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Student, Verfolgter, Katastrophenhelfer, Millionär ...

Vor 40 Jahren half Jacek Jurkowski-Maslak bei der Beseitigung der Folgen der Explosion in Schwarze Pumpe.

Jurkowski-Maslak inmitten seines Hotelparks in Pietrzyków.
Jurkowski-Maslak inmitten seines Hotelparks in Pietrzyków. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Hinter Jacek Jurkowski-Maslak (65) liegt schon jetzt ein bewegtes Leben: Wer zwei Gesellschaftsordnungen sah, kann viel berichten; in Polen nicht anders als in der DDR und im „Ostblock“ überhaupt ... Zu Schwarze Pumpe und Hoyerswerda hat Jacek Jurkowski-Maslak eine ganz besondere Bindung. Hier half er vor 40 Jahren bei der Beseitigung der Folgen der Groß-Havarie am 22. Februar 1982 im Gaswerk des Kombinates Schwarze Pumpe.

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Während dieser Zeit wohnte er in Hoyerswerda – im WK VIII. Nicht allein, sondern mit etwa 20 weiteren polnischen Spezialisten, alles Rohrleitungsmonteure. Nach vier Jahrzehnten kam er kürzlich erstmals wieder nach Schwarze Pumpe – zum Handwerkermarkt am „Gleis 19“. Nicht als Rohrleitungsmonteur, sondern als Hotelbesitzer. Die Marktpräsentation nutzte er für die Vorstellung seines „Imperiums“ in Pietrzyków (Pietzschkau) unweit von Bad Muskau.

Vorgeschichte mit „Solidarność“

TAGEBLATT besuchte ihn dort – und erfuhr von einer Lebensbiografie, wie man sie nicht alle Tage hört. Man könnte sie überschreiben: „Vom Gefängnisinsassen zum Millionär“. Zur Vorgeschichte: Jacek Jurkowski-Maslak studierte um 1980 an der Universität in Gdansk (Danzig) im Maschinenbaufach und verblieb dort nach dem Studium als wissenschaftlicher Assistent. In diese Zeit fielen die Ereignisse mit „Solidarność“. Dieses Aufbegehren für bessere Zeiten unterstützte er als Sympathisant – was ihn schließlich ins Gefängnis brachte. Zwar war er nicht lange inhaftiert, er war kein Anführer, und so kehrte er an die Universität zurück. Aber es war nicht das Leben wie zuvor. Täglich hatte er die Sicherheitsorgane auf dem Hals. 1982 kündigte er der Uni, weil er dort keine persönliche und berufliche Sicherheit für seine Zukunft mehr sah. Gemeinsam mit seiner Frau Rosa zog er nach Pietrzyków auf deren elterliches Anwesen.

Dort war alles anders. Nach drei Monaten fand Jacek auf Grund seiner technischen Ausbildung eine Arbeit bei einer polnischen Rohrleitungsbaufirma. Die hatte Verträge für die Instandhaltung von Rohrleitungen auf Rohrbrücken in solch großen DDR-Betrieben wie Bitterfeld, Buna, Leuna und Schwedt. Vertragspartner war das Kombinat IKR Berlin (eigentlich: VEB -Volkseigener Betrieb- Industrie- und Kraftwerksrohrleitungsbau Bitterfeld).

„So etwas kein zweites Mal gesehen“

Im Februar 1982 dann die vorab angedeutete Explosion der Rectisolanlage in Schwarze Pumpe. „Wir waren dort lange im Einsatz“, erinnert sich Jacek Jurkowski-Maslak. „Die Verwüstungen waren enorm. So etwas habe ich in meinem Leben kein zweites Mal gesehen“. Seine Firma demontierte auf den Rohrbrücken die zerfetzten Rohre. Sämtliche Ventile mussten ausgebaut und sortiert auf extra Plätzen abgelegt werden. „Da kamen dann Spezialisten; solche und solche, die haben die Armaturen untersucht“. Die beiden Blöcke im WK VIII in Hoyerswerda, wo die Mitarbeiter wohnten, kann Jacek gut beschreiben. Inzwischen gibt es diese aber nicht mehr.

Mit der Wende 1989/90 gingen die Firmenkontakte in den neuen Wirtschaftssystemen unter. Die folgenden Privatisierungen in Polen und Deutschland nutzte auch Jacek Jurkowski-Maslak. Mit einer Mutterfirma in Żary (Sorau) und einer Niederlassung „Deutschland GmbH“ in Dresden spezialisierte er sich auf Fassadengestaltung und Wärmedämmung historischer Gebäude – so in Dresden, Chemnitz, Freiberg, Bischofswerda und Bad Muskau. 2000 wurde die GmbH in Dresden geschlossen, die Mutterfirma in Żary verkauft. Mit einem in Żary ansässigen holländischen Partner gründete Jacek Jurkowski-Maslak ein Stahlbauunternehmen. Ein Geschäftsmodell dabei war der Aufkauf insolventer Betriebe, deren Abriss und danach die Vermarktung der sanierten Flächen für neue gewerbliche und industrielle Ansiedlungen.

