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Gladiatorenkampf und Rockkonzert

Hoyerswerdas Manfred Grüneberg vollendete 50.000 Streak-Kilometer – über Marathon, Laufen und einen 85. Geburtstag.

Ein Schluck Gesundes (Saft!) auf den soeben absolvierten 50.000 Streak-Lauf-Kilometer von Manfred Grüneberg, flankiert von Klaus Groß (links) und Marathonteam-Urgestein Wolfgang Oehme – am Sonntag war’s soweit; auf dem „Schwarzen Weg“.
Ein Schluck Gesundes (Saft!) auf den soeben absolvierten 50.000 Streak-Lauf-Kilometer von Manfred Grüneberg, flankiert von Klaus Groß (links) und Marathonteam-Urgestein Wolfgang Oehme – am Sonntag war’s soweit; auf dem „Schwarzen Weg“. © Foto: Tibor Bodò

Hoyerswerda. Manfred Grüneberg (65) ist am 6. April zum Präsidenten des Laufreffs Lausitz (LTL) wiedergewählt worden. Aber er ist weit mehr: Begründer des Hoyerswerda-Marathons, des Knappensee-Laufes und der 24-Stunden-Europaläufe in Hoyerswerda; Extrem- und Normal-Läufer, als Marathoni 101 „legale“ lange Kanten über 42,195 km hat er absolviert – und er ist Streaker. Wir sprachen mit ihm.

Manfred – Glückwunsch zunächst zur Wiederwahl als LTL-Präsident.

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Danke! Wir sind sehr froh, dass wir die Jahreshauptversammlung in dieser angespannten Coronalage sicher, korrekt und mit sehr guter Beteiligung unserer Mitglieder durchführen konnten. Jetzt können wir uns voll und ganz auf die kommenden Aufgaben konzentrieren. Für mich ist es auch nach 16 Jahren im LTL-Vorstand ein Motivationsschub, für unsere Mitglieder und den Sport in der Lausitz aktiv sein zu dürfen. Die Arbeit mit den Menschen ist für mich immer eine tolle Sache. Es macht mich glücklich, wenn ich anderen helfen kann und daraus Erfolge wachsen.

Du bist jetzt Streak-Läufer. Was ist das?

Jeden Tag eine Meile -1,6 km- laufen – unter allen Umständen. Die Regeln der amerikanischen Streak-Running-Vereinigung fordern, täglich zwischen 0 und 24 Uhr mindestens eine zusammenhängende Meile (1,6 Kilometer) zu rennen – jeden Tag, ohne Unterbrechung; unabhängig von Wetter, Tagesform, Stimmung, Gesundheit ... Der Entschluss, nach meinem am 60. Geburtstag (30. Dezember 2015, d. Red.) in der Niederlausitzhalle Senftenberg absolvierten 100. Marathon selbst zum Streak-Runner zu werden, war ein Wendepunkt in meinem Sportlerleben. Nach dem 100. Marathon stand das gewähnte Ende meiner Läufer-Karriere – Knieprobleme. Dennoch wollte ich aktiv bleiben – nun auf einem Gebiet, das in Deutschland noch völlig unbekannt war und leider ist. Seit dem 1. Januar 2016 renne ich durchschnittlich 5,5 km täglich. Den Notbehelf-Joker „nur“ 1,6 Kilometer täglich musste ich zum Jahreswechsel 2020/2021 erstmals ziehen.

Was ist passiert?

Eine dramatische Situation hatte mich kurz vor Weihnachten stark belastet und mir wenige Tage später die Beine unter dem Boden weggerissen. Per Notdienst landete ich mit totalem Gleichgewichtsausfall im Hoyerswerdaer Klinikum. „Das war’s dann“, dachte ich, als das Cortison über den Tropf durch den Körper strömte. Kurze Zeit später registrierte ich, dass der Stationsgang mit seinen knapp fünfzig Metern auch einen Versuch wert ist. Die diensthabende Schwester verstand dankenswerterweise meine Situation – und so lief ich noch am gleichen Abend, stark schwankend, dreißig Gang-Runden. Am nächsten Tag wurde daraus dann der wahrscheinlich erste „Silvesterlauf“ auf einer Klinikstation. Diesmal musste ich sogar sechzig Runden durchschwanken, weil zwischenzeitlich mein GPS-System ausgefallen war ...

