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Wenn ein Kind zwei Familien braucht

Theresia Bialas aus Wittichenau war 24 Jahre lang als Pflegemutter für das Jugendamt tätig.

Das Landratsamt Bautzen sagt, Pflegeeltern würden Kindern in Not eine Chance geben.
Das Landratsamt Bautzen sagt, Pflegeeltern würden Kindern in Not eine Chance geben. © Foto: Romolo Tavani / stock.adobe.com / Montage: B

Wittichenau. Schulnote 2,3 – gut. So schneidet die Familienpolitik in der Stadtregion Hoyerswerda im Familienkompass von Sächsischer Zeitung, Leipziger Volkszeitung und Freier Presse ab. In Wittichenau etwa, sagt Theresia Bialas, bietet sich der Spielplatz am Stadtteich für die Freizeitgestaltung an. Kinderärzte gibt es in Groß Särchen und in Hoyerswerda. „Für mich war das ausreichend“, schätzt die Wittichenauerin ein. Und eigens für einen ihrer Schützlinge, der eine Behinderung hat, hat der damalige Kindergarten Jakubetzstift sogar die Umwandlung zur Integrations-Kita in Angriff genommen. Auch die Stadtverwaltung habe ein offenes Ohr: „Der Draht ins Rathaus ist ganz gut, weil hier jeder jeden kennt.“

Alles, was gebraucht werde, sei in Wittichenau auch vorhanden. Dafür, was die Bedürfnisse von Kindern und Familien angeht, ist Theresia Bialas eine ausgewiesene Expertin. Sie und ihr Mann haben nicht nur drei eigene Töchter großgezogen. Im Herbst 1996 nahmen sie auch erstmals ein Pflegekind auf, ein Baby. Insgesamt 15 Mal haben sie seither geholfen, wenn das Jugendamt jemanden brauchte, weil leibliche Eltern aufgrund ihrer Lebensumstände sich temporär oder permanent nicht um ihre Kinder kümmern konnten. Als im April ein dreijähriger Junge nach einem Jahr unter den Fittichen vor allem von Theresia Bialas zu seinem Vater zurückkonnte, beendete die gelernte Krippenerzieherin ihr Engagement. Sie ist jetzt 69. „In der Regel ist mit dem Renteneintritt Schluss“, sagt Susanne Hantusch, die beim Landratsamt Bautzen den Pflegekinderdienst leitet.

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Sie war dieser Tage nicht nur in Wittichenau, um sich bei Theresia Bialas für die langjährige Tätigkeit zu bedanken. Mit Petra Köpke hörte auch in Maukendorf eine langjährige Pflegemutti auf. „Wir schätzen sehr, mit wie viel Herz die beiden Frauen aktiv gewesen sind“, sagt die Jugendamtsmitarbeiterin – und fügt an, diese Einschätzung gelte für alle Pflegefamilien. 210 sind derzeit im Kreis Bautzen aktiv, betreuen insgesamt 240 Mädchen und Jungen. „Die Gründe dafür sind verschieden. Sie reichen von Überforderung, Krankheit und Sucht der Eltern bis hin zu Gewalt in der Familie“, so das Landratsamt. Die betroffenen Kinder hätten also Erfahrungen gemacht, die die Seele belasten. Theresia Bialas möchte trotzdem keinen Tag als Pflegemutti missen: „Mich hat es richtig glücklich gemacht, weil ich gern mit Kindern arbeite. Da bleibt man jung.“ Wenn sich jemand entscheidet, ein Pflegekind aufzunehmen, prüft das Jugendamt zunächst, ob die potenzielle Pflegefamilie geeignet ist. Im Anschluss gibt es einen Kurs. Denn ganz einfach ist die Sache nicht nur wegen der Umstände, aus denen die Kinder kommen, nicht. In Betreuung und Erziehung einzubeziehen ist nicht nur das Jugendamt. Sondern auch die leiblichen Eltern sollen unbedingt Kontakt halten. Die Rede ist amtlicherseits von Kindern mit zwei Familien. „Man muss offen dafür sein“, sagt Theresia Bialas. Zwar nicht zu allen Pflegekindern, aber doch zu vielen, hält sie bis heute zumindest telefonisch Kontakt. Sie war aber auch schon zum Schulanfang eingeladen. Und das erste Pflegekind lebt sogar noch mit im Haus. Das Baby von 1996 ist inzwischen ein junger Mann. Er hat Trisomie 21, das sogenannte Down-Syndrom – eine zusätzliche Herausforderung für die Pflegeeltern, insbesondere auch bezüglich des Kontaktes zu den leiblichen Eltern.

Theresia Bialas sagt, man sollte sich schon sehr gut überlegen, ob man in der Lage sei, Pflegekinder zu betreuen. Sie selbst jedenfalls habe das immer als Bereicherung verstanden. Und das Jugendamt zieht zumindest bei kleineren Kindern die Unterbringung bei Pflegeeltern einer Unterbringung in einem Wohnheim vor. „Eine Familie bietet die besten Möglichkeiten, die individuelle Entwicklung zu fördern und eine kontinuierliche Betreuung zu sichern“, heißt es vom Landratsamt. Daher freue man sich auch jederzeit, wenn sich jemand meldet, der sich vorstellen kann, Pflegekinder aufzunehmen.

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