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Projektbüro „Kube42“ ist geschlossen

In Bernsdorf endet nach fünf Jahren ein Angebot für sozial benachteiligte Menschen. Dabei soll es allerdings nicht bleiben.

Von Ralf Grunert
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Dieses Karussell ist eines von drei Spielgeräten auf dem neu gestalteten Spielplatz hinter dem Wohnblock Fritz-Kube-Ring 38-42.
Dieses Karussell ist eines von drei Spielgeräten auf dem neu gestalteten Spielplatz hinter dem Wohnblock Fritz-Kube-Ring 38-42. © Foto: Ralf Grunert

Bernsdorf. An Ideen mangelte es Tina Götze und Katrin Klein nicht. „Wir wollten zum Beispiel einen Familien-Brunch anbieten, damit die Leute zu uns kommen mit ihren Wünschen und Sorgen. Nachbarschaftsfeste sollten stattfinden. Familienserien haben wir angefangen. Einen Sinnes-Pfad wollten wir hier im Quartier anlegen zusammen mit den Kitas. Aber seit zwei Jahren waren wir durch Corona ausgebremst“, bedauert Katrin Klein. Sie gehörte seit 2019 zum zweiköpfigen Team des Projektbüros „Kube42“ in Bernsdorf. Dessen Arbeit begann am 1. Oktober 2016. Nun ist Schluss damit. Von heute an bleibt die Bürotür geschlossen. Die Förderung ist ausgelaufen.

Dicht besiedelt, viele Probleme

Initiiert und mitfinanziert wurde das Projekt vor gut fünf Jahren von der Stadtverwaltung. Vom Land Sachsen und aus dem Europäischen Sozialfond flossen Fördermittel, in Summe 90 Prozent der Gesamtkosten. Ansinnen war es, das mit rund 1.300 Menschen am dichtesten besiedelte und mit vielen sozialen Problemen behaftete Wohngebiet in der Stadt, das vom Fritz-Kube-Ring über die Pestalozzi- und Schweitzerstraße bis zur Dresdener Straße reicht, unter Beteiligung der Bewohner lebenswerter zu gestalten. Und weil von der Bernsdorfer Wohnungsbaugesellschaft (BWG) eine Wohnung im Aufgang mit der Nummer 42 im Fritz-Kube-Ring zur Verfügung gestellt und zum Büro umfunktioniert worden war, hatte das Projekt die Bezeichnung „Kube42 – lokal aktiv“ erhalten.

Das Büro wurde zeitweise stark frequentiert. Die meisten Besucher waren Menschen, mit denen es das Leben bisher nicht allzu gut gemeint hat, die sich in sozialen Notlagen befanden oder die als Asylbewerber Unterstützung benötigten. „Sehr viele Leute benötigten Kopien von Dokumenten. Arbeitslosenanträge waren ein Hauptanliegen und die GEZ-Befreiung“, schildert Katrin Klein zurückblickend. An das Projektbüro haben sich aber auch Menschen gewandt, die Schulden angehäuft hatten und mit den Problemen nicht mehr klar kamen. Hier wurde geholfen, indem der Kontakt zur Schuldnerberatung oder auch zu Fachärzten hergestellt wurde.

Das Leben in den Griff bekommen

Ein weiteres Feld, auf dem die Unterstützung des „Kube42“-Teams gefragt war, betraf die Jobsuche. „Erst vor ein paar Tagen stand ein junger Mann vor der Tür, der sich bedanken wollte, dass wir ihn in Arbeit gebracht haben. Der Mann war in Privatinsolvenz und kam jeden Monat her, um seine Unterlagen zu kopieren. Er hat sein Leben in den Griff bekommen“, freut sich Katrin Klein. Was die Jobvermittlung angeht, so betont sie, bekam „Kube42“ große Unterstützung durch die Bernsdorfer Unternehmen. Oft konnte auf kurzem Weg ein Kontakt vermittelt werden. Allerdings, daraus macht Katrin Klein kein Hehl, waren die Bemühungen in fast 90 Prozent der Fälle nicht dauerhaft von Erfolg gekrönt.

