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Wie die Sorben Zejler und Smoler in Erinnerung behalten

Der Weißkollmer Ortschronist Werner Thomas engagiert sich seit langem für Kultur und Geschichtspflege. Heute wird er 90.

Werner Thomas setzt sich seit vielen Jahren für Kultur und Geschichtspflege in seinem Heimatort Weißkollm und im Umland ein. Der frühere langjährige Lehrer erforschte auch die Geschichte des Weißkollmer Schlosses.
Werner Thomas setzt sich seit vielen Jahren für Kultur und Geschichtspflege in seinem Heimatort Weißkollm und im Umland ein. Der frühere langjährige Lehrer erforschte auch die Geschichte des Weißkollmer Schlosses. © Foto: Andreas Kirschke

Weißkollm. Geschichte kann eine tiefe Freude und Leidenschaft sein. „Für viele Ereignisse und Epochen lassen sich vor Ort in Weißkollm noch Beispiele finden. Die Weltgeschichte im Großen spiegelt sich oft in der Ortsgeschichte im Kleinen wider. Das reicht von der Frühgeschichte mit ersten Hinweisen über den Ort über die spätere Zeit der Bauernaufstände im Mittelalter bis zur industriellen Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert“, weiß der Weißkollmer und Chronist Werner Thomas. 1994 gehörte er zu den Gründern des Fördervereins der Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus Lohsa. Zuerst engagierte er sich als Geschäftsführer und von 1997 bis 2001 als Vorsitzender. Noch bis heute bringt er sich ein. Am heutigen 15. Februar feiert er 90. Geburtstag.

Die Neugier war früh geweckt

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In Waldau (bei Bunzlau) wuchs Werner Thomas auf. Dort ging er zur Schule. Später lernte er in Lauban am Gymnasium. Im Mai 1945 floh die Familie und suchte in den Kriegswirren eine neue Heimat. Zunächst lebten sie in Mortka. „Mein Vater war damals Bäcker. Er fand Arbeit in Litschen. So zogen wir dorthin um“, erzählt Werner Thomas. In Litschen wohnte die Familie bei Familie Nagel. So lernte Werner Thomas die jungen Brüder Heinz und Jan Paul Nagel kennen. Oft erzählten deren Eltern über ihre sorbischen Wurzeln. Sie erzählten rege von der Geschichte und Kultur der Sorben. Im Alltag redeten Nagels sorbisch miteinander. Werner Thomas nahm all dies in sich auf. Er verinnerlichte sorbische Worte und Wendungen. Er fragte bald tiefer und intensiver nach. „Meine Eltern erzogen mich zur Achtung vor jedem Menschen. Weltoffen. Tolerant. Ohne Vorurteile. Das nahm ich mir an“, erinnert er sich. Bei seinem Vater lernte er das Bäckerhandwerk. Er beherzigte dessen Rat, zuerst einen handfesten Beruf zu ergreifen.

Der Geschichte auf der Spur

In der Volkshochschule lernte Werner Thomas später bis Klasse 10 weiter. Neulehrer wollte er werden. Nach dem grausamen Zweiten Weltkrieg sollte endlich ein Friedensstaat entstehen. „Ich wollte mithelfen, ihn aufzubauen. Ich wollte jungen Menschen Lebensziele, Werte und Ideale mitgeben“, erzählt der heutige Weißkollmer. Von 1951 bis 1953 unterrichtete Werner Thomas also in Burghammer als Neulehrer. Ab 1953 lehrte er dann in Weißkollm Deutsch, Musik, Geschichte und Geographie. 1954 bis 1957 und 1961 bis 1991 leitete er in Weißkollm die Fritz-Kube-Oberschule.

Vor Ort betreute er das Schüler-Orchester. Mit der AG „Junge Historiker“ ergründete er die Heimatgeschichte. Dabei stieß er immer wieder auf die sorbischen Patrioten wie den Pfarrer, Dichter, Redakteur, Landwirt und Schulinspektor Handrij Zejler (1804-1872) und den Verleger, Volkskundler und Sprachwissenschaftler Jan Arnošt Smoler (1816-1884). „Ich konnte zwar selbst kein Sorbisch. Doch von Zejler las ich Gedichte wie «Sonne – Freiheit» und «Den Gegnern des Fortschritts» in deutscher Übertragung. Zejlers sozialkritische Sprache, seine klare Haltung, seine Offenheit, sein Bekenntnis als Sorbe erstaunten mich. Dass ein Pfarrer so mutig seinen Standpunkt vertrat, begeisterte mich“, erzählt Werner Thomas.

„Handrij Zejler setzte sich für die Rechte der sorbischen Bauern ein. Er gab ihnen Hinweise für die tägliche Arbeit, zum Beispiel für die Düngung und für den Obst- und Gemüse-Anbau. Diese Vielfalt in seinem Wirken, die Verbundenheit mit dem Volk, faszinierten mich. Von den Verdiensten um die sorbische Sprache erfuhr ich erst später.“ Das war, als Werner Thomas mit seinen Schülern der 6. Klasse Handrij Zejlers Fabeln las. Er entdeckte eine neue Seite dieser so vielseitigen Persönlichkeit.

