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Requiem, oder: die Illusion Vernunft

Der Lausitzer Philosoph und Lyriker KLAUS TRENDE schrieb ein Essay zum Anthropozän und zu unserem Anteil am Schauspiel mit Covid-19.

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In Schieflage geraten: entkernt-entfensterter Abrissblock der Hoyerswerdaer Stadtpromenade; einst begehrter Wohnraum, dann lästige Konkursmasse, ersetzt andernorts durch Neues.
In Schieflage geraten: entkernt-entfensterter Abrissblock der Hoyerswerdaer Stadtpromenade; einst begehrter Wohnraum, dann lästige Konkursmasse, ersetzt andernorts durch Neues. © Archivfoto: Christian Eißner

Von Klaus Trende

Sie hat uns wieder zurück. Die Natur. Der stetige Widerstreit mit dem Kosmos, der uns leben und sterben lässt. Das Sterben: der Kunstgriff der Natur, um neues Leben zu schaffen. Und die große Zahl auf ein Maß zu bringen, welches Dasein noch lebenswert macht. Das 19er Virus eine natürliche Antwort? Eine kreatürliche Aufgabe ist es allemal.

Wie stellt sich der Mensch dieser neuen Realität, da das System Erde sich nicht mehr als „Untertan“ seines Willens und absurden Treibens versteht? Ein neues Virus vermag mit dramatischer Heiterkeit das Gültige im Abseitigen und Zufälligen zu spiegeln; ja, neue Spiegel von der Banalität menschlichen Strebens in einer Konfliktsituation zu liefern. Die ganze Situation hat eine leicht beschreibbare Oberfläche: den Alltag. Aber zugleich liefert sie dem aufmerksamen Auge einen Subtext. Lesen wir in diesem, dann erkennen wir eine neue Sprache, neue Begriffe für das Arbeiten, für das Denken, für die Gefühle und für das Handeln auf der schiefen Ebene. Es gibt keine Logik der Rettung mehr. Es gibt nur noch die Logik.

Das hatte der gute Heinrich Mann vor über 100 Jahren wohl geahnt, als er den berühmten Essay „Geist und Tat“ schrieb. Darin der Satz: „Möglich immerhin, daß Gerechtigkeit das Leben beeinträchtigt, und daß Wahrheit zu Abgründen führt.“ Die wahrhaften Abgründe liegen nun offen: Es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Freilich, vielleicht reicht es noch bis zur nächsten Jahrhundertwende. Aber schon da müssten wir heute alle zu Robinson Crusoe oder Henry David Thoreau zurückkehren, der Konsumtyrannei abschwören, die Kapitalverhältnisse zerbrechen, den ökologischen Fußabdruck auf tierische Dimension zurückführen, in kürzester Zeit völlig neue Kulturtechniken hervorbringen. Nein, es ist zu spät. Denn: Erstens machen satte Sklaven keine Revolution, und zweitens geht es um die große Zahl, um historisch vergleichslose Beschleunigungen in der Entwicklung von Natur und Gesellschaft. Aber der Mensch denkt linear, er ist ein planetarer Mörder, der nur sein kurzfristiges Überleben im Fokus hat.

Die Fakten und Themen, geradlinig ohne fachwissenschaftliches Vokabular: Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittelindustrie, Klimaerwärmung, Konsumverhalten, Energiesituation, irdische Ressourcen, der gesamte verheerende Reproduktionsprozess der heutigen Zivilisation, die Antworten der Natur, ein (regulierendes?) Virus ...

Am Beginn des 21. Jahrhunderts schreiben wir das Requiem auf unsere Spezies, die vor 200.000 Jahren auf den Plan trat und nun mit weit über sieben Milliarden an der Zahl am Ende ihrer Zeit steht. Wer nur an einem Tag die Televisionsnachrichten ohne ideologische Scheuklappen oder wirtschaftspolitische Rücksichten verfolgt, erhält ein verständliches Bild vom sterbenden Lebensraum Erde. Die Kausalketten liegen offen und sind unverschlüsselte Botschaften an die gegenwärtig lebenden Generationen. In vielerlei Hinsicht sind die Kipp-Punkte des komplexen Systems unseres Planeten bereits erreicht. Die Unumkehrbarkeit vieler Sachverhalte wird von der politischen Klasse geschickt und tatenlos verschwiegen. Auf Nebenschauplätzen tobt sich in Parlamenten und Marionettentheatern der Kampf um die Fleischtöpfe aus. Die Menschen sind Werkzeuge ihrer Werkzeuge geworden, nur noch dem fragwürdigen Wert des Geldes verhaftet.

Gott, falls es ihn gibt, weiß anscheinend keine Antwort mehr. Nietzsche behauptete, er sei tot. Und wir kennen für die Hochrechnungen unserer absteigenden Lebenskurve kein genaues Datum. Da unser soziales und kulturelles Immunsystem bereits zusammengebrochen ist, eine kollektive Intelligenz dem Konsum des Irrsinns und Nutzlosen geopfert wird, die Medienmaschine jegliches Unterscheidungsvermögen im Boulevard erstickt, bleibt der Raum für Hoffnung klein. Aber nicht hoffen und nicht fürchten – genau das ist doch Freiheit! Wie frei sind wir also? „In technischer Hinsicht sind wir Götter, in moralischer Idioten“ (Lewis Mumford). Menschliche Artefakte ersetzen das Leben und entfernen den Einzelnen von jeglicher Aktion. Statt Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum brillieren Parteien mit Nebelraketen und Programmen endloser Expansion. Da in der Natur Wachstum und Zerfall, beziehungsweise Kontraktion, gesetzmäßig ablaufen (Lebensräume sind nicht zeitlos), kann man auf schlaue Aufrufe zum Paradigmenwechsel verzichten. Es geht ja auch nur darum, die Menschheitsspanne etwas weiter in die Zukunft zu dehnen. Das wäre möglich, wenn WIR (sic!) etwas Radikales tun. Was ist radikal? Nichts kann so bleiben, wie es ist. Der Störfaktor im Regelkreis Erde ist der Mensch. Mithin ist dieser in seiner heutigen Verfassung zu neutralisieren. Das ist ein schmerzlicher Satz. Keine Frage.