Erfolge hat allerdings das Sozialprojekt in den fünf Jahren des Bestehens einige vorzuweisen. Als eine der ersten Aktivitäten wurde der verwahrloste Bolzplatz im Fritz-Kube-Ring wieder in Schuss gebracht. Es wurden Kinderfeste und der Kinderflohmarkt durchgeführt. Die Kindertagsrallye mit mehr als 70 Familien und erst jüngst der Adventzauber kamen sehr gut an. Auch ein Kindersport-Angebot wurde durch das Projektbüro initiiert. Die dafür gewonnene Übungsleiterin will das nach der Büro-Schließung weiterhin zweimal monatlich in der Sporthalle fortführen.

Ein großer Erfolg war zudem die Sanierung des Spielplatzes hinter dem Wohnblock Fritz-Kube-Ring 38-42. Hier haben die Lausitzer Seenland Stiftung mit einer Spende, die Stadt und die BWG als Eigentümerin des Spielplatzes unterstützt, sodass zwei Geräte angeschafft und der Spielplatz hergerichtet werden konnte. „Das war ein super Zusammenspiel aller“, findet Katrin Klein. Und dass der Spielplatz viel genutzt wird, konnte das „Kube42“-Team seither täglich durchs Büro-Fenster beobachten.

Große Hilfe in der Corona-Krise

Katrin Klein schätzt, dass im Durchschnitt monatlich 25 bis 35 Personen oder Familien das Projektbüro aufgesucht haben. „Die meisten waren im Monat nicht nur einmal da, sondern oft.“ Zu rund 60 Prozent handelte es sich um Deutsche, die anderen 40 Prozent waren Asylbewerber und Spätaussiedler insbesondere aus Russland. Wobei alle Altersgruppen dabei waren, von Kindern bis zum Senior. „Gerade durch die Corona-Krise hatten wir etliche Familien hier, deutsche und nicht-deutsche, denen wir geholfen haben, weil sie zu Hause keine Technik haben. Da standen die Kinder am Montag hier und haben ihre Unterlagen für die Woche bekommen. Damit sind sie nach Hause gegangen. Dann mussten sie wieder herkommen, damit wir das einscannen und an die Schule schicken. Da hatten wir drei, vier Familien, die regelmäßig ihre Hausaufgaben bei uns abgeholt haben.“

Das Projekt „Kube42“ zielte zwar vordergründig auf die Bewohner des eingangs genannten Quartiers ab. „Wir haben aber immer gesagt, wir schicken niemanden weg. Wir haben viele aus ganz Bernsdorf hier gehabt, die sich hergetraut haben“, so der Hinweis von Katrin Klein, die davon überzeugt ist, dass mit der Schließung des Projektbüros in Bernsdorf eine soziale Anlaufstelle fehlen wird. Und nicht nur sie hofft, dass eine Möglichkeit zur Fortführung des Sozial-Projektes gefunden wird.

Nachfolgeprojekt wird gesucht

Während Tina Götze bereits in Dresden einen neuen Job gefunden hat, wird Katrin Klein ab Januar immer dienstags und donnerstags von 13 bis 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus in Bernsdorf mit einer Sprechstunde anzutreffen sein, um die Sozialarbeit, die bisher im Projektbüro geleistet wurde, bestmöglich fortzuführen. Auch die Facebook-Präsenz von „Kube42“ soll weiter offen gehalten werden, um über aktuelle Entwicklungen zu informieren, vielleicht ja auch über ein Nachfolgeprojekt.

Linda Pawlowski von der Stadtverwaltung, Silvio Thieme von der RAA als Leiter des Mehrgenerationenhauses und der Stadtrat haben bereits nach einer Lösung gesucht. Noch konnte zwar keine Finanzierungsquelle ausfindig gemacht werden. Bürgermeister Harry Habel betrachtet das Projekt allerdings nicht als beendet. Es wird einen Weg geben, um weiter zu machen. „Gemeinsam werden wir nächstes Jahr etwas Neues aufbauen, um die Arbeit von «Kube42» weiterzuführen“, blickt Katrin Klein optimistisch voraus. Ideen – siehe Artikel-Anfang – gibt es genug.

Die Neubau-Wohnblöcke gehören zum „Kube42“-Projekt-Gebiet.
Die Neubau-Wohnblöcke gehören zum „Kube42“-Projekt-Gebiet. © Foto: Gernot Menzel