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Zum Ende schließt und fügt sich der Lebenskreis

Pfarrer Matthias Gnüchtel wirkte 40 Jahre in Uhyst an der Spree – Jetzt geht er in den Ruhestand.

Für heutige Verhältnisse ungewöhnlich: Pfarrer Matthias Gnüchtel (65) und seine Frau Veronika (58) wirkten gemeinsam 40 Jahre in Uhyst an der Spree. Jetzt folgt der Ruhestand.
Für heutige Verhältnisse ungewöhnlich: Pfarrer Matthias Gnüchtel (65) und seine Frau Veronika (58) wirkten gemeinsam 40 Jahre in Uhyst an der Spree. Jetzt folgt der Ruhestand. © Foto: Andreas Kirschke

Uhyst an der Spree. Bei Schnee und Eis kam Matthias Gnüchtel im Februar 1981 erstmals nach Uhyst an der Spree. Der junge Vikar suchte das Forsthaus. Christa und Gottfried Unterdörfer begrüßten ihn dort gastfreundlich. „Sie gehörten damals mit zum Gemeindekirchenrat. Er war Lektor und schreibender, dichtender Förster. Regelmäßig hielt er in der Kirchengemeinde Lesegottesdienste“, erzählt Matthias Gnüchtel. „Es war ein Empfang mit aufrichtiger Herzlichkeit.“

Im Pfarramt machte sich der damals 26-Jährige mit seiner 19-jährigen Frau Veronika sogleich an die Arbeit. Seelsorge, Hausbesuche und Predigten standen obenan, ebenso die Christenlehre und Konfirmandenarbeit. „Die pfarramtliche Arbeit hat mir vom ersten Tag an viel Freude bereitet. Sie wurde begleitet durch meinen «Vikariatsvater» Siegfried Fischer, Pfarrer in Klitten“, erinnert sich Matthias Gnüchtel. Seit September 1983 ist er jetzt Pfarrer in Uhyst, nachdem er zuvor durch Bischof Hanns-Joachim Wollstadt in Görlitz ordiniert worden war.

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Schlüsselerlebnis am Großrechner

In Dresden-Klotzsche wuchs Matthias Gnüchtel auf. Seine Mutter war Sekretärin bei Rechtsanwältin Dr. Maria Cordes, der einzigen privat zugelassenen Rechtsanwältin in Dresden. Sein Vater war in der Oberstufe Lehrer für Mathematik und Deutsch. Er hat zuerst in Klotzsche, später in anderen Stadtteilen unterrichtet. An der TU-Dresden lernte Matthias Gnüchtel Facharbeiter für elektronische Datenverarbeitung. Kurz vor dem Ende der Ausbildung saß er während eines Praktikums in der Nachtschicht vor dem russischen Großrechner BSM-6. „Ein Kollege meinte scherzhaft: «Bald hast du ausgelernt. Dann wirst du bis zur Rente hier sitzen ...»“, entsinnt sich der Uhyster. „Einen Moment lang hielt ich inne. Ich sagte mir: «Das ist nicht der Sinn meines Lebens».“

Matthias Gnüchtel erinnerte sich an seine ersten Glaubenserfahrungen. Das war in der Jungen Gemeinde. Am 25. Oktober 1970 weilte er zur Rüstzeit in der „Friedensburg“ in Rathen. Als Leit-Thema aus der Bibel ging es um das Heilige Abendmahl. „Ich war erst 15“, erzählt er. „Ehrfürchtig lasen wir Jugendlichen in der Bibel im Korinther-Brief. Kurz bevor ich beim Gottesdienst das Abendmahl empfing, betete ich inständig. Ich habe damals mein Leben Jesus Christus übergeben. Ich fühlte mich danach unendlich beglückt. Ich sprang vor Freude in die Luft. Das war meine Bekehrung.“

Am 8. November 1973 war Matthias Gnüchtel zu einem Jugendgottesdienst in der Annenkirche Dresden. Dort sprach Hans-Joachim Fränkel (1964 bis 1979 Bischof der Evangelischen Kirche des Görlitzer Kirchengebietes) zum Thema „Kirchenkampf im Dritten Reich“. Ihm ging es um die Standfestigkeit junger Christen. „Jeder im Gottesdienst merkte den Anlass. Bischof Fränkel ging es im Vortrag nur um ein einziges Thema: Wie sollten sich junge Christen in der DDR-Diktatur verhalten?