Also: Wozu ist die Menschenwelt angesichts der Endlichkeit ihrer Ressourcen fähig? Wie viel Witz entwickelt eine Art von 7,8 Milliarden Exemplaren noch, um ihre Vergänglichkeit zu belachen, um ihren selbstverschuldeten Untergang unterhaltsam zu genießen? Und was fällt dem schein-intelligenten Homo sapiens angesichts der universalen Vernetzung jeder Existenz auf diesem blauen Planeten ein, außer Klopapier zu sammeln, Masken zu basteln, dem industriellen Wachstum blind zu huldigen, die Scharia zu pflegen, dem Papst zu applaudieren, mit Interkontinentalraketen zu paradieren, mit Smartphones zu spielen, die Fleischtöpfe zu füllen, und so fort?

Vielleicht der Rückgriff auf eine alte Illusion? Diese Illusion heißt Vernunft. Alle menschlichen Gesellschaften, die ihre Perspektive auf immerwährendes Wachstum bauen, sind über kurz oder lang dem Untergang geweiht. Und diejenigen, die auf ein umfassendes Modell menschlicher Kultur gründen, haben Zukunft. So lehrt die Geschichte. Und so lehrt die Physik, denn aus einem Topf kann nur solange genommen werden, bis er leer ist.

Das Covid-19-Omikron lässt für Momente den Atem anhalten. Wie weiter? Was brauchen wir wirklich? Was ist Glück, was bedeuten Tod und Verwandlung eigentlich, wie bestehen wir in der Zeit, wo müssen wir neu suchen, um das Naheliegende zu finden? Und die Antwort liegt jedem auf der Hand: IN uns liegt die Lösung FÜR uns! Sei Nomade im Geist, geh über Grenzen, vergiss die Erwartungen anderer an dich, leg ab die Fessel von Eitelkeit und Gier, von Haben und Prunk. Übe die Kunst der Bescheidenheit auf hohem Rang. So könnte es gehen.

Die Botschaft ist nicht neu. Nur die aktuelle Brisanz der Agonie ist es. Karl Marx (ja, den gab es tatsächlich mal) wurde 1856 zu einem Bankett der Londoner Wochenzeitung „The People’s Paper“ geladen. Dort sagte er: „In unseren Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen ... Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. All unser Erfinden und Fortschritt läuft darauf hinaus, dass sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen.“ Das ist potenziert der Stand der Dinge, wie ihn ein Jahrhundert später Denis L. Meadows vorfand, der im Auftrag des Club of Rome 1972 die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ erarbeitete. Sein Resultat: Noch vor 2100 wird die Weltwirtschaft wegen Nahrungsmittelknappheit, Überbevölkerung, Umweltzerstörung und Rohstoffkrise zusammenbrechen.

Der Brundtland-Bericht – im Auftrag der UNO von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 vorgelegt – zielte auf Generationengerechtigkeit und ganzheitliche Verhaltensänderung. Die Konferenz in Rio de Janeiro 1992 nahm dies in ihre Agenda 21 auf. Der Club of Rome konstatierte indes 1993, dass „die zeitgenössischen Demokratien keine Sachwalter langfristiger Lebensinteressen“ sind. Schlaue Deklarationen der „Weltgemeinschaft“ folgten. Ohne Erfolg. Al Gore reiste dafür scheinheilig um die Welt; der Star unter den Mikrobiologen, der Australier Frank Fenner, prophezeite das Aussterben der Menschheit wegen Bevölkerungsexplosion bis 2100. Um nur einiges zu nennen. Der Gorbatschow-Faktor sowie der folgende Systembruch 1990 und Pyrrhussieg des internationalen Wirtschafts- und Finanzkapitals haben das Tempo auf dem Weg in die Endzeit nur noch erheblich stimuliert.

Was bleibt angesichts der Covid-19-Herausforderung und der wehrhaften Antworten der Natur auf unser Treiben? Die Aufhebung der Dialektik unseres Seins? Denn erstmals scheint das Bewusstsein das Fortbestehen unseres Seins auf diesem Planeten für die letzte Etappe der Geschichte zu bestimmen. Billige Sinneslust und Luxus, Anarchie, Krieg oder Verzweiflung stehen zur Diskussion. Kreativität, fern von aller religiösen oder nationalen Verblendung, und Revolution auch. Die Natur versucht mit dem Virus vielleicht Antworten, zu denen digitale Wesen nicht fähig scheinen. Es bleibt die literarische Erkenntnis: „Im Paradoxon erscheint die Wirklichkeit.“ (Dürrenmatt/Die Physiker)

Klaus Trende, Lausitzer Autor, lebt in Cottbus. 2021 erschien von ihm der Band „Feuer und Asche“.
Klaus Trende, Lausitzer Autor, lebt in Cottbus. 2021 erschien von ihm der Band „Feuer und Asche“. © Foto: privat