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Vom Osterlämmchen zur Schafherde

Saskia Dörry, die jüngste Schäferin der Lausitz, über die Bedeutung der Schafhaltung.

Saskia Dörry inmitten ihrer Lieblinge.
Saskia Dörry inmitten ihrer Lieblinge. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Saskia Dörry aus Hornow ist die jüngste Schäferin der Lausitz. TAGEBLATT sprach mit der 22-Jährigen über die Osterlämmer, ihre Berufswahl und über ihre Motivation, eine eigene Schafherde aufzubauen. Das Osterfest ist dazu ein guter Anlass – aber nicht allein. Schafe sind für die regional charakteristischen und touristisch erschlossenen Kulturlandschaften nicht nur in der Lausitz von großer Bedeutung, wenn aus den Osterlämmchen dann eine Schafherde wird.

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Frau Dörry, was hat Sie dazu bewogen, den Beruf einer Schäferin zu erlernen?

Ich sehe meine Berufswahl als persönliche Herausforderung, schließlich ist es kein typischer Frauenberuf. Ich bin auf dem Land groß geworden und möchte in meinem Berufsleben alte Traditionen aus einer fast unbekannten und vergessenen Welt der Landwirtschaft und das noch erhaltene Wissen bewahren. Kurz gesagt: Der Berufsstand eines Schäfers muss wieder aufleben – auch im Interesse einer umweltbewussten und schonenden Bewirtschaftung unserer landwirtschaftlichen Flächen und bedrohter Pflanzen.

Die Zahl der Schäfereien, Schafherden und Schäfer schwindet in Deutschland seit über 20 Jahren. Nun möchten Sie selbst gegensteuern. Was motiviert Sie dazu?

Die Bedeutung der Schafhaltung hat durch immer schlechter werdende wirtschaftliche Bedingungen nachgelassen. Das ist nicht gut. Schafherden hatten schon immer eine besondere Stellung in landwirtschaftlichen Betrieben. Sie erfüllten Aufgaben, die andere Tiere oder Maschinen nicht bewerkstelligen konnten. Durch ihre kleinen Klauen und ihr geringes Körpergewicht von etwa 80 Kilogramm ist die Wirkung ihres Tritts unverkennbar. Mit diesem können sie dem Landwirt im Pflanzenbau viel Nutzen erbringen. Mit einer Schafherde kann durch kontrolliertes Überweiden der Anwuchs von Neuansaaten deutlich verbessert werden. „Saatenhutung“ hieß diese Kunst einmal, die heute kaum noch bekannt ist. Die Schäfergenerationen haben das Wissen dazu nicht weitergegeben. Ich bin bestrebt, das alte Wissen zu nutzen, um meine Schafherde richtig einzusetzen und die Schafhaltung wirtschaftlich durchzuführen.

Wo liegen ansonsten die aktuellen Aufgabenbereiche von Schafherden?

Das ist im Bereich Hochwasserschutz und bei der Landschaftspflege. Letztere ist besonders vielfältig. Da brauchen wir über die Lausitz gar nicht hinausschauen.

Bleiben wir erst einmal beim Hochwasserschutz. Wie erfolgt der durch die Schafe?

Schafe werden seit einigen Jahren auf Hochwasserschutzdämmen eingesetzt. Die Begründung ist dieselbe wie bei der „Saatenhutung“: Es ist der Tritt der Schafe. Der kann die Löcher von Wühlmäusen und anderen Nagetieren verdichten. Diese Löcher werden bei Hochwasser zur Gefahr, denn das Wasser kann tiefer in den Boden eindringen, es bilden sich Strudel, die die immer größer werdenden Löcher ausspülen. Das gefährdet die Stabilität der Dämme und Deichbrüche sind dann die Folge. Alternativen gibt es auch hier nicht, weder zu anderen Tieren oder Technik. Sie alle können die Löcher der Schädlinge nicht so verdichten. Die Beweidung mit Schafen ist der beste natürliche Schutz. Um ihn zu gewährleisten, gibt es immer wieder Förderprogramme, die Schafhaltung in ihrer Wirtschaftlichkeit zu unterstützen. Leider sind sie nur regional und punktuell wirksam.

Wie sieht es mit der Schafhaltung bei der Landschaftspflege aus?

Wie zuvor erwähnt kommen Schafe überall dort zum Einsatz, wo Maschinen nicht hinkommen oder nicht erlaubt sind. So in Vogelschutzgebieten, FFH-Flächen (spezielle europäische Schutzgebiete nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie), ehemaligen Militärtruppenübungsplätzen, Mooren und Heiden. Meistens sind diese Flächen zu Naturschutzflächen erklärt worden und unterliegen bestimmten Nutzungsauflagen. Die Aufgaben der Schafe sind auf solchen Flächen klar definiert.

Welche sind das?

Die Hauptaufgabe besteht darin, die beweideten Flächen in ihren charakteristischen Strukturen zu erhalten und somit vor Verbuschung und Verwaldung zu schützen. Ein klares Beispiel dafür ist die Beweidung von Heiden. Sie sind vom Menschen erschaffene Kulturlandschaften, sind also durch den Einfluss der Menschen entstanden und würden ohne diesen Einfluss wieder verschwinden – also wieder Verwalden. Heidekraut ist in der Bewirtschaftung kompliziert. Es ist ein Zwergstrauch, der im Laufe seiner Vegetation verholzt. Einen radikalen Verschnitt würde Heidekraut nicht überstehen. In seiner natürlichen Vegetation stirbt das Heidekraut nach der Pionier- und Aufbauphase in der Degenerationsphase ab. Diese Chance würden Moose und Gräser nutzen und das Heidekraut nach und nach verdrängen. Mit der Schafhaltung wird dieser natürliche Prozess gestört. Denn mit der Beweidung werden die Sträucher in der Aufbauphase, also vor dem Verholzen, durch den Verbiss gestört. Das führt zu einer Verjüngung der Pflanze und sie stirbt nicht ab, sondern treibt wieder frisch aus. Den Verbiss, der dafür benötigt wird, können nur Schafe gewährleisten.

Nun haben Sie das Ziel, auf dem elterlichen Hof schrittweise eine Schafherde mit etwa 100 Schafen aufzubauen. Die ersten Muttertiere kamen schon 2019, wie geht es jetzt weiter?

Ich befinde mich noch in einer dreijährigen Fortbildung an einem Fachschulzentrum bei Freiberg zum „Staatlich geprüften Techniker für Landbau“, der Abschluss ist im Juli 2021. Etwa 60 Tiere sind in Hornow schon da. Es handelt sich um die Rassen „Coburger Fuchsschafe“ und „Ostfriesische Milchschafe“. Beide sind vom Aussterben bedrohte Landschafrassen. Während meiner Lehre habe ich erfahren, welch ein hoher Fachkräftemangel in der Landwirtschaft besteht. Der Bedarf an Nachwuchs ist durch die Überalterung der Landwirte enorm groß. 80 Prozent der Schäfer sind davon betroffen. Doch ich hatte es ja bereits gesagt: Schafherden haben Zukunft. Vor allem, wenn Schäfer einen günstigen Standort haben, ist ihre Existenz gut abgesichert. Ich denke, dass ich mein Heimatdorf Hornow mit der Schafhaltung vielfältig bereichern kann.

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