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Nur die Sonnenblumen blieben stehen

Der Wohnkomplex (WK) X, als letzter in den 1980er Jahren in Hoyerwerda gebaut, steht wohl wie kein anderer Stadtbezirk für den Wandel seit 1990.

Kersten Flohe im Januar 2021 dort, wo früher ihr Wohnhaus Otto-Nagel-Straße 2 stand.
Kersten Flohe im Januar 2021 dort, wo früher ihr Wohnhaus Otto-Nagel-Straße 2 stand. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Ein knappes Gut war Wohnraum in der damals „zweiten sozialistischen Großstadt der DDR“: Hoyerswerda. Ein bisschen Abhilfe schuf der Wohnkomplex X, also das zehnte und letzte Neubaugebiet von Hoyerswerda. Junge Familien freuten sich über eine moderne Neubauwohnung mit Kita, Schule, Kaufhalle und einem Spielplatz vor der Tür, erzählt Kersten Flohe.

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Hausgemeinschaft und Natur

Die Kunstpädagogin und Künstlerin durfte 1986 mit Mann und Kindern ebenso wie ihre Nachbarn, die als Arbeiter oder Zahnarzt ihr Geld verdienten, in das neu errichtete Haus Otto-Nagel-Straße 2 einziehen. Die Hausgemeinschaft fand sich schnell zusammen. „Wenn einer Kuchen gebacken hatte, brachte ein anderer den Kaffee mit“, erinnert sich Kersten Flohe. „Wir waren nahe am Wald.“ Diese Nähe zur Natur hat sie auch sehr geschätzt. Die deutsche Wiedervereinigung und den später damit verbundenen Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft konnte zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen.

Einst begehrt, nun verlassen

Infolge der ab 1990 herrschenden, ausschließlich an Effizienz interessierten Marktwirtschaft, mussten die scheinbar nicht profitablen Braunkohletagebaue und Brikettfabriken sehr viele Menschen entlassen. Diese gingen wegen der in der Lausitz fehlenden Arbeitsplätze nach Westdeutschland – und ließen vor allem in der Hoyerswerdaer Neustadt leerstehende Wohnungen zurück. Deren Rückbau (beschönigend für Abriss) begann Ende der 1990er Jahre nach dem Prinzip „von außen nach innen“, das die Stadtverwaltung und die Wohnungsunternehmen beschlossen hatten. Ab den 2000er Jahren sind mit Mitteln des Bund-Länder-Programms Stadtumbau Ost verschiedene attraktive Wohngebiete in der Neustadt geschaffen worden. Die Plattenbauten des WK X standen aber „außen“, und bis auf ein Wohnhaus war ihnen der Abriss beschieden, sagt Kersten Flohe traurig. So sind nicht nur die Häuser, sondern das Lebensgefühl des ganzen Stadtteils verschwunden.

Um diesem Verschwinden müssen bis zum Schluss Lebendigkeit entgegenzusetzen, hat die Künstlerin mit Einverständnis der LebensRäume eG in einer leerstehenden Wohnung ihres Aufgangs ihr erstes Mitmachprojekt „Kunst in der Platte“ initiiert. Später beteiligte sie sich an verschiedenen mehrwöchigen Projekten der KulturFabrik Hoyerswerda wie der Malplatte, dem ArtBlock mit Malern aus 18 verschiedenen Ländern und „AusZeit – Nachdenken über H.“ Alle Aktionen fanden bei älteren und jüngeren Hoyerswerdaern aus vielen Stadtteilen Interesse; regten sie zum Mitgestalten des allgegenwärtigen Wandels an, sagt Kersten Flohe. Die Kunstprojekte fanden immer in leergezogenen Häusern des WK X kurz vor deren Abriss statt.

Das Haus Otto-Nagel-Straße 2 durfte 2010 ebenfalls nicht mehr stehen bleiben, obwohl es dort eine Population geschützter Fledermäuse gab. Mit dem Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) hatte Kersten Flohe für die Tiere und ihr eigenes Zuhause gekämpft. Vergeblich. Am 30. August 2010, zufällig am Geburtstag ihres ältesten Sohnes, musste sie als letzte Mieterin ausziehen. Jetzt lebt die Künstlerin in der Altstadt und vermisst vor allem den Wald vor ihrer Haustür. Nach dem Abriss ihres Aufgangs im WK X hatte sie es sich nicht nehmen lassen, auf der entstandenen Wiese Sonnenblumen zu säen. „Die Bauarbeiter haben die Pflanzen bei ihrer weiteren Abrissarbeit stehen lassen“, erinnert sich die heute 65-Jährige. Wenigstens das ...

Abriss der Otto-Nagel-Straße im Oktober 2010.
Abriss der Otto-Nagel-Straße im Oktober 2010. © Archivfoto: Uwe Schulz

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