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Zwischen Aufbruch und Protest an der Kirchenbasis

Die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz legt Mindestgrößen für Gemeinden fest.

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Kirchen in kleinen Dörfern aufgeben – das ist schon in Burghammer aktuell. Diese Filialkirche kann durch die Kirchengemeinde mit ihren wenigen Gemeindegliedern mittelfristig nicht mehr unterhalten werden.
Kirchen in kleinen Dörfern aufgeben – das ist schon in Burghammer aktuell. Diese Filialkirche kann durch die Kirchengemeinde mit ihren wenigen Gemeindegliedern mittelfristig nicht mehr unterhalten werden. © Foto: Andreas Kirschke

Von Andreas Kirschke

Ein Beschluss bewegt die Gemüter an der Basis. Die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) legt die Mindestgröße für Kirchengemeinden auf 300 Gemeindeglieder fest. So beschloss es die Landessynode am 13. November in Berlin. „Im Kern geht es darum, dass Gemeinden mit weniger als 300 Mitgliedern ihren Status als Körperschaft öffentlichen Rechts verlieren, indem sie sich zu größeren Verbünden zusammenschließen. Dadurch erwartet man weniger Verwaltungsaufwand und geringere Kosten“, teilt die EKBO mit.

Das Konsistorium kann auf Antrag des Kreiskirchenrates Ausnahmen zulassen, lautet eine der beschlossenen Änderungen. Gut 600 von rund 1.100 Kirchengemeinden insbesondere in Brandenburg sind betroffen. Im Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz sind es 20 von 62 Gemeinden, im Raum Hoyerswerda unter anderem Schwarzkollm, Geierswalde-Tätzschwitz und Spreewitz.

In bürokratisierter Gesellschaft„Wie bei jeder Reform kommt da eine ganze Menge Arbeit auf uns zu. Wir nehmen sie in der Hoffnung auf uns, dass es hinterher leichter wird“, sagt Superintendent Dr. Thomas Koppehl. „Bei dem Beschluss der Landessynode geht es im Wesentlichen um eine effiziente Bearbeitung der rechtlichen Verpflichtungen, die mit dem Körperschaftsstatus einer Gemeinde verbunden sind. Gerade kleinere Gemeinden sind oft überfordert in all den Bestimmungen in Verwaltung, Baufragen, Haushalt, Bilanzierung, Arbeitsschutz, IT-Sicherheit und den damit verbundenen Dokumentationspflichten. Wir leben in einer verrechtlichten, um nicht zu sagen bürokratisierten Gesellschaft.“ Im Kirchenkreis, so Thomas Koppehl, müssen etwa 1.200 Gemeindeglieder für eine Pfarrstelle zusammenkommen, damit sie finanzierbar ist. Von Zwangszusammenschlüssen hält er nichts. „Im Kirchenkreis planen wir keine Zusammenlegungen, sondern wir unterstützen unsere Gemeinden in ihren eigenverantwortlich vor Ort zu treffenden Entscheidungen und Veränderungsprozessen“, sagt der Superintendent. „So haben wir zum Beispiel vor kurzem auf Vorschlag der Kirchengemeinden Lohsa, Uhyst und Groß Särchen den Pfarrsprengel «Oberlausitzer Seenland» gegründet und mit einem Pfarrer besetzen können.“

Professionalisierung der Arbeit

„Die Strukturreform zielt auf eine bessere Leitung durch Hauptamtliche im Pfarrdienst und in der Verwaltung. Sie folgt dem gesellschaftlichen Trend zur Professionalisierung der Arbeit“, sagt Heinrich Koch, Pfarrer der Evangelischen Johanneskirchengemeinde Hoyerswerda-Altstadt und der Evangelischen Kirchengemeinde Schwarzkollm sowie Vakanz-Vertreter in der Evangelischen Kirchengemeinde Wittichenau. Doch er hat seine Zweifel. „Die angestrebte Entlastung der Ehrenamtlichen ist faktisch eine Entmündigung der Ehrenamtlichen vor Ort, ohne deren Zuarbeit auch die Verwaltung nicht arbeiten kann“, meint er zum Synoden-Beschluss. „Wir hoffen sehr, dass wir von der Ausnahmeregelung Gebrauch machen können. Sollte dies nicht möglich sein, kann ein gemeinsames Gremium der Kirchengemeinden trotzdem die Entscheidungsbefugnisse weiter an die Ortsgemeinden delegieren.“ Dort, wo ein Kern an Betern und Engagierten besteht, sollte seiner Meinung nach eine Kirchengemeinde weiterhin selbstständig bleiben.

Die Eigeninitiative überlassen

Für überfällig hält Jörg Michel den Synoden-Beschluss. Er ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt (mit 1.100 Gemeindegliedern) und der Evangelischen Kirchengemeinde Spreewitz (295 Gemeindeglieder) sowie Vakanz-Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde Schleife (1.400 Gemeindeglieder). „Die Landeskirche hatte den Kirchenkreisen über mehrere Jahre die Eigeninitiative überlassen bei den nötigen Strukturveränderungen. Aber es passierte zu wenig. Da Veränderungen natürlich Abschiedsschmerz und Verunsicherung hervorrufen, hat man dies vor sich her geschoben.“ Und er kritisiert: „Auch der Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz ist dafür ein Beispiel. So wurde auf der Kreissynode in Niesky am 4. November ein Antrag auf Anstellung von Mitarbeitenden auf Kirchenkreis-Ebene abgelehnt – obwohl in allen benachbarten Kirchenkreisen schon realisiert.“

Auf Veränderungen, so Jörg Michel, stellt sich Spreewitz ein. Mit Hoyerswerda-Neustadt besteht seit fast zehn Jahren ein gemeinsamer Pfarrsprengel. In der Praxis heißt das: Beide Gemeinden teilen sich die hauptamtlichen Mitarbeiter – den Pfarrer und die Gemeindepädagogin. „Ich selbst habe die unterschiedlichen Profile der beiden Gemeinden als bereichernd erlebt: eine Neustadt-Gemeinde (60 Jahre alt) und eine sorbisch geprägte Dorfgemeinde (fast 500 Jahre alt). Und man konnte einander «erleben». So gastiert der Kirchenchor aus Hoyerswerda jährlich einmal in der Kirche zu Burghammer, und die Hoyerswerdaer entdecken zunehmend den Open-Air-Gottesdienst am Ufer der Spree in Neustadt/Spree am Pfingstmontag“, sagt der Pfarrer.

Seit zwei Jahren werden die Kirchengemeinden in der Region Hoyerswerda zur „Regionalen Konsultation“ eingeladen. Denn der Veränderungsdruck nimmt zu und damit manche (Personal)Not vor Ort. Manche Kirchengemeinden, manche Pfarrer-Kollegen interessieren sich nicht dafür, bedauert Jörg Michel. Er hält den Austausch über die Probleme für dringend notwendig. „Kirchen in kleinen Dörfern aufgeben – das ist in Burghammer aktuell“, erläutert er. „Diese Filialkirche kann durch die Kirchengemeinde mit ihren wenigen Gemeindegliedern mittelfristig nicht mehr unterhalten werden. Das ist seit Jahren vor Ort bekannt“, sagt der Pfarrer. „Inzwischen hat sich ein kleiner Aktionskreis in Burghammer gegründet, der zum Erhalt der Kirche beitragen will. Nur das kann der Weg sein – Eigeninitiative und Ideen vor Ort entwickeln, damit auch solch ein Dorfbild bestimmendes Gebäude erhalten bleibt, wenn die Kirchengemeinde dafür nicht mehr die Kraft und die Mittel hat.“

Gemeinden sind mürbe geworden

„Die Schmerzgrenze der Zusammenlegungen von Gemeinden ist längst überschritten“, findet Gerd Simmank. Er ist seit 1986 Pfarrer in Laubusch. Anfangs gab es den Pfarrstellen-Verbund mit dem Nachbarort Schwarzkollm. 1989 wurde er festgeschrieben. 2005 folgte die Bildung des Pfarrsprengels Laubusch mit den Kirchengemeinden Laubusch, Schwarzkollm, Bernsdorf. 2009 entstand der Pfarrsprengel Bernsdorf mit den Gemeinden Laubusch, Bernsdorf, Hohenbocka und Hosena. Ihm steht Gerd Simmank heute als Pfarrer für insgesamt 1.111 Gemeindeglieder vor. Voraussichtlich ab 1. Mai 2022 ist er zugleich Vakanz-Vertreter für Lauta-Stadt und Lauta-Dorf, wenn Pfarrer Norbert Krüger in Ruhestand geht. „Der Synoden-Beschluss der Landeskirche ist nicht kompromissvoll für die Gemeinden. Auch wenn es Ausnahmen geben soll. Die Gemeinden sind mürbe geworden sich ständig mit Strukturfragen zu befassen“, meint Gerd Simmank. Sein Fazit: Druck von oben hilft den Gemeinden nicht weiter; Zusammenlegungen sollten nur auf freiwilliger Basis geschehen, nur auf Initiative der Gemeinden. Gerade auf dem Land, so Gerd Simmank, gehen Strukturreformen sehr zu Lasten des einzelnen Pfarrers. „Wo bleibt seine Seele, wenn er immer mehr Gemeinden zu betreuen hat? Wo bleibt seine Kernaufgabe der Verkündigung und der Seelsorge? Die Annahme, der Pfarrer hätte nach den Strukturreformen weniger zu tun, kann ich überhaupt nicht unterstreichen. Das Gegenteil ist der Fall“, kritisiert Gerd Simmank.

Initiative prüft den Klageweg

Im Nordosten der Landeskirche, in der Prignitz, entstand vor einigen Wochen die Initiative „Kirche im Dorf lassen“. Inzwischen gehören ihr 39 Kirchengemeinden an. Die Initiative prüft die Möglichkeit der Klage. „Die Sorge teile ich. Den Weg der Klage halte ich aber für unnötig“, meint der Hoyerswerdaer Pfarrer Heinrich Koch. „Solange die Kirchengemeinden sich einig sind, können sie vieles so weiter führen wie bisher.“ Auch Pfarrer Jörg Michel ist nicht für den Weg der Klage. Stattdessen setzt er auf Zusammenarbeit mit den Nachbar-Kirchengemeinden. „Wie im kommunalen Bereich ist auch im kirchlichen Bereich ein verantwortlicher Umgang mit den knappen personellen und finanziellen Ressourcen angesagt“, meint er. „Veränderung ist auch ein Wesenszug von christlicher Gemeinde.“

Wie Heinrich Koch und Jörg Michel ist auch Gerd Simmank gegen den Weg der Klage. Das führt seines Erachtens nicht weiter. „Hier hilft nicht Rüsterei“, meint er. „Wichtig ist, an die Herzen und Köpfe in den Kirchengemeinden zu appellieren. Nur so können langfristige, tragfähige Lösungen gefunden werden.“

Weitere Informationen zum Kirchenkreis: www.kirchenkreis-sol.de. Weitere Informationen zur Initiative „Kirche im Dorf lassen“: www.kirche-im-dorf-lassen.de