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Wie viel Einblick die Sicht verändert

Jakob Handrick hat mehrere Standbeine, ist gewissermaßen ein Multitalent – vor allem aber neugierig.

Jakob Handrick ist sowohl in der ganzen Welt unterwegs, als auch in seiner Heimatregion zwischen Spremberg und Hoyerswerda verankert und aktiv.
Jakob Handrick ist sowohl in der ganzen Welt unterwegs, als auch in seiner Heimatregion zwischen Spremberg und Hoyerswerda verankert und aktiv. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Ein ausgeglichenes Leben scheint eine wahre Herausforderung zu sein. Da wird schnell von Work-Life-Balance, dem ausgewogenen Verhältnis von beruflichen Anforderungen und privaten Bedürfnissen, gesprochen: Frei- und Arbeitszeit in Einklang miteinander verknüpfen, körperlich und geistig gut ausgelastet sein. Diesem Zustand ist Jakob Handrick scheinbar durch verschiedene Umstände und Entscheidungen etwas näher gekommen, obwohl er nun mehr verantwortet als je zuvor. Der gebürtige Spremberger führt heute ein Leben zwischen seiner Heimatstadt, Hoyerswerda, Leipzig und einigen Weltmetropolen.

Firmengründung mit 20 Jahren

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Während der Schulzeit am Lessing-Gymnasium Hoyerswerda war Jakob Handrick in der Schülerfirma „Pupils on Stage“ aktiv, hat sich dort in der Organisation von Veranstaltungen eingebracht. Er scheint in dieser Aufgabe aufgegangen zu sein, denn aus diesen Erfahrungen heraus hat er ein Unternehmen gegründet – das war im Sommer 2018, zwei Jahre nach seinem Abitur. Als „Mr. Klassenfahrt“ erstellt er seitdem für schulische Reisen individuelle Programme. „So eine Gründung ist unglaublich spannend“, erklärt Jakob Handrick all die Dinge, die zu berücksichtigen sind: Gewerbeamt, Steuerbüro, Internetpräsenz. „Und wie kalkuliere ich, dass ich am Ende noch etwas verdiene?“ Er nimmt sich jeweils viel Zeit dafür, die Klassen kennenzulernen. Die Reisen, die er dann anbieten kann, sind nach seinen Worten „nicht aus dem Katalog“. „Es ist unsere Stärke, dass wir auf individuelle Wünsche eingehen können“, benennt er zum Beispiel die Berücksichtigung von speziellen Interessen. „Habe ich eine sportaffine Klasse, dann kann es eine Tour auf Rädern durch die entsprechende Stadt geben.“ Es geht darum, aus den gegebenen Rahmenbedingungen „etwas zu machen“. Der junge Mann weiß jedoch genau, dass auch der rechtliche Rahmen um eine Klassenfahrt bedeutend ist und spielt beispielsweise auf Reiserücktrittsversicherungen an. Zuletzt war er vor allem mit der Rückabwicklung von geplanten Ausflügen beschäftigt, was er als großen Aufwand beschreibt. Doch die letzte Zeit war ebenso gut, um alles für den bevorstehenden Neustart vorzubereiten. „Ich gehe gestärkt daraus hervor und habe die Zeit genutzt, um andere Dinge zu probieren“, erklärt Jakob Handrick.

Dazu zählt auch die Tätigkeit als Fahrer beim Rettungsdienst der Malteser in Leipzig. Die Organisation hatte in Leipzig groß geworben, erinnert sich Jakob Handrick. Nun ist er an drei Tagen im Monat für je 24 Stunden in Bereitschaft, um bei Bedarf, medizinisches Personal, Blut oder Organe zu transportieren. Vor Beginn jeder Schicht um zehn Uhr holt sich der in Leipzig Wohnende ein Fahrzeug an der Rettungswache ab. „Ich kann dennoch etwas anderes machen, wenn ich dann doch nicht im Einsatz bin“, sieht er als Vorteil dieser Tätigkeit. Nach einer Einweisung und einigen Monaten Erfahrung weiß er nun, dass „Organspenden logistisch unglaublich aufwendig sind“. Die abwechslungsreiche Tätigkeit macht dem Spremberger Spaß und bringt die Freude mit sich, helfen zu können. Viele Menschen können an so einem Vorgang beteiligt sein, dennoch sieht sich Jakob Handrick als „das kleinste Rad“.

