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Weltberühmt in Hoyerswerda

Die engste Straße Hoyerswerdas und wohl auch die kürzeste. Zum Deutschland-/Weltrekord reicht es aber nicht – eine nicht all zu ernste Betrachtung.

Von Uwe Jordan
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Rekordverdächtig in Sachen Miniatur: Hoyerswerdas Kleine-Bleiche.
Rekordverdächtig in Sachen Miniatur: Hoyerswerdas Kleine-Bleiche. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Einst wähnte ich, die Kurt-Klinkert-Straße, 163 Schritte (was bei einer Schrittlänge von etwa 75 Zentimetern also etwa 125 Meter macht) sei die kürzeste in ganz Hoyerswerda. Doch die Kleine-Bleiche (unter-) läuft ihr den Rang ab: Ganze 27 Schritte (20 Meter) lang; entscheidender aber: ganze 119 Zentimeter breit und für den Kraftverkehr gänzlich ungeeignet.

Kleine-Bleiche oder Kleine Bleiche

Freilich ist das nicht die eigentliche Kleine Bleiche, die, von einem toten Ende im Westen, gut 220 Meter nach Osten als ganz normales Weglein verläuft und dort auf die Spremberger Straße trifft. Die hier gemeinte Kleine Bleiche ist deren Süd-Nord-Nebenast; ganz genau gesagt: der Engpass, der von der Grünstraße aus zwischen deren Gehöften 16 und 17 zur eigentlichen Kleinen Bleiche verläuft.

Selbst Radfahrern wird vor diesem Spalt das Absteigen vorgeschrieben (woran sich allerdings die wenigsten halten). Fenster zeigen nicht zu ihm hinaus; nur ein als Graffiti angedeutetes in seiner Mitte, überschrieben mit „Obelix“. Der hätte zwar einerseits Mühe, hier hindurchzupassen, könnte anderseits mit seinen herkulischen Kräften die Häuser auseinanderdrücken – aber dann wär’s ja keine Kleine-Bleiche mehr. Wobei die Schreibweise auf dem Schild, siehe rechts oben, Rätsel aufgibt: Ist mit der Benennung Nicht-Größe gemeint? Dann müsste da aber stehen: „Kleine Bleiche“. So, wie es jetzt ist, „Kleine-Bleiche“, hieße es, die Bleiche sei zugehörig einem Manne oder einer Frau namens Kleine. Jedoch: Wäsche bleichen konnte man auf diesem schmalen, dunklen Stück Hoyerswerda kaum; höchstens im Park dahinter an der großen „Kleine Bleiche“ wie sie in den Stadtplänen ganz prosaisch gelistet ist.

Auf der Suche nach noch Kürzerem

Egal, wie – gelinde Hoffnung stellt sich ein, es möge eine nicht nur in Hoyerswerda rekordverdächtige Verkehrsader sein. Also heißt es, um Gewissheit zu erlangen, recherchieren: Gibt es in Deutschland; ja: Europa oder gar in der Welt eine noch kürzere, engere Verkehrsader? Ja, gibt es. Leider.

Wobei deutscher, Europa- und Weltrekord in eins fallen. Die Spreuerhofstraße ist eine Gasse in Reutlingen (Baden-Württemberg). Sie ist zwar mit knapp 50 Metern länger als ihre Hoyerswerdaer Mitbewerberin – aber sie gabelt sich an ihrem nördlichen Ende um drei aneinandergebaute Häuser, an denen ihr westlicher Arm laut Guinnessbuch (2007) der Rekorde die „engste Straße der Welt“ bildet. Ihre Breite beträgt dort durchschnittlich ganze 40 Zentimeter, an ihrer engsten Stelle sogar nur 31 – eine Lineal-Einheit.

Auch Vrbnik und Prag unterliegen

Da kann die Klancic-Gasse im kroatischen Vrbnik (auf der Insel Krk) mit ihren 43 Zentimetern nicht mit, auch wenn sie Vrbnik-Liebhaber gern als „wahrscheinlich engste Gasse der Welt“ bezeichnen. Was der Hoyerswerdaer Lokalpatriot natürlich auch von der Kleinen Bleiche anzunehmen geneigt ist. Aber leider gilt wohl, leicht abgewandelt, für den hiesigen Engpass, was der Kabarettist Uwe Steimle einst behauptete: „In Dresden bin ich weltberühmt“; also: in Hoyerswerda ist die Kleine Bleiche weltberühmt. Man müsste schon eine neue Kategorie ausklügeln, um den Eintrag ins Buch der Rekorde zu erzwingen.

Mit dem Attribut „originellste“ wird es freilich auch nichts. Denn die originellste engste Gasse, eigentlich eine Treppe, befindet sich wohl in Prag auf der Kleinseite („Mala Strana“), U Lužického semináře, unweit der Karlsbrücke: Sie führt zum Eingang des Restaurants „Čertovka“ („Teufelsbach“), ist an ihrer engsten Stelle 50 cm breit, gibt also gerade mal einer Person Platz und kann (darf) nur benutzt werden, wenn man an der Fußgänger-Ampel am jeweiligen Ende „Grün“ angefordert und bekommen hat.

Geschichten aus der Unterwelt

Da hat Hoyerswerda mit seinem schlichten „Fußweg“-Schild noch reichlich Luft nach oben. Ein Kollege erinnert sich vom Hörensagen, die Gasse sei früher von Flüchtigen genutzt worden, um die Polizei abzuschütteln: Mopeds und Fahrräder passten durch, ein Polizeiauto nicht. Aber wer verirrt sich heute schon in böser Absicht hierher? Ich hoffe: niemand. Und gegen ungebetene Besucher im schwarzen Kittel gibt‘s ja, siehe die Bilder unten, den Obelix-Zauberspruch.

Obelix-Behauptung einerseits: Kleine Bleiche Hoyerswerda, Blick vom Norden nach Süden zur Grünstraße hin. Hier: Haus Grünstraße Nr. 17, unten die 16. Über dem schwarz-silberfarbenen Graffiti an der Wand von Nr. 17 ist der aufgesprühte Schriftzug „Obelix“
Obelix-Behauptung einerseits: Kleine Bleiche Hoyerswerda, Blick vom Norden nach Süden zur Grünstraße hin. Hier: Haus Grünstraße Nr. 17, unten die 16. Über dem schwarz-silberfarbenen Graffiti an der Wand von Nr. 17 ist der aufgesprühte Schriftzug „Obelix“ © Foto: Uwe Jordan
... aber, Obelix-Behauptung andererseits: dieselbe Kleine Bleiche im Blick vom Süden, also von der Grünstraße her nach Norden, wo sich das weitläufige Park-Areal anschließt. Ob die Schrift an der Wand als Warnung gedacht ist; Wildschweine, Obelix‘ Lieblin
... aber, Obelix-Behauptung andererseits: dieselbe Kleine Bleiche im Blick vom Süden, also von der Grünstraße her nach Norden, wo sich das weitläufige Park-Areal anschließt. Ob die Schrift an der Wand als Warnung gedacht ist; Wildschweine, Obelix‘ Lieblin © Foto: Uwe Jordan