Was hat Dich motiviert, zu streaken?

Erstmals Kontakt zu einem Streak-Runner hatte ich 2013 beim Ollersdorfer Marathon in Österreich. Ich fand das schon damals eine tolle Idee, konnte mir aber nicht vorstellen, wie man am Tag nach dem Marathon gleich wieder ins Laufen kommen kann. Motiviert zum Streak hat mich die Arthrose – und der mir schon angeratene künstliche Knieersatz. Durch Zufall bin ich auch auf den britischen Langstreckenläufer Ron Hill gestoßen: Der Marathon-Europameister von 1969 hält mit 52 Jahren und 39 Tagen Täglich-Laufen den Streak-Weltrekord (vom 21. Dezember 1964 bis zum 29. Januar 2017). Fasziniert hat mich, dass ich, wie ich später herausfand, mit Ron Hill bei seinem letzten Marathon damals in Boston 1996 im selben Starterfeld gestanden hatte.

Da wären wir beim Marathon, der Dein „erstes Läuferleben“ bestimmt hat ...

Der Marathon war für mich immer eine ungemein schöne harte Herausforderung. Auf der magischen 42,195 km Strecke, oder gern auch länger, gibt es stets Momente die beflügeln, die einen zu zerreißen drohen, die hoffen lassen und bis zum Ziel deine ganze Aufmerksamkeit erfordern. Für mich ist der Marathonlauf eine Art Mischung aus dem Gladiatorenkampf der Moderne und der Magie eines Rockkonzertes. Ich vermisse diesen Kick sehr, seitdem ich mich gesundheitsbedingt vom „Langen Kanten“ verabschiedet habe.

Du hast ja dann, vier Jahre nach Deinem verkündeten Abschied vom Marathon, am 3. November 2019 beim Portland-Marathon in Australien ein Comeback gegeben, weil Dir Australien als Kontinent in Deiner Lauf-Chronik noch fehlte. Das war Nr. 101. Werden wir eventuell noch einen 102. Marathon von Manfred Grüneberg erleben?

Als Mitglied Nr. 404 des „100 Marathon Club Deutschland e. V.“ bin ich froh, dass auf der diesjährigen Mitgliederversammlung am 20. März beschlossen wurde, virtuelle Läufe nicht in die Zählung aufzunehmen. Auch wenn mein virtueller Marathoneinstand mit dem „Break the Wall“-Run am 27. September 2020 damit keinen statistischen Zuwachs auf 102 bedeutet. Ob ich einen offiziellen Marathon noch einmal unter die Schlappen nehme, ist durch das Leben mit Corona ungewiss. Vor wenigen Tagen erst musste der Spreewald Marathon erneut absagen. Gern würde ich mich bei der 50. Auflage des Rennsteiglaufs verabschieden (der 48. Lauf wurde wieder verschoben, nun auf den 2. Oktober, d. Red). Ich drücke allen Marathonveranstaltern die Daumen, dass bald wieder viele Menschen die Königsdisziplin laufen können.

Was war Dein schönster Moment im Marathon-Leben?

Besondere Erinnerungen verbinde ich mit dem Berlin-Marathon. Ich bin seit 2011 Mitglied im „Jubilee-Club“ und habe nach zehnmaliger Teilnahme nun meine lebenslange persönliche „grüne“ Start-Nummer: 2.780. Und dann die ganz großen Kracher – den 100. Boston Marathon am 15. April 1996, den ich in 3:39:08 h lief (siehe dazu auch rechts) – und den 30. New-York-Marathon am 7. November 1999 (3:40:12 h).