Leidenschaftlicher Mitstreiter

Von Handrij Zejlers Mitstreiter Jan Arnošt Smoler erfuhr Werner Thomas erst später durch Jan Paul Nagel. „Smolers Vater war in der Alten Schule Lohsa Lehrer. Jan Arnošt Smoler selbst wuchs dort auf. Die Familie wohnte in der Alten Schule“, erzählt der Weißkollmer. Smoler weckte durch sein Wirken wieder Stolz und Nationalbewusstsein bei den Sorben. Er galt als wichtiger Koordinator und Organisator des sorbischen Kultur-Lebens in der Oberlausitz.

„Lohsa kann auf diese zwei sorbischen Patrioten, Zejler und Smoler, sehr stolz sein. Ihr Wirken vor Ort ist ein immenser Schatz. Dies den Menschen in Lohsa und im Umland nahezubringen, war immer unser Anliegen“, erinnert sich Werner Thomas an die Gründung des Fördervereins Begegnungsstätte Zejler-Smoler-Haus Lohsa e. V. Initiator und Motor war Komponist Jan Paul Nagel (1934-1997). In Werner Thomas, der 1992 in Ruhestand ging, fand er einen leidenschaftlichen Mitstreiter.

Im Verein setzte sich Werner Thomas zunächst für den Aufbau der Ständigen Ausstellungen „Handrij Zejler“, „Jan Arnošt Smoler“ und „Korla Awgust Kocor“ ein. Es folgten Ständige Ausstellungen wie „Schlösser und Gutswirtschaften in und um Lohsa“ sowie „Lohsaer Persönlichkeiten“. Seit 1991 organisierte Werner Thomas auch Sonderausstellungen. Bald gehörte die jährliche Weihnachtsausstellung dazu. „Gerade durch die Sonderausstellungen erreichten wir die gesamte Bevölkerung“, erzählt der Weißkollmer. „Durch die Leihgaben erreichten wir, dass sich viele für die Themen im Haus interessierten und immer wiederkamen.“

Viele Mitstreiter gefunden

Bald fand der Förderverein zuverlässige Mitstreiter in den umliegenden Dörfern, wie Reinhard Melcher sowie Dorothea und Hans-Jürgen Menges in Litschen, Günter Wenk in Driewitz, Siegfried Dankhoff in Friedersdorf, Uwe Donath in Groß Särchen und Roland Trentzsch in Hermsdorf (Spree). Werner Thomas regte zugleich die Gestaltung einer Infotafel zur Geschichte des Handrij-Zejler-Denkmals an. Er verfasste Texte für Broschüren über weitere Lohsaer Persönlichkeiten wie Jurij Malink, Jan Haješ und Korla Błažij. Er schrieb über „Verschwundene Orte und Ortsteile um Lohsa“. Zuletzt unterstützte er die Neugestaltung der Heimatausstellung im Zejler-Smoler-Haus und die Neugestaltung der Ausstellung über die Lohsaer Persönlichkeiten. „Wenn ich gebraucht werde, bin ich da. Der Verein liegt mir am Herzen“, bekennt der Weißkollmer und unterstreicht stolz: „Heute ist das Zejler-Smoler-Haus ein weltoffenes, geachtetes Haus. Eine vielseitige Stätte für Kultur, für Bildung und vor allem für Begegnung.“

Eine handschriftliche Chronik

Für Weißkollm schrieb Werner Thomas die Chronik auf. Dabei erfasste er die Ursprünge des Ortes. Immer wieder nahm er neue Punkte mit auf, wie unter anderem die Geschichte der Vereine und des Sports in Weißkollm. Inzwischen übergab er die Chronik an den Ortschaftsrat und an die Gemeinde Lohsa. Bislang liegt die Chronik nur handschriftlich vor. Lohnenswert wäre, sie aufzuschreiben und eines Tages in gedruckter Fassung herauszugeben. „Manche Punkte sind noch gar nicht beleuchtet. Oder sie müssten ergänzt oder sogar völlig neu geschrieben werden“, meint der Weißkollmer. „Erneuert werden müsste zum Beispiel der Abschnitt über die Entstehung des Ortes. Neu eingefügt werden müsste ein Kapitel über die vielfältigen Vereine in Weißkollm. Bei uns im Ort gab es zum Beispiel einen Mandolinen-Verein, einen Wander-Verein und sogar einen Spielmannszug.“ Werner Thomas hofft auf die Fortführung der Chronik.

Heute gehört er dem im September 2020 von 16 Interessierten gegründeten Kultur- und Heimatverein Turbine Weißkollm e. V. an. Dieser setzt sich für die Rettung und für den Erhalt des historischen Turbinenhauses an der Spree ein. „Es ist – außer der früheren Schallplatten-Fabrik – das letzte verbliebene historische Gebäude im Ort. Es ist zugleich Orts-Identität, Heimatgeschichte und Industriegeschichte. Das darf uns nicht verlorengehen.“

Bis ins hohe Alter ist er aktiv. Im Alltag hält er sich vor allem durch die tägliche Rad-Tour, durch Garten-Arbeit, durch Lesen und Rätsel fit. Immer wieder schreibt er Wissenswertes über Weißkollm auf. Dazu gehören Sagen und Begebenheiten im Ort. Eines Tages will er die Erkenntnisse in einem Heft zusammenfassen.

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