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Was kann heute getan werden?

Dreißig Jahre nach den Ausschreitungen wird der Diskurs betrachtet – ein Rück- und Ausblick in der Auseinandersetzung.

Moderiert wurde der Gesprächsabend „Das habe ich nicht gewusst“ – Die Verarbeitung der Ereignisse von 1991 in Hoyerswerda im Forum-Saal der Lausitzhalle von Pfarrer Jörg Michel (r.).
Moderiert wurde der Gesprächsabend „Das habe ich nicht gewusst“ – Die Verarbeitung der Ereignisse von 1991 in Hoyerswerda im Forum-Saal der Lausitzhalle von Pfarrer Jörg Michel (r.). © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Noch heute liegt einiges im Verborgenen, was die Ausschreitungen im September ’91 in Hoyerswerda betrifft. Wie die drei Jahrzehnte Diskurs bisher aussahen, sollte an einem Runden Tisch im Rahmen des Gedenkwochenendes betrachtet werden. Dafür kamen einerseits Zeitzeugen, andererseits Vertreter einer jüngeren Generation und bis heute mit dem Thema betraute Personen zu Wort. Im Forum-Saal der Lausitzhalle fanden sich am Samstagabend Interessierte zu diesem Austausch ein, wobei der eine oder andere Zuhörer selbst die Chance nutzte, ein Statement abzugeben.

Am Tisch nahmen neben Moderator Pfarrer Jörg Michel noch Ralf Haenel, Frank Hirche und Christoph Wowtscherk Platz. Robert Galle vertrat seinen wegen Krankheit verhinderten Sohn Matthias. Der Abend stand unter de Titel „Das habe ich nicht gewusst“.

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Während Ralf Haenel sich erinnert, bei der Einrichtung der Räume im Wohnheim für die Vertragsarbeiter geholfen zu haben, und dort das Spartanischste gesehen zu haben, „was man sich vorstellen kann“, stellt sich für Frank Hirche, der erst am zweiten Tag etwas von den Ausschreitungen bemerkte, die Frage, „was man hätte tun können“. Sein eigener Trabant wurde damals beschädigt, er betont, diese Art von Gewalt vorher noch nie erlebt zu haben. Robert Galle meint, dass seine Familie stark mit dem dörflichen Leben im Umland von Hoyerswerda verbunden war, er die Ausmaße erst später erkannt habe. Als Teil der Normalität beschreibt Christoph Wowtscherk den Umstand, dass es in einer ostdeutschen Stadt Nazis gab.

Eindrücke einer Busfahrt

Einen besonderen Erlebnisbericht konnte Jörg Michel nach einem Gespräch mit Klaus Bendschneider teilen, der einen Bus bei der Evakuierung fuhr, eine Scheibe seines Fahrzeuges ging zu Bruch, ein Insasse wurde verletzt. Nach seinem regulären Einsatz kam es zu dem Sonderauftrag. Auch am nächsten Tag ging es mit dem gewöhnlichen Dienst weiter. Seine Frau wusste während der ganzen Zeit nicht, wo ihr Mann nach seinem üblichen Feierabend war. Er „war um fünf Uhr wieder zurück in Hoyerswerda, nach einer Dienstzeit von 25 Stunden“, liest Jörg Michel vor.

Frank Hirche erinnert sich an diese Tage im September zurück und bedauert, nicht von Kollegen um Hilfe gebeten worden zu sein, er spricht von freundschaftlichen Verbindungen. Heute ist er „erschüttert über das Handeln der Laubag“, dass heute noch Forderungen gestellt werden. Er möchte eine finanzielle Hilfe für die Betroffenen anstreben.

Waltraut Spill kommt zu der Runde hinzu und erklärt, dass Mosambik sie gerettet habe: 1991 verlor sie ihre Tochter und hat Weihnachten in dem fernen Land verbracht. Mit der Gründung eines Vereins 1995 hat sie ein ungebrochenes Engagement an den Tag gelegt, eine Tischlerei aufgebaut, eine Schule und später ein Gesundheitszentrum. Sie hat dort eine Familie gefunden, war achtmal in ihrer zweiten Heimat. Es ist rührend, als sie erzählt, dass sie seit 20 Jahren „ihre Familie“ in Mosambik alle zwei Monate unterstützt.

Ihre Bemühungen sollen nicht die Einzigen bleiben: Es gründet sich 2006 die Initiative Zivilcourage, 2014 „Hoyerswerda hilft mit Herz“ und nicht zu vergessen die Gruppe Progrom 91, die diesen neuen Begriff ins Spiel brachte, den nicht alle am Runden Tisch mittragen. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es begründet, erklärt der Historiker Christoph Wowtscherk. Jörg Michel nennt die ausgebrochene Debatte den „Kampf um die Deutungshoheit“. Das habe sich auf das Ansehen der Stadt gelegt, vermutet Frank Hirche.Julia Oelkers ergänzt die Runde und spricht von einem Schock, als die Angriffe passierten. „Das hat mein Weltbild verändert. Es wurden Menschen angegriffen, die schon zehn Jahre hier lebten und mit anderen Bürgern arbeiteten.“ Sie erzählt vom Abbruch eines Drehs Jahre später in der Stadt mit einem ehemaligen Vertragsarbeiter – wegen rassistischer Beleidigungen. „Damals habe die Stadt nicht die Initiative ergriffen.“ Das sei heute anders, wie auch dieses Wochenende gezeigt hat.

Wo stehen wir heute?

Dem Bürgerbündnis, das sich einst gründete, bevor die ersten Flüchtenden in die Stadt kamen, wird als positives Zeichen gedeutet. Es zeigt, „dass die Hoyerswerdaer ’91 verstanden haben“, ist für Ralf Haenel klar. „Wir müssen in der Offensive bleiben“, steht aber genauso fest.

Vorfälle, die es bereits am 1. Mai 1990 gab, kommen zur Sprache und die Sorge, dass der schleichende Prozess langsam Auseinandersetzungen dieser Art hat zur Normalität werden lassen. „Vielleicht wurde deshalb zu wenig reflektiert, dass es Gruppierungen gab“, lautet eine Mutmaßung. Dass auch nach den Septembertagen ’91 die rechte Gewalt nicht endete, war eine weitere Anmerkung aus dem Publikum, die aufwecken sollte.

Wo stehen wir heute, wird in der Raum gestellt. Christoph Wowtscherk betont, dass ein Gedenken „nicht zum Ritual erstarren“ darf. Er fordert weiterhin Lebendigkeit und Austausch. Weiter regt er an, mit Geflüchteten das Gespräch zu suchen, wie ihre Gegenwart und Zukunft aussieht – in Hoyerswerda.

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