Was hilft Dir beim Laufen?

In den drei Jahrzehnten, die ich jetzt laufe, haben mir immer anspruchsvolle, aber realistische Ziele geholfen. Besonders in den 90ern war das Streben nach bestmöglichen Laufzeiten mit meinen Sportfreunden vom Marathonteam Hoyerswerda angesagt. Nach der Jahrtausendwende war es Ziel, den Lauftreff in Fahrt zu bringen und möglichst viele Mitglieder neu für den Marathon zu begeistern. In den letzten Jahren sind die gesundheitlichen Vorzüge des Ausdauerlaufes immer stärker in den Fokus gerückt. In allen Wegphasen aber waren und sind es immer die Menschen, die das Laufen lieben gelernt haben, die schönste Hilfe. Natürlich wächst über die Jahre auch der Wert der Tradition und Statistik.

Ist Statistik nur Rückblick oder auch Planungshilfe für die Zukunft?

Wir hatten von Anfang an im Marathonteam eine umfassende Statistik über unsere gelaufenen Trainings- und Wettkampf-Kilometer geführt. Jährlich wurden diese im Team ausgewertet und darauf aufbauend die nächsten Ziele geplant. Den hohen Wert so eines gut geführten Trainingsbuches erkennt man erst über die Jahre. Bis 2015 war ich noch ein Gegner der Handy-Nutzung, dann habe ich die Aufzeichnungen über das Navigationssatellitensystem GPS schätzen gelernt. Ich laufe selbst seit dieser Zeit mit der Runtastic App.

Gibt es bei Deinem Streak auch schon eine markante Zahl?

Als ich 2020 meine Laufkilometer zusammen gerechnet habe, fiel mir auf, dass ich die „Erdumrundung“ am Äquator mit etwa 40.075 Kilometern längst vollzogen hatte. So wurde es für mich eine Herausforderung, den 50.000 Laufkilometer zu erreichen. Am letzten Sonntag (11. April, d. Red) war es dann soweit: Mit einigen Vereinsmitgliedern konnte ich auf der traditionellen „Knappenseerunde“ auf dem „Schwarzen Weg“ zwischen Zeißig und Knappenrode diesen schönen statistischen Wert erreichen. Ich widme diesen 50.000 Kilometer meiner Mutter Eva, die am selben Tag ihren 85. Geburtstag feiern konnte.

Was hast Du, hat der LTL jetzt vor?

Wir arbeiten an den Vorbereitungen unserer „Gesundheits-Lauf-Wochen“ im Mai und den 12. VBH-Europaläufen am 6. Juni. Die Vorbereitungen auf den 20. Geburtstag des Lauftreff Lausitz e. V. (am 8. Januar 2022) und für 15 Jahre LTL-Inklusion beschäftigen uns danach. Wir werden uns wieder am Niederlausitzcup beteiligen und hoffen auf den geplanten Start ab Mai. – Vielleicht sind das auch Ziele, an denen neue Sportfreunde teilhaben möchten. Der Lauftreff Lausitz e. V. ist immer ein Ansprechpartner für erfolgreiches und dauerhaftes, gesundheitsorientiertes Laufen.

Hast Du ein Lebensmotto?

Die Lösungen für viele Probleme sehe ich auch weiterhin in der Ausdauer. Optimismus ist für mich nicht nur als Vereinsvorsitzender und Streak-Runner eine Grundvoraussetzung für das Leben.

Letzte Frage: Gibt’s Dein legendäres Läuferleben-Buch „Abseits der Ideallinie“ noch? Und wenn ja – wo und wie kann man es bekommen?

Es sind, gewissermaßen „letzter Hand“, noch acht Exemplare erhältlich. Beziehen kann man sie über den Verein, den LTL.

Kontakt zum LTL: 1 03571 417366

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