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Perlenhochzeit mit Prosecco

Eine Frauen-Karnevalsgruppe in Wittichenau feiert Dreißig-Jahr-Jubiläum.

Von Uwe Jordan
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Die Prosecco-Frauen aus Keula.
Die Prosecco-Frauen aus Keula. © Foto: Uwe Jordan

Wittichenau. Acht Wittichenauer Haustüren öffnen sich. Aus jeder schlüpft eine Frau, jede in einem anderen Kostüm. Wenig später treffen sich alle bei der neunten. Mädels-Abend? Karneval? Geburtstag? Alles! Das Nonett feiert extra für die Zeitung Geburtstag. Die „Prosecco-Frauen“, eine der lebhaftesten Gruppen des Wittichenauer Karnevals, gibt’s seit 30 Jahren. Alle neun Proseccos sind vom ersten Tage an dabei.

Namensstiftende kleine Frechheit

Es war zunächst eine Verlegenheitslösung: Wegen des Golfkrieges war der große Wittichenauer Karneval abgesagt worden. Aber Wittichenau ohne Karneval? Das geht doch gar nicht! Da fanden sich die neun Frauen, damals junge Mütter, spontan zusammen, um wenigstens für ihre Kinder einen Kinderfasching in der Keulaer „Arche“ zu organisieren. Sie merkten rasch, dass sie harmonierten. Also wurde, genau so spontan, eine (Frauen-) Sportgruppe ins Leben gerufen, und jahrs drauf, eigentlich unumgänglich in Wittichenau, eine Karnevalsgruppe; zunächst schlicht „Keulaer Frauen“ geheißen. Eine kleine Frechheit stiftete den Namen: Als Bärbel Schnabel sich eines Abends zum Treff verabschiedete, fragte Sohnemann: „Na, gehste wieder zu deiner Prosecco-Bande?“ Bärbel Schnabel nahm’s dem Junior nicht übel, sondern fand, das mit dem Prosecco klinge doch ganz gut! Das fanden die anderen acht auch – und dabei ist es geblieben. Dass daraus 30 Jahre werden würden (erstmal ...) hätten sie selbst nicht gedacht: „30 Jahre schafft nicht jede Gruppe. Nicht mal jede Ehe“, zieht Sibylle Bernard einen Vergleich. Nach der entsprechenden Jubiläums-Ordnung könnten die Prosecco-Frauen Perlen-Hochzeit feiern.

Meinungsverschiedenheiten gab’s auch mal. „Aber wir haben uns immer wieder zusammengefunden.“ Es stimmt einfach zwischen den Prosecco-Frauen. Es ist eine Frage der Lebens-Einstellung, die sie verbindet. „Überall, wo wir als Gruppe sind, fallen wir auf“, hat Sibylle Bernard festgestellt – und ergänzt sofort: „Positiv!“ Dieses Wort ist ja in Corona-Zeiten nicht mehr unbelastet, aber hier trifft es in seinem besten Sinne zu. Im Karneval erst recht. „Wir sind alle ganz normal – aber der Fasching ist es nicht. Da gelten andere Regeln“, weiß Cornelia Elsner. Daher nehmen die Proseccos auch von Weiberfasching bis Aschermittwoch Urlaub, um ausgelassen zu feiern.

Maoam und Weihnachtsbaum

Die Prosecco-Frauen sind nicht nur im Karneval eine Gruppe, sondern unternehmen viel zusammen: Events, Ausflüge, Wanderfahrten. Nicht nur privat, sondern auch für ihr Keula engagieren sie sich. Bei Dorffesten etwa sind sie ganz vornean bei denen, die etwas auf die Beine stellen; kulinarisch italienisches, ungarisches oder Spreewald-Flair zaubern (nicht zu vergessen die Schnabel’sche Tümpelbowle nach Geheimrezept!) – in passenden Kostümen. Apropos Kostüme: Da muss doch in 30 Jahren so viel geschneidert worden sein, dass jede Frau einen Kleiderschrank füllen kann. Wird da was weggetan? Empörung ob dieser Frage: „Auf keinen Fall!“ Alles wird aufgehoben, bisweilen nachgenutzt; in einzelnen Accessoires auch von den Kindern und Männern für deren Fasching. „Davon kann man sich nicht trennen. Das sind doch alles Unikate“, legt sich Kerstin Schulze fest. Nicht zuletzt, weil die Kostüme Fantasie und Geschick erfordern. Besonders herausfordernd waren die „Maoam“-Kaubonbons – und die Weihnachtsbäume: „Da hatte ich am Sonnabend beim Weiberfasching alle Kugeln verloren – aber zum Rosenmontagsumzug mussten sie ja wieder dran sein“, erinnert sich Bärbel Schnabel lachend. Nachbessern also in Nachtarbeit – auch weil man als Wittichenauer Karnevalistin in diesen Tagen (kaum) aus dem Kostüm kommt. Das Schwierige ist nur, jedes Jahr ein neues Thema für die Gruppe zu finden: „Wir hatten doch schon alles ...“ – „Außer FKK“, wirft Andrea Handke ein.

Vor 30 Jahren war’s ja ähnlich

Eine Hausmarke in Sachen Prosecco oder einen Schlachtruf haben die neun nicht. Ihr Miteinander-Gefühl ist nicht an solche Rituale gebunden. Außerdem lieben sie es, zu improvisieren. Das hätten sie gerne am 13. November zum „Kappenabend auf’m Markt“ unter Beweis gestellt – wäre der nicht corona-halber abgesagt worden.

Aber war’s nicht vor 30 Jahren ähnlich, als aus einer solchen ärgerlichen Situation heraus die Gruppe sich erstmals fand? Vielleicht gibt es ja auch diesmal etwas Spontanes. Ein Prosecco-Frühstück im Karnevals-Kostüm drängt sich doch geradezu auf.

Das „Gründungsfoto“: Rosenmontag 1991; der 13. Februar. Wenigstens einen Kinderfasching sollte es trotz Karnevals-Absage geben. Heute sind die Kinder erwachsen.
Das „Gründungsfoto“: Rosenmontag 1991; der 13. Februar. Wenigstens einen Kinderfasching sollte es trotz Karnevals-Absage geben. Heute sind die Kinder erwachsen. © Foto: privat