Die Berufung als Pfarrer

„Das war natürlich geschickt verpackt“ sagt Matthias Gnüchtel. „Der Bischof endete mit dem Satz: «Wer sich in den kirchlichen Dienst rufen lassen will, möge bitte in die Sakristei kommen».“ Matthias Gnüchtel ging in die Sakristei. Einige Tage später fuhr er nach Görlitz. Nach nur einer halben Stunde Gespräch mit dem Bischof stand für ihn die Berufung als Pfarrer fest. Jahre später wurde ihm das als Fügung bewusst.

Nach seinem 50. Geburtstag erfuhr er von Jurij Malink. Dieser war von 1920 bis 1938 Pfarrer in Lohsa. Er gehörte zur Bekennenden Kirche. Die Nazis bespitzelten und verfolgten ihn. „Ich erfuhr von Jurij Malinks mutiger, konsequenter und kompromissloser Haltung“, sagt der Uhyster. „Das war ein riesiger Motivationsschub für mich. Das war ein Vorbild für meine Arbeit, woran ich mich orientieren konnte. Es ging darum, klar und deutlich das Evangelium zu verkünden, egal was der Zeitgeist sagt.“

Von 2005 an gingen Uhyst/Spree und Lohsa einen gemeinsamen Weg und bildeten seit Februar 2007 den Evangelischen Pfarrsprengel Lohsa – Uhyst/Spree. Seit Februar 2021 besteht der Pfarrsprengel „Oberlausitzer Seenland“. Zu ihm gehören drei selbstständigen Kirchengemeinden Uhyst (400 Gemeindeglieder), Lohsa (600) und Groß Särchen (570) mit je eigenem Gemeindekirchenrat. Alle drei Gemeinden haben künftig eine gemeinsame Pfarrerin oder einen gemeinsamen Pfarrer. Die Wohnung wird im Pfarrhaus Lohsa sein.

Eine weitere Fügung des Lebens

Gerade in Lohsa erlebte Matthias Gnüchtel die sorbischen Wurzeln der Kirchengemeinde. Seine Urgroßeltern mütterlicherseits waren selbst Sorben. Sie stammten aus Kleinkoschen Wettigmühle bei Senftenberg (damals Preußen). Sie sprachen im Alltag Sorbisch. Um dem Militärdienst zu entfliehen, wanderte Urgroßvater August Nuglisch (1854-1934) im August 1870 nach Dresden aus. Der erst 16-Jährige wollte nicht für Preußen in den Krieg gegen Frankreich ziehen. „So stammten dann meine weiteren Vorfahren aus Dresden“, sagt Matthias Gnüchtel. Im Nachhinein spürt er auch das als Fügung im Leben.

Eigentlich wollte er als Pfarrer in die Mission gehen. Doch das Leben verlief anders. Hanns-Joachim Wollstadt (1979 bis 1985 Bischof in Görlitz) brauchte ihn in der schlesischen Oberlausitz. „Er hatte sich viel mit der Herrnhuter Brüdergemeine beschäftigt“, erzählt der Uhyster. „Er hatte dazu seine Doktorarbeit verfasst. Er hatte ein Buch «Geordnetes Dienen in der christlichen Gemeinde» geschrieben. Hinzu kam: meine Frau Veronika stammte aus Herrnhut.“ Das ist ein stark von der Mission geprägter Ort. Vor allem durch Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760). Dessen Vetter und Studienfreund, Oberamtshauptmann Graf Friedrich Caspar von Gersdorff (1699–1751), kaufte 1725 das Rittergut Uhyst und ließ von 1738 bis 1742 das Neue Schloss Uhyst erbauen und setzte sich für die Mission ein. „All das mag wohl Bischof Wollstadts Denken bestimmt haben“, meint Matthias Gnüchtel. „Wohl deshalb schickte er mich nach Uhyst/Spree ...“Jahre später, 1988, wurde Matthias Gnüchtel auch diese Fügung bewusst. Er war in Bad Boll (Baden-Württemberg), dem Sitz der Evangelischen Herrnhuter Brüderunität in Westdeutschland, zu einem Privatbesuch. Im dortigen Konferenzsaal erblickte er ein Bild der Uhyster Kirche. „Da war mir klar, warum mich unser Bischof gerade nach Uhyst Spree geschickt hatte ...“Eben dort packte Matthias Gnüchtel mit dem Gemeindekirchenrat viele Aufgaben an. 1991 bis 1994 gelang in Uhyst die Sanierung der barocken Dorfkirche. „Wir als Kirchengemeinde mussten einen hohen Eigenanteil erbringen“, sagt der Pfarrer. „Das gelang dank vieler Eigenleistungen durch Uhyster Firmen. Viele Uhyster reinigten unter anderem die Fußbodenziegel. Der gesamte Ort brachte sich für die Sanierung der Kirche ein. Auch jene, die nicht in die Kirche gingen. Das stärkte das Gemeinschafsgefühl im Dorf.“