Da sind wir nun wieder beim Bergbau. Eine solche Industriebrache war auch die Brikettfabrik in Łęknica. Die wurde am 31. Dezember 1973 stillgelegt. Damit endete der Bergbau im Muskauer Faltenbogen für immer. Veranlasst hatte dieses Ende die damals kommunistische polnische Führungsriege um Edward Gierek. Der erste Mann der im Ostblock ton-angebenden Sowjetunion, Leonid Breshnew, hatte in Osteuropa die Altkommunisten/-stalinisten entmachtet und neue Leute eingesetzt. Gierek stammte aus Oberschlesien und galt als sehr fortschrittlich. In der primitiven Braunkohlegewinnung, wie sie in der letzten Grube „Babina“ erfolgte, sah er keine wirtschaftlichen Vorteile.

Das Ende der Babina

Die Industriebrache erwarb nach über 28 Jahren das Unternehmen von Jacek Jurkowski-Maslak, 2001/02 wurde die Brifa abgerissen. Über deren Ende wissen nur wenige, für TAGEBLATT-Leser in Weißwasser daher sicherlich besonders interessant.

„Das war ein großes Spektakel“, so Jacek Jurkowski-Maslak. „Der Abriss erfolgte im Rahmen einer gemeinsamen Übung von polnischen, tschechischen und deutschen Einsatzkräften, also Feuerwehren, Rettungsdiensten aller Art und Polizei. Es sollte so getan werden. als ob eine spontane Havarie eingetreten sei. Der Sprengmeister bohrte zuvor 800 Sprenglöcher in das Fabrikgebäude – und alle Beteiligten wussten natürlich, worum es ging. Dann gab es einen mächtigen Knall und es folgte das Alarmsignal: „Die Brifa ist explodiert!“. Klare Sache. Zu retten gab es nichts. Das war auch nicht vorgesehen, aber alle feierten hinterher gemeinsam eine Party“.

Eine ganz neue Geschäfts-Idee

Schon um 2000 hatten Rosa und Jacek Jurkowski-Maslak eine ganz neue Geschäftsidee. Seit 1982 wohnen sie im elterlichen Haus der Ehefrau gegenüber dem alten Gutsanwesen in Pietrzyków. Der letzte deutsche Besitzer floh 14 Tage vor Einmarsch der Russen im Februar 1945 mit einem Pferdegespann Richtung Westen.

Entstanden aus dem Nichts

Zuletzt war das Gut eine polnische Variante der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in drei „Typen“, im wesentlichen mit Vergesellschaftung der Flächen und später des Tierbestandes). Das Schloss war schon in den Kriegswirren abgebrannt. 2000 kaufte das Ehepaar das gesamte Anwesen von der Treuhand. Der Zustand war katastrophal ... Erst 2006 startete die Sanierung. Für Jacek Jurkowski-Maslak und seine Rosa wurde es zum größten und schönsten Geschäftserfolg in ihrem Leben: Entstanden ist ein einmaliges „Imperium“ aus dem Nichts, aus Ruinen mitten im Dorf. Nach der Sanierung öffnete 2011 zunächst das Hotel, 2013 die Gaststätte. Heute umfasst der Komplex „Stary Folwark“ (Altes Vorwerk) zudem ein Restaurant, eine Bierstube, mehrere Außenterrassen, neun Appartements und fünf Ferienhäuser, Stellplätze für Camper, eine neu errichtete Reithalle (72 x 50 Meter, 11,60 Meter hoch; mit Ebbe-Flut-Reitboden von 66 x 33 Metern) und eine Pferdepension für zwölf Pferde, hinzu kommen acht eigene Tiere. Der Park steht unter Denkmalschutz; drei Teiche gehören dazu. Es gibt eine eigene Brauerei, Käserei und eine Räucherei für Fisch und Fleisch. An Gästen mangelt es nicht. Um deren Wohl sorgen sich elf festangestellte Mitarbeiter.

Finanziert hat das alles Jacek Jurkowski-Maslak allein. Nur einmal erhielt er Fördermittel der EU. Wie es mit denen zukünftig bestellt ist, weiß er nicht. „Das Schloss würde ich wieder aufbauen wollen. Aber allein kann ich das schon rein finanziell nicht.“

Wiedersehen im Oktober möglich

Jacek Jurkowski-Maslak wird am 2./3. Oktober erneut am „Gleis 19“ in Schwarze Pumpe beim Oldtimertreffen dabei sein. Vielleicht kommen alte Bekannte aus Hoyerswerda oder auch aus der ehemaligen Kombinatsleitung vorbei.

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