Seit der Volljährigkeit hat der ehemalige Lessing-Schüler eine Patientenverfügung. „Die Tragweite war mir damals nicht bewusst, aber jetzt kenne ich den Prozess. Jeder sollte einen Organspendeausweis haben.“ Er sieht viele gute Gründe, die dafür sprechen.

Weg vom „exzessiven Fliegen“

Doch all das ist nur möglich, weil er seinen Job als Flugbegleiter nicht mehr in Vollzeit ausführt. Als in ihm das Fernweh geweckt war, hat er Ende 2017 die Ausbildung aufgenommen und die vorherige Tätigkeit als Werkstudent bei Hamburger Rieger in der Papierfabrik Spremberg aufgegeben. „Plötzlich war mein Alltag nicht mehr, mit dem Fahrrad in den Industriepark Schwarze Pumpe zu fahren, sondern an einem Tag Segeln und dann eine Schneeschuhwanderung.“ Vier bis fünf Langstrecken-Paare waren im Monat üblich. Der Flugbegleiter nennt das Ganze heute „glamouröses ‚Work and Travel‘ “. Das Fliegen hat einerseits die Kenntnisse in der englischen Sprache vorangebracht, doch eben nicht endlos. Ständig gab es eine neue Zusammensetzung in der Crew. „Ich kann mich schnell auf neue Situationen und Leute einstellen“, ist das positive Fazit aus dieser Erfahrung. Doch ein Jetlag, der körperlich beanspruchend ist, gehörte eben auch dazu.

Davon hat sich Jakob Handrick dann verabschiedet und sein Leben neu ausgerichtet. Hin zu einem besseren Ausgleich zwischen körperlicher und geistiger Herausforderung. „Mir wird schnell langweilig“, beschreibt der junge Mann sich selbst ziemlich passend. So gehören seit etwa einem Jahr auch Moderationstätigkeiten zur beruflichen Ausrichtung. Das kam auf, als viele Veranstaltungen gezwungenermaßen online stattfinden mussten. Diese Arbeit läuft über einen Münchner Verlag. Es gab zuletzt Fortbildungen, Seminare und Kongresse zu den Themen der veröffentlichten Bücher, ist das Gebiet schnell umrissen. Auch hier hat sich die Fähigkeit gezeigt, schnell mit neuen Inhalten und Anforderungen umgehen zu können. Etwa 70 Veranstaltungen gab es für ihn im vergangenen Jahr, schätzt Jakob Handrick ein. Neben einer neuen Beschäftigung, hat er auch ein weiteres Einkommen gefunden – in einer Zeit, in der das Reisen schwierig war und bleibt. Denn er weiß auch, dass das zuletzt ein großes Privileg war, er erinnert sich, „fast alleine im Vatikan“ gewesen zu sein. Dennoch ist seine Erkenntnis, dass er nicht zum „exzessivem Fliegen zurück“ möchte.

Nun sind der monatliche Flug und die Malteser-Dienste die, wie Jakob Handrick sagt, „beschränkenden Faktoren“. Alles andere lässt sich flexibel nebenher gestalten, „frei organisieren“. Das empfindet der Spremberger als sehr angenehm. Kürzlich ist noch eine weitere Tätigkeit hinzugekommen, die ihn nun wieder öfter nach Hoyerswerda führt, wo er viele Jahre zur Schule gegangen ist. Hier arbeitet er an Wachstumsprojekten und verantwortet die Social-Media- und Marketing-Aktivitäten der Unternehmen Friseur digital und Haarschneider. Selbst Kunde in dem Salon ist er auf die Suche nach Unterstützung aufmerksam geworden und verstärkt nun das Team um Heiko Schneider.

All diese Arbeitsbereiche „erlauben mir einen interessanten Blick auf die Welt und ihre Zusammenhänge“, erklärt der 23-Jährige. „Wir leben eigentlich in einer perfekten Welt, das wird zu wenig gesehen. Ich sehe hier Probleme und bin dann eine Woche später in Indien.“ Das hat seine Sichtweise nachhaltig verändert.

Als Flugbegleiter in Vollzeit hat der Spremberger so einige Highlights gesehen, z.B. das Taj Mahal in Indien.
Als Flugbegleiter in Vollzeit hat der Spremberger so einige Highlights gesehen, z.B. das Taj Mahal in Indien. © Foto: privat
Einige Tage im Monat ist Jakob Handrick ehrenamtlich unterwegs – transportiert auch schon mal Organe.
Einige Tage im Monat ist Jakob Handrick ehrenamtlich unterwegs – transportiert auch schon mal Organe. © Foto: Malteser

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