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Was machten die Kühe am Markt?

Ein jetzt veröffentlichtes Foto von 1947 weckt Erinnerungen an einen Eisenbahner und Hilfs-Fleischer.

An der Markt-Ostseite standen vor der Zerstörung unter anderem das Hotel „Zum goldenen Anker“, Kliches Brauerei und die Adler-Drogerie.
An der Markt-Ostseite standen vor der Zerstörung unter anderem das Hotel „Zum goldenen Anker“, Kliches Brauerei und die Adler-Drogerie. © Foto: Stadtmuseum

Hoyerswerda. Montag für Montag beugen sich derzeit an lokaler Geschichte interessierte Menschen über die Zeitung, um sich in Betrachtung von historischen Aufnahmen aus dem Fundus des Stadtmuseums Hoyerswerda vom TAGEBLATT in frühere Zeiten zurückversetzen zu lassen. So geschah es zu Beginn dieser Woche, dass eines der veröffentlichten Fotos aus den 1940ern in Spohla die Aufmerksamkeit von Margot Ruhla und ihren Kindern erregte.

Auf dem Bild sieht man eine Kuhherde auf dem Hoyerswerdaer Marktplatz vor der zerstörten und später abgerissenen Bebauung an der Ostseite, wo mittlerweile am Schwarzen Markt die Autos parken. Rinder mitten in der Stadt mögen heute etwas merkwürdig anmuten, waren aber früher sicher nicht so selten. So berichtet Alt-Fleischermeister Christian Sinapius, dass in der Spremberger Straße der Hof des Hotels „Zum Goldenen Stern“ der Familie Hauptmann auch die zentrale Verteilstelle für das Schlachtvieh aus den Höfen der Landwirte der Region gewesen ist.

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In Spohla jedoch erinnerte das Kuh-Foto Margot Ruhla, die Ortsbürgermeisterin von 1958 bis 1973 sowie von 1990 bis 1999, und ihre Kinder an Vater beziehungsweise Großvater Karl Hoffmann (1902 - 1990). Er war nach dem Krieg, berichten sie, in Sachen Rinderschlachtung tätig. Hoffmann, daheim in der Humboldtstraße, war für die sowjetischen Besatzer wohl ein ganz guter Ansprechpartner. Er beherrschte das Sorbische, das als slawische Sprache dem Russischen zumindest verwandt ist – und konnte sich daher ganz gut verständigen. Hoffmann erzählte später immer davon, dass im Schlachthaus der Fleischerei Rätz am Neumarkt die Rinder für den Bedarf der örtlich stationieren Angehörigen der Roten Armee geschlachtet wurden. „Zwei bis drei Rinder pro Woche“, gibt Enkel Jens Ruhla die Erinnerungen seines Großvaters wieder. Mit der Aufgabe der Fleischversorgung betraut gewesen sei außerdem ein polnischer Kollege. Christian Sinapius ergänzt, dass das besagte Schlachthaus, das im Bereich des 2018 neu angelegten Parkplatzes stand, später die zentrale Notschlacht-Stelle gewesen sei: „Es kam nicht so selten vor, dass ein Rind sich ein Bein brach.“

Karl Hoffmann freilich war eigentlich kein Fleischer, sondern Eisenbahner. Er fing als Werkzeugschlosser an, wurde dann Heizer, und schließlich steuerte er für die Bahn Dampflokomotiven. Und in seiner Funktion als Lokführer war Hoffmann noch vor seiner Tätigkeit als Hilfs-Fleischer an recht dramatischen Geschehnissen beteiligt, die älteren Hoyerswerdaern als Teil der Stadtgeschichte wohlbekannt sind. „Er hat den letzten Zug aus Hoyerswerda herausgefahren“, berichtet sein Enkel.

Die Evakuierung der Stadt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs hat die langjährige Museumsdirektorin (1975 bis 1990) Helga Müller in ihrem 2008 erschienenen Buch „Hoyerswerda – mein Leben“ geschildert: „Unser Zug stand noch lange auf dem Bahnhofsgelände. So, als wollten die Eisenbahner wie Kapitäne als Letzte die Stadt verlassen. Fast graute schon der Morgen des 19. April, die Panzer rollten – ganz deutlich hörbar – von Bergen aus auf die Stadt zu, da setzte sich endlich unser fahrbares Notquartier in Bewegung. Auf schmalen Doppelstockpritschen hatten alle Familien ihren Platz. [...] In der Mitte hielt Frau Ullmann in einem eisernen Kanonenofen die Glut. Ein mindestens acht Liter fassender Kochtopf darauf versprach uns sogar warmes Essen.“ Vier Tage später endete die Fahrt des Zuges vor Falkenberg. Laut Margot Ruhla, damals 14-jährig, war in Zeischa bei Bad Liebenwerda Schluss. „Plötzlich ging die Tür auf, und ich sah eine Pistole.“ Es sei ein sowjetischer Soldat gewesen, der den Flüchtlingen später ein Brot vorbeigebracht habe. Margot Ruhla weiß auch noch, dass auf dem Nachbargleis ein Zug mit französischen Soldaten gestanden hat. Diese wiederum hätten wohl bei der Plünderung eines nahegelegenen Geschäftes erbeutete Süßigkeiten an die Kinder verteilt.

Ihr Vater Karl Hoffmann war später für die Besatzungsmacht so wichtig, dass er extra einen Ausweis bekam, der sein Fahrrad vor einer Beschlagnahme schützte. Die in Deutsch und Russisch ausgefüllte Pappkarte mit Polizei-Stempel bewahrt die Familie bis heute auf. Sie ist 1947 ausgestellt, in jenem Jahr, aus dem auch das Markt-Foto mit den Kühen stammt. „Er hatte immer einen Witz auf den Lippen“, erinnert sich Karl Hoffmanns Enkelin an ihren Großvater, der nach der Fleischerei-Episode ins angestammte Gewerk zurückkehrte.

1981 widmete die Lausitzer Rundschau dem damals 79-Jährigen einen Artikel zur Würdigung seines 50. Dienstjubiläums als Eisenbahner. „Zuverlässig brachte er Güter und Reisende ans Ziel, hat Millionen Kilometer mit seiner Dampflok zurückgelegt. Am Tag der Rente übergab er den Lokführerstand an Jüngere, legte aber die Hände nicht in den Schoß. Am Schraubstock in der technischen Abteilung macht dem erfahrenen Eisenbahner so leicht keiner was vor“, schrieb LR-Volkskorrespondent August Metasch. Bis 1988 sei Hoffmann in der Schlosserei des Bahnbetriebswerkes tätig gewesen, so seine Familie. Die Kühe blieben eine Episode. So sehr oft und viel habe er darüber nicht gesprochen.

Karl Hoffmann hatte zumindest zeitweise mit Kühen zu tun.
Karl Hoffmann hatte zumindest zeitweise mit Kühen zu tun. © Foto: privat

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