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Wenn die Pandemie tänzerisch verarbeitet wird

In con.takt.los zeigt die tanzkompanie golde g., wie die Zeit der Kontaktbeschränkungen das Miteinander verändern kann.

Von Juliane Mietzsch
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con.takt.los ist eine Produktion der „tanzkompanie golde g.“ in Zusammenarbeit mit „ars momento e.V.“, die im Großen Saal des Bürgerzentrums aufgeführt wurde.
con.takt.los ist eine Produktion der „tanzkompanie golde g.“ in Zusammenarbeit mit „ars momento e.V.“, die im Großen Saal des Bürgerzentrums aufgeführt wurde. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Die Pandemie hat den Kunst- und Kulturschaffenden viel abverlangt. Doch lange hat es nicht gedauert, bis eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema eingesetzt hat. So verarbeitet auch die Cottbuser tanzkompanie golde g. diese Zeit der Kontaktbeschränkungen in einer Choreographie von Golde Grunske, die 1975 in Leipzig geboren wurde. Das aktuelle Stück con.takt.los wurde kürzlich unter anderem in der KulturFabrik aufgeführt.

Wenn Blicke verbinden

Während das Publikum die Plätze einnimmt, schreiten vier Tanzende zunächst zu lebhaften Hintergrundgeräuschen durch den Raum. Sie bleiben ab und zu bewusst stehen, und nehmen Blickkontakt zu den Gästen auf. Schon ist eine gewisse Vertrautheit hergestellt.

Noch immer ist die Distanz, das Abstandhalten ein wichtiges Gebot in der Pandemiebekämpfung. Doch das Geschehen auf einer Bühne – besonders beim Tanz – lebt auch davon, dass Nähe herrscht, Menschen sich berühren. Aber Interaktion funktioniert auch trotz Entfernung – wie in con.takt.los gezeigt wird.

Gemeinsam mit dem Ensemble, bestehend aus Ronja Häring, Shuang Liang, Konstantinos Spyrou und Leticia Taguchi, wurde die Choreographie entwickelt. Verantwortlich für Musik und Sounddesign ist Konrad Jende, der unter anderem als freischaffender Komponist und Produzent arbeitet. Er hat eine Kulisse geschaffen, die die Bewegungen antreibt, den Tanzenden keine Ruhe lässt. Ein gewöhnliches Uhrenticken lässt sich erkennen, aber auch elektronische Melodien führen dazu. Sie wirken gehetzt und erschöpft. Das Stück stellt die These auf, dass die Menschen „in einer kontaktlosen Zeit – fast schon physisch spürbar – zurückgehalten werden“ und fragt, „wohin also mit all der Energie, wohin mit den Sorgen“.

Tanz verarbeitet aktuelle Themen

Bereits in vorangegangen Stücken wurden von der freiberuflichen Tänzerin und Choreographin Golde Grunske aktuelle Themen verarbeitet. Mal geht es dabei um die im Strukturwandel befindliche Heimat, um Durchgangsheime in der DDR oder einfach zwischenmenschliche Beziehungen im Alltag. Getanzt wird häufig an eher ungewöhnlichen Orten, wie zum Beispiel in einer Kunstausstellung.

In con.takt.los sind die Agierenden immer wieder einem Takt unterworfen, wiederholen Bewegungsabfolgen bis zur scheinbaren Kraftlosigkeit. Ein Ende wird herbeigesehnt. Die Tänzer müssen viel Energie aufwenden, um einige Partien durchzuhalten.

Auf Szenen, die jeder für sich durchlebt, folgen einige Versuche der Annäherung. Körper strecken und verbiegen sich, um dem Gegenüber nur ein kleines bisschen näherzukommen. Was zuerst scheitert, gelingt wenig später. Doch eine gewisse Befremdlichkeit verkörpern die Tanzenden dabei. „Werden wir in unserer körperlichen Wahrnehmung im Alltag sensibler, aufmerksamer, behutsamer oder stumpfen wir eher ab?“, ist eine der Kernfragen, die das Stück behandelt.

Was macht Distanz mit uns?

Die Kontaktaufnahme ist eine Art Katharsis. Was langsam mit dem Berühren der Ellbogen beginnt, geht über auf die Handflächen, endet in Umarmungen. Eine innige Haltung, die etwas selten geworden ist, aber in diesem Augenblick genau richtig zu sein scheint. Die beiden Tanzenden geben sie scheinbar erleichtert hin, während ein anderes Paar noch um das gegenseitige Zutrauen kämpft, mit der Nähe hadert.

Die Bestuhlung im Saal des Bürgerzentrums fällt eben aufgrund der Abstandsgebote klein aus, etwa 30 Gäste finden Platz. Doch Künstler wieder so nah erleben zu können, ist ein positiver Aspekt dieses Umstandes. Die Spannung im Raum ist scheinbar groß, als der letzte Ton verklungen und das Licht erloschen ist. Der Applaus lässt etwas auf sich warten. Das etwa fünfzig minütige Stück hat einige Gedanken hinterlassen, die das Publikum eifrig miteinander bespricht, bevor der Saal verlassen wird. Insgesamt fünf Mal war con.takt.los in der Region zu sehen. Neben Hoyerswerda in Spremberg, Cottbus und Lübbenau.

Das Projekt wurde mit Unterstützung des Vereins „ars momento e.V.“ realisiert, der sich 2018 in Cottbus gründete und seitdem für die Durchführung und Förderung von Tanzprojekten im Gebiet des Zeitgenössischen Tanzes einsetzt.