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„Wir sind die, die Zeit haben“

Ein Blick in die Hospizarbeit der Malteser, die trotz Beschränkungen versuchen, Nähe und Verbundenheit herzustellen.

Die Dienststelle in der Merzdorfer Straße bietet Platz für Gruppentreffen und den Trauerkreis, aber zurzeit wird der Kontakt auf anderem Wege gehalten.
Lydia Richter (l.) und Sabine Mischner koordinieren gemeinsam den Ambulanten Hospizdienst.
Die Dienststelle in der Merzdorfer Straße bietet Platz für Gruppentreffen und den Trauerkreis, aber zurzeit wird der Kontakt auf anderem Wege gehalten. Lydia Richter (l.) und Sabine Mischner koordinieren gemeinsam den Ambulanten Hospizdienst. © Foto: Juliane Mietzsch

Hoyerswerda. Zu jeder Zeit sterben Menschen. Das ist niemals leicht. Und auf dem letzten Weg zur Entlastung beizutragen, ist ein Grundbaustein in der Hospizarbeit. Genauso ist Nähe ein wichtiger Bestandteil. Die aktuellen Einschränkungen – auch sozialer Kontakte – wirken sich somit auch maßgeblich auf die Arbeit des Malteser Hilfsdienstes und seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in diesem Bereich aus.

Wie kann in dieser Zeit trotzdem eine würdige Begleitung bis zuletzt ermöglicht werden? Ein Besuch beim Hospizdienst in Hoyerswerda gibt Antworten darauf und zeigt Chancen auf.

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In der Dienststelle in der Merzdorfer Straße teilen sich Lydia Richter und Sabine Mischner das Büro und die Aufgaben. Das war nicht immer so, aber die beiden Koordinatorinnen sind froh, einander zu haben. „So können wir unsere Talente gut ausspielen“, freut sich Sabine Mischner. Sie ergänzt, dass man bei dieser Arbeit auch gut auf sich selber gucken muss und so achten sie gegenseitig aufeinander. Entscheidungen stimmen sie gemeinsam ab, wobei eine zweite Meinung und der Austausch Sicherheit gibt. Die Arbeitszeiten, der Urlaub und die Bereitschaft zu teilen, ist eine große Erleichterung, denn „Anrufe können immer kommen“. Auch das macht diese Arbeit aus – Unvorhersehbarkeit. Doch sie sind gut mit anderen Dienststellen verknüpft und können sich austauschen, von den Erfahrungen profitieren.

Das ist gerade im Augenblick sehr hilfreich, wenn fast täglich neue Anordnungen und Maßgaben im E-Mail-Postfach landen, die berücksichtigt werden müssen. Der Selbstschutz mit verschiedenen Maßnahmen steht immer an erster Stelle, denn besonders zurzeit ist jeder auch für andere in seinem Umfeld verantwortlich.

All das ist die Grundlage für die Arbeit der Ehrenamtlichen, ohne die es keinen Hospizdienst geben würde. „Wir können sie nur ausrüsten und unterstützen. Die Begleitung machen allein die Helfer“, erklärt Lydia Richter. Dabei müssen sich beide Seiten immer aufeinander verlassen können.

Hospizarbeit und Sterbebegleitung können dabei ganz vielfältige Dinge meinen. Wenn eine Anfrage vorliegt, dann wird im ersten Gespräch geklärt, was überhaupt gewünscht ist. Es gibt Fragen nach dem Umfeld und dem zeitlichen Rahmen. Danach machen sich die Koordinatorinnen Gedanken darüber, wer diese Aufgabe gut erfüllen kann. Wer passt? Sabine Mischner erklärt: „Wir haben die Ehrenamtlichen ausgebildet und kennen sie sehr gut.“

Erleichterung für Angehörige

Doch was hilft in dieser Situation, die das Ende eines Lebensweges bedeutet? Es kann die Gesprächsbereitschaft sein, die Entlastung der Angehörigen, Hilfe bei der Auseinandersetzung mit Leben und Sterben, die Begleitung in der Trauerzeit oder Verwandte zu stärken und auch ihnen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Manchmal genügt es auch, einfach nur da zu sein. In einer Broschüre, die über den Dienst aufklärt, heißt es „Wir wollen Menschen in der letzten Phase ihres Lebens helfen, dass sie ihr Leben bis zuletzt lebenswert gestalten können.“ Ein Satz, der immer große Erleichterung auslöst, wie Lydia Richter weiß: „Wir sind die, die Zeit haben.“