Krippenspiel zu Heiligabend

Ehefrau Veronika Gnüchtel (58) engagierte sich seit 1981 kontinuierlich für die Christenlehre und später auch in der Frauenarbeit. Höhepunkt war das jährliche Krippenspiel Heiligabend in der Uhyster Kirche. „In der DDR-Zeit verbot mir der Schulleiter ausdrücklich, das Schulgelände zu betreten. Das war eine schwierige Zeit“, erinnert sie sich. „Wir haben dennoch durchgehalten. Wir setzten auf die Zusammenarbeit mit den Eltern.“

Derzeit bremst Corona auch in Uhyst und Lohsa die Gemeindearbeit aus. Kreise wie „Frauen singen“ (in Uhyst), Kirchenchor (in Lohsa), Frauenkreis (in Lohsa), Christenlehre (in Uhyst) sowie Unterricht der Konfirmanden (in Uhyst und Lohsa) fallen aus. Der Pfarrkonvent findet digital statt. „Die Seelsorge ist stark eingeschränkt“, bedauert Matthias Gnüchtel. Gesundheitsbedingt durch seine Knieoperationen kann er Besucher derzeit nur im Pfarrhaus empfangen. Oft klärt er Probleme telefonisch. Ihm fehlt die direkte Begegnung. Er hofft auf rasche, flächendeckende Impfungen. Nur so lässt sich Corona langfristig wirksam eindämmen.

Lebensabend im Erzgebirge

Sieben Kinder haben seine Frau und er in Uhyst bekommen und großgezogen. Weltoffen und mit Gottvertrauen gehen sie alle durchs Leben. Zwölf Enkel hat das Pfarrer-Ehepaar. Den Lebensabend will Matthias Gnüchtel mit seiner Frau in Burkhardtsgrün im Erzgebirge verbringen. Dort besteht als vielseitige, Diakonie-Einrichtung die „HERRBerge“. Dort leben Bewohner verschiedener Altersgruppen zusammen. „So finden wir auch eine geistliche Heimat“, unterstreicht Matthias Gnüchtel.

2021 will der 65-Jährige mit seiner Frau in Uhyst bleiben. Vielleicht 2022 soll der Umzug folgen. „So Gott will und wir leben“, unterstreicht der Pfarrer und fügt hinzu: „Ich habe die Botschaft von Jesu Sterben und seiner Auferstehung einst selbst gehört und empfangen. 40 Jahre habe ich sie allen Menschen verkündigt. Nun gebe ich dankbar den Stafetten-Stab an die nächste Generation weiter. Im September 2021 wird unser 13. Enkelkind in eine Theologenfamilie in Reichenbach Vogtland hineingeboren. So beginnt der Anfang der Fügung eines neuen Lebenskreises.“

Am Sonntag, dem 21. März, war um 14 Uhr Matthias Gnüchtels letzter Gottesdienst als Pfarrer in Uhyst. Danach hat er Urlaub. Die offizielle, feierliche Verabschiedung ist geplant am 11. Juli um 14 Uhr. Als Vakanzverwalter folgt bis zur Neubesetzung Pfarrer Hans-Christoph Gille aus Hoyerswerda.

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