdaer Schulstraße 17 a existierte ein Kalender, der eine Szene zeigte, in der Kinder sich winterlichen Freuden hingaben. Hinter der unter Nummer 6 zu öffnenden Jackentasche eines schneeballwerfenden Jungen verbarg sich ein – Apfel. Sofort wurden Geschichten darum gesponnen: Ob dieser Apfel nicht aus den eigenen, im Obstkeller gelagerten Vorräten stamme. Ob man ihn „roh“ essen oder zum Bratapfel verarbeiten solle. Oder ob es gar DER rotbackige Schneewittchen-Apfel sei, auf dessen Genuss man besser verzichtete ...

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Nicht nur ein Jahr lang genutzt

Das weiß ich noch so genau, weil dieser Kalender nicht nur ein Jahr lang benutzt und dann weggeworfen wurde, sondern mehrere Weihnachten hindurch Entzücken verbreitete. Auf Neudeutsch: wir recycelten ihn. Wie groß war doch der Jubel, wenn man den aus dem Vorjahr schon bekannten Apfel wieder neu entdeckte ... Schokolade? Die kam erst später in die Kalender; galt geradezu als dekadenter Luxus. Von heutigen Inhalten (Tee, Kaffee, Bier, Whisky, Modespielzeug, Schmucksachen) ganz zu schweigen. Allerdings: Hinter den materiellen Gaben des Adventskalenders heute verbirgt sich meist: Leere. Kein Bild mehr. Die überzeitlichen ideellen Werte sind komplett dem materiellen, sofort auf Nimmerwiedersehen zu konsumierenden „Gimmick“ („Werbe-Beigabe“) gewichen.

Ganz aktiv und passiv-aktiv

Das mag man gutheißen oder bedauern – aber im Zeichen von Corona, der geselligkeits(ver)hindernden Pandemie, haben viele Institutionen den ideellen/virtuellen Weihnachtskalender wieder entdeckt, um so ihre Angebote unters Volk zu bringen oder einfach ein bisschen Vorweihnachtsfreude zu streuen. Sei es nun einerseits aktiv-mitmachenmüssend wie beim SC Hoyerswerda; sei es andererseits, sich mit Geschichten, Rätseln und sonstigen Verlockungen unterhalten zu lassen. Aber auch das erfordert ja ein Mäßchen eigene Aktivitäten, gewissermaßen Entsprechung des Fabulierens zum Jackentaschenapfel damals.

Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek an der Hoyerswerdaer Dietrich-Bonhoeffer-Straße 6/7 hat sich für solch einen virtuellen Adventskalender entschieden. „Viele kleine und große Leser können auf Grund der aktuellen Situation nicht mehr regelmäßig die Bibliothek besuchen. Daher stellen wir täglich auf der Facebookseite der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek Hoyerswerda sowie unserem Youtube Kanal ein Kalendertürchen online“, nennt Öffentlichkeits-Arbeiterin Susann Keck die Beweggründe für diese Art „offener Bibliothek.“ Bibliotheks-Chef Mladen Vukovic ermuntert Interessenten; ob nun im Erwachsenen- oder Kindes-Alter: „Ihr dürft gespannt sein, was sich hinter den Türchen verbirgt. Glanzlichter sind auf jeden Fall die Lesungen mit Herrn Michaelsen.“

Dietmar Michaelsen liest

Herr Michaelsen – das ist Dietmar Michaelsen; der Hoyerswerdaer „Vorleser“ schlechthin, der die Hoyerswerdaer Vorlesekinder ins Leben rief und an Kindertagesstätten und Grundschulen bei Kindern bis sechs Jahren mit vorgelesenen Geschichten Lust aufs eigene (spätere) Lesen, Literatur und das geschriebene Wort weckt.

Damit ist er eine Hoyerswerdaer Institution geworden – und so lag es nur nahe, dass die Stadtbibliothek ihn verpflichtet, für ihren Adventskalender Geschichten zu lesen; nicht zuletzt Grimm’sche Märchen; wohl DIE Weihnachtsklassiker überhaupt. Aber es kommt darauf an, wie man sie darbietet, um die Kinder in den Bann des Erzählten zu schlagen. Und da ist Michaelsen eine Idealbesetzung: Mit ruhiger, warmer, ausdrucksvoller Stimme erfüllt er etwa „Dornröschen“ mit Leben. Da ist auch Susann Keck, die Michaelsens Lesung für den Internet-Kalender filmt, sehr angetan vom Gehörten. Nebenbei: Wer Dietmar Michaelsen für eine weihnachtliche Privat-Lesung buchen möchte, kann das unter Telefon Tel. 0171 7790743. Michaelsen richtet sich dabei nach den Wünschen des Einladenden. Feste/ausschließliche Bücher hat er nicht im Programm, sondern lässt sich auch gern auf Neuentdeckungen ein, die mit einem solchen Auftrag verbunden sind – mit einer Voraussetzung: „Für mich ist wichtig, dass das Buch einen «Gebrauchswert» hat, dass es ein bisschen was Bleibendes, Bewahrenswertes vermittelt.“ Das tun die von ihm für die Bibliothek vorgelesenen Texte in jedem Fall.

Freie Musik, freie Filme

Nutzwert hat der Adventskalender der „Reimannschen“ auch anderwärts, weiß Susann Keck: Neben Rätseln und Geschichten zur Weihnachtszeit gibt es Querverweise auf Partner der Bibliothek (etwa den Zoo Hoyerswerda) – und es gibt Anregungen, wie und wo man (mit dem Bibliotheks-Ausweis kostenlose) Musik- und Film-Stream-Dienste finden und nutzen kann, etwa freegalmusic.de oder filmfriend.de.

Anders gesagt: Der einstige Apfel in der Jackentasche hat überlebt – und lädt weiter zu vielerlei Genüssen ein. Man muss nur täglich das entsprechende Türchen öffnen.

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