Hat sie einen Ehrenamtlichen gefunden, der die Begleitung übernimmt, dann kann der Erstbesuch auch zu zweit erfolgen, aber dann gibt sie die Tätigkeit aus ihren Händen. Auf etwa 40 Helfer kann sie normalerweise zurückgreifen. Derzeit ist nur die Hälfte einsatzfähig, weil einige altersbedingt selbst der Risikogruppe angehören, Vorerkrankungen haben oder ihre Familien schützen. Dennoch versuchen die beiden Koordinatorinnen, immer zu vermitteln: „Wir sind da, und ihr gehört zu uns.“ Abstand und Nähe sind zurzeit eine Gratwanderung, beschreibt Lydia Richter die Situation. Es gab auch schon infizierte Helfer, die dann selbst Unterstützung brauchten, wobei schon ein Telefonat Abhilfe schaffen kann.

Überhaupt ist es ein Geben und Nehmen. Für die Ehrenamtlichen ist der Kontakt zur Gruppe wichtig, und andererseits gibt es die Perspektive und Hoffnung, zu gegebener Zeit selbst begleitet zu werden. Sabine Mischner gibt zu Bedenken, dass sie ebenfalls eine Art Hospizarbeit nach „innen“ leisten. Die Seelenhygiene ist wichtig und darf bei all dem nicht vergessen werden. Es ist ein bisschen, wie „Staubwischen auf der Seele“, findet Lydia Richter.

Das Ehrenamt ist immer auch mit einer gewissen Freiheit verbunden, sich zurückziehen zu können. „Es wird gut, weil kein Zwang besteht“, so Lydia Richter. Zum einen wird der Dienst kostenfrei angeboten, andererseits ist das so auch mit Grenzen verbunden. Für die Ehrenamtlichen ist die Ausbildung, die ein Dreivierteljahr andauert, kostenfrei, aber außer den Fahrtkosten bekommen sie auch nichts wieder – außer den Erfahrungen. „Wir achten auf eine gute Ausbildung und Weiterbildungsmöglichkeiten“, betont Lydia Richter. In Zukunft soll die Arbeit im Bereich Kinder- und Jugendhospiz auf feste Füße gestellt werden, denn dazu sind Zusatzqualifikationen nötig. Um die bemühen sich die beiden Koordinatorinnen

Zum Gedenken eine Andacht

Gegen Ende des Jahres wird für gewöhnlich eine Andacht für alle Verstorbenen des Jahres abgehalten. Unterstützt von einem Chor wird in einer ruhigen Atmosphäre jeder Einzelne noch einmal beim Namen genannt, ein Licht angezündet und ein Kehrvers gesungen. Dazu sind sowohl die Angehörigen als auch die ehrenamtlichen Begleiter eingeladen. In diesem Jahr musste auf den Chor verzichtet werden, stattdessen kam die musikalische Begleitung von der CD, und es wurde versucht, auch andere Sinne anzusprechen. Die „Andacht mit Hygienekonzept“ schätzen die beiden Frauen als wichtig für alle Beteiligten ein. „Es ist wichtig: Ich denke noch mal an den Menschen, den ich begleitet habe“, erklärt Sabine Mischner die Intention. Und die Helfer konnten sich wenigstens wiedersehen – mit Abstand. Für Lydia Richter war die ungewöhnliche Atmosphäre spürbar, „aber du merkst die Verbundenheit“.

Zweites Jahr ist das schwierigste

Spätestens zum Jahresgedächtnis nimmt Sabine Mischner ein weiteres Mal Kontakt zu Verwandten auf. Denn die Malteser bieten Trauerbegleitung an. Erfahrungsgemäß ist das zweite Jahr nach dem Verlust das schwierigste. Ein Gesprächskreis gibt Trauernden die Möglichkeit, gemeinsam Wege durch diese Zeit zu finden.

Ein gemeinsamer Jahresabschluss fand im Rahmen einer Weihnachtsfeier statt, aber bei jedem zu Hause. Zu diesem Zweck hat Lydia Richter für alle Ehrenamtlichen ein Päckchen geschnürt, das dann zu einem vereinbarten Zeitpunkt geöffnet werden durften. So konnte jeder eine kleine Feierstunde abhalten: Stollen, Kaffee, Lebkuchen, eine Kerze, eine Tasse. Alles versehen mit einem Gruß und auf das Handy kam noch ein Videogruß samt Lied, das kurz zuvor aufgenommen wurde. „Wir machen uns viele Gedanken, wie wir alle zusammenhalten können.“

Ambulanter Hospizdienst des Malteser Hilfsdienstes e. V., Merzdorfer Straße 49,
Tel. 03571 604535

Kontakt: [email protected] / 0172 3750888
[email protected] / 0151 29705780

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