Hoyerswerda
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Mahnendes Gedenken an Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung

Die Vertreibung begann nicht erst 1945. Die Aufarbeitung der Geschichte lehrt anderes.

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Maja Konstantinovic (3.v.r.) nahm für die Organisation „Antikomplex“ aus Prag den ZukunftErbe-Preis entgegen. Nach der Preisverleihung gratulierten zuerst die Ehrengäste.
Maja Konstantinovic (3.v.r.) nahm für die Organisation „Antikomplex“ aus Prag den ZukunftErbe-Preis entgegen. Nach der Preisverleihung gratulierten zuerst die Ehrengäste. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Knappenrode. Der 9. Sächsische Gedenktag erinnerte am vergangenen Sonntag in der Energiefabrik Knappenrode an das Schicksal von rund 15 Millionen Deutschen, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Verlust ihrer jahrhundertealten Heimat hinnehmen mussten. Sie hatten keine Wahl, sich zu wehren. Circa zwei Millionen von ihnen haben Flucht und Vertreibung nicht überlebt. Im „Transferraum Heimat“ der Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“, wird belegt, dass spätestens mit dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion die Repatriierung der dort lebenden deutschen Bevölkerung aus ihren russischen Siedlungsgebieten begann. Die Deutschen wurden den Faschisten gleichgestellt, ihrer Heimat beraubt und in abgelegene Landesteile deportiert. Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt, für viele war Sibirien die Endstation. Das Kapitel ist gut aufgearbeitet. Schon 1944 begann die Vertreibung Richtung Westen. Lange vor dem Potsdamer Abkommen hatte Stalin der polnischen kommunistischen Exilregierung große deutsche Gebiete bis an die Oder zugesagt. So flüchteten die Deutschen vor der sich nähernden Roten Armee, gefolgt von den Polen, die diese Gebiete von polnischen Vertriebenen besiedelten. Für den Verlauf der Festveranstaltung war dieses Hintergrundwissen sehr wertvoll.

Der Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen, Frank Hirche (CDU), begrüßte zahlreiche Ehrengäste – an ihrer Spitze Staatsministerin Petra Köpping (SPD) – und auch den Hoyerswerdaer Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh (SPD). Frank Hirche betonte, dass dieser Gedenktag einmalig in den ostdeutschen Bundesländern ist – nur in Bayern und Hessen gäbe es weitere.

Fluchtbewegungen und Zwangsumsiedlungen wie in den 1940er Jahren hat es über Jahrzehnte nicht mehr gegeben. In ihrer Festrede sagte Petra Köpping: „Nun ist wieder Krieg. Nur wenige Autostunden entfernt und wieder im Osten. Wieder strömt die Flüchtlingswelle zu uns und in andere Länder. 60.000 Menschen aus der Ukraine hat der Freistaat aufgenommen.“ Es ist die größte Fluchtbewegung seit damals. Erneut hat der Begriff „Heimat“ nationale und emotionale Dimensionen angenommen. Das Grauen sei allgegenwärtig. „Es bedarf der Gemeinsamkeit, den Menschen bei der Suche nach einer neuen Heimat auch in Sachsen hilfreich zur Seite zu stehen“, sagte die Staatsministerin. Für den Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen / schlesische Lausitz konnte sie verkünden, dass erneut 130.000 Euro Förderung bewilligt wurden. „Vielleicht können wir noch eine Schippe drauf legen“, ließ sie wissen.

Der Chor aus Krappitz gestaltete musikalisch die Gedenkveranstaltung.
Der Chor aus Krappitz gestaltete musikalisch die Gedenkveranstaltung. © Foto: Jost Schmidtchen

Den ZukunftErbe-Preis der Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration“ erhielt in diesem Jahr die Organisation „Antikomplex“ aus Prag. Verliehen wird der Preis an Menschen und Organisationen, die über die Vergangenheit Optimismus und Zuversicht ausstrahlen, so wie die Vertriebenen vor 70 Jahren, die trotz allem Schicksal nach vorn schauten und mit großem Engagement sich ein neues Leben aufbauten und damit Deutschland in Ost und West beim Wiederaufbau aus den Trümmern halfen. „Antikomplex“ ist eine 1998 von Prager Studenten gegründete Organisation, die sich kritisch mit der Vertreibung aus der CSSR und dem Sudetenland befasst. Aktuell beschäftigen sich die Mitglieder mit der Zukunft des Sudetenlandes mit dem Ziel, ihm seine ursprüngliche Identität zurückzugeben. Den Preis nahm die stellvertretende Geschäftsführerin Maja Konstantinovic entgegen. Dotiert ist er mit 3.000 Euro, eine Urkunde und ein Bild gehören ebenfalls dazu. Die Laudatio hielt per Videoeinspielung der Botschafter Tschechiens in Deutschland. Ein zweiter Preis in diesem Sinne ging an den „Verein zur Förderung aktiver Zeitgeschichte und Heimatpflege Burg Hohnstein“ in der Sächsischen Schweiz.

Die Totenehrung erfolgte durch Superintendent i. R. Friedhart Vogel. Die musikalische Umrahmung lag in den Händen des Chores aus Krappitz, einem Dorf der deutschen Minderheit in Polen. Mit Titeln wie „Musik, der Traum vom Glück“ und weiteren Heimatliedern erklang zum Abschluss der Festveranstaltung „Wahre Liebe kann nicht wanken“ und viele sangen mit.

Die aus ganz Sachsen angereisten Gäste nutzten am Nachmittag die Gelegenheit zu einer Besichtigung des „Transferraumes Heimat“ mit seiner ständigen Ausstellung. Die umfasst von der Ausrufung der Weimarer Republik das Geschehen bis zu den Spätaussiedlern. Viele von ihnen wollten in die DDR, weil sie sich ein Leben im Kapitalismus nicht vorstellen konnten – selbst 1989